Dieser Text ist in zwei Teilen geschrieben.
Er beginnt dort, wo wir eigentlich alle