Trans Day of Remembrance 2025 – Essay in zwei Akten

Heute ist Transgender Day of Remembrance.
Ein Tag, an dem Zahlen zu Geschichten werden und Schweigen zu Erinnerung.
Die aktuellen Daten des Trans Murder Monitoring zeigen eine Gewalt, die nicht zufällig ist – und eine Unsichtbarkeit, die gefährlich wird. Die neuen TGEU-Zahlen zeigen: trans Menschen, besonders trans Frauen of Colour und Aktivist*innen, werden weiterhin gezielt angegriffen. Weniger dokumentierte Morde bedeuten nicht weniger Gewalt, sondern weniger Aufmerksamkeit. Der Trans Day of Remembrance ist ein Tag voller Namen, die fehlen – und voller Mut derer, die weiterleben und weiterkämpfen.
Warum dieser Tag so notwendig bleibt, und was er theologisch bedeutet, darüber schreibe ich hier.

„Wir nennen die Namen, weil die Welt sie zu oft verschweigt“

I. Akt: Politisch

Der 20. November ist ein stiller Tag mit lauten Zahlen.
Ein Tag, an dem Kerzen brennen, weil Menschen nicht mehr leben.
Ein Tag, an dem trans Gemeinschaften weltweit zusammenkommen, um das zu tun, was oft niemand sonst tut: die Namen nennen, die Geschichten erinnern, die Menschlichkeit festhalten.

Der Trans Day of Remembrance wurde 1999 ins Leben gerufen. Er begann mit einem einzigen Namen: Rita Hester, einer Schwarzen trans Frau, die in Massachusetts ermordet wurde. Seitdem ist der 20. November ein globaler Gedenktag, an dem die Gewalt sichtbar gemacht wird, die trans und geschlechtsdiverse Menschen trifft.

In diesem Jahr veröffentlichte Transgender Europe (TGEU) erschütternde Zahlen:
Zwischen Oktober 2024 und September 2025 wurden weltweit 281 trans und geschlechtsdiverse Menschen ermordet.
Seit 2009 dokumentiert TGEU 5322 Fälle. Das sind keine abstrakten Daten. Das sind Leben, Hoffnungen, Freundschaften, Stimmen, die fehlen.

Die neue Statistik zeigt einen gefährlichen Trend:
Trans Aktivist*innen machen inzwischen 14 % der Ermordeten aus.
Sie sind damit — nach Sexarbeiter*innen (34 %) — die zweitgrößte Gruppe unter den Opfern.
TGEU spricht von einem gezielten Angriff auf diejenigen, die sich für Freiheit, Sichtbarkeit und gleiche Rechte einsetzen:

„Ein bewusster Versuch, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die für Gleichberechtigung kämpfen.“

Auch andere Zahlen sind auffallend konstant — und deswegen umso alarmierender:

  • 90 % der Ermordeten waren Femizide, also transfeminine Menschen.
  • 88 % waren People of Colour.
  • Die meisten Fälle ereigneten sich weiterhin in Lateinamerika und der Karibik, allen voran in Brasilien.
  • Europa verzeichnete fünf Morde – die niedrigste Zahl seit Beginn der Erhebung, aber das bedeutet nicht Sicherheit, sondern oft Unsichtbarkeit.

Denn obwohl die Gesamtzahl der Morde im Vergleich zum Vorjahr (350 Fälle) gesunken ist, warnen die Organisationen ausdrücklich:
Weniger dokumentierte Morde bedeuten nicht weniger Gewalt.
Sie bedeuten:
– weniger Medienberichte
– schlechtere Auffindbarkeit durch Algorithmen
– ein Klima, in dem trans Leben weniger berichtenswert erscheint

Dass Gewalt unsichtbar wird, ist selbst eine Form der Gewalt.

Und genau deshalb braucht es diesen Tag.

Der Trans Day of Remembrance ist kein Event.
Er ist ein Mahnmal.
Ein Widerstandsmoment.
Ein leises, aber konsequentes „Wir vergessen euch nicht.“

Er ist auch ein Spiegel. Er zeigt, wie sehr unsere Gesellschaften noch immer darum ringen, trans Leben als gleichwertig anzuerkennen.

Und er ist eine Aufgabe — für Politik, für Medien, für Schulen, für Nachbarschaften, für Kirchen.
Denn die Gewalt beginnt nicht beim Mord, sondern viel früher:
in Worten, in Witzen, in Kommentaren, in Gesetzesentwürfen, in Talkshows, in Social-Media-Kampagnen, die Menschen entmenschlichen und andere ermutigen, Grenzen zu überschreiten.

Der heutige Tag ist ein Ruf:
Schützt trans Menschen. Glaubt ihnen. Hört ihnen zu. Lasst sie leben — und lasst sie aufblühen.

II. Akt: Theologisch

Wie kann man angesichts solcher Zahlen theologisch sprechen, ohne zu verharmlosen?
Wie kann Glaube Worte finden, wenn die Gewalt überwältigt?

Vielleicht beginnt es damit, dass wir uns erinnern, dass die Bibel selbst ein großes Erinnerungsbuch ist.
Gott sagt immer wieder: „Vergiss nicht.“
Vergiss nicht die Bedrängten.
Vergiss nicht die Namen.

Die jüdisch-christliche Tradition weiß:
Namen bewahren heißt Menschen bewahren.
Wer Gott ernst nimmt, nimmt die Erinnerung ernst.

Der Trans Day of Remembrance ist daher ein zutiefst spiritueller Akt:
Er hält fest, was Gott sieht, auch wenn die Welt wegschaut.

1. Die Theologie der Erinnerung

Gedenken ist nicht passiv.
Es ist Widerstand.
Es ist die Weigerung, dass die Toten ein letztes Mal ausgelöscht werden — diesmal aus der Öffentlichkeit.

Im Alten Testament ist Gerechtigkeit untrennbar mit Erinnerung verbunden.
Der Ruf der Opfer steigt zu Gott, heißt es.
Gott hört das Blut Abels schreien.
Was uns heute wie Metapher erscheint, ist eigentlich eine spirituelle Wahrheit:
Gewalt ruft. Und Gott hört.

Am Trans Day of Remembrance schließen wir uns diesem Hören an.

2. Leid, Gottesnähe und reale Solidarität

Trans Menschen erleben Gewalt, Ausgrenzung, Misgendern, rechtliche Einschränkungen, Verlust von Familie, ökonomische Unsicherheit, medizinische Hürden, Traumatisierungen.
Gott zeigt sich in der Bibel immer auf der Seite derer, die am Rand stehen:
bei Hagar in der Wüste, bei den Entrechteten, bei den Gefangenen, bei den Verletzlichen.

Wenn wir davon reden, sollten wir das nicht romantisieren — sondern politisieren.
Gott ist nicht neutral.
Gott stellt sich zu denen, die verletzt werden.
Das ist die Option Gottes für die Verletzlichen.

3. Gerechtigkeit: ein theologischer Imperativ

Gerechtigkeit ist biblisch nicht bloß moralische Sauberkeit, sondern ein strukturelles Wort.
Es meint:
– Schutz
– faire Verhältnisse
– das Brechen von Unterdrückung
– das Schaffen von Lebensräumen

Wenn also trans Menschen bedroht, angegriffen und ermordet werden, ist das ein theologischer Skandal.
Es verletzt das Ebenbild Gottes in ihnen.
Es entweiht Leben.

Damit ist der Einsatz für trans Sicherheit nicht irgendein „gesellschaftliches Engagement“, sondern ein geistlicher Auftrag.

4. Wie Gemeinden handeln können

Was bedeutet das für Kirchen?

  • Erinnern: Namen nennen, Kerzen entzünden, Räume des Gedenkens schaffen.
  • Aufklären: Transfeindlichkeit als Sünde benennen, als strukturelle Ungerechtigkeit, nicht als „Meinungsverschiedenheit“.
  • Schützen: Gemeinden müssen sichere Orte werden — pastoral, liturgisch, praktisch.
  • Zuhören: Trans Stimmen ernst nehmen, nicht über sie reden, sondern mit ihnen.
  • Segnen: Trans Leben feiern, würdigen, stärken — ohne pathologisierende Bedingungen.
  • Fürbitten: Nicht allgemeines „Für die Welt“, sondern konkrete Solidarität.

5. Hoffnung – keine billige, aber eine tragfähige

Das christliche Hoffnungsbild ist kein: „Es wird schon alles gut.“
Es ist ein:
„Gott bleibt bei euch. Gott weint mit euch. Gott richtet auf.“
Es ist die Vision eines Reiches ohne Gewalt, ohne Hass, ohne Angst.
Nicht als Flucht, sondern als Orientierung.

Hoffnung heißt:
Wir leben heute schon so, als würde diese Welt morgen wahr.

Schluss

Der Trans Day of Remembrance ist ein Tag des Schmerzes.
Und er ist ein Tag der Liebe.
Weil jede Kerze sagt: Du warst hier. Du fehlst. Du bist nicht vergessen.

In einer Welt, die trans Leben oft unsichtbar macht, ist unser Gedenken keine Nebensache.
Es ist heilig.
Es ist notwendig.
Es ist politisch.
Und es ist — zutiefst — theologisch.

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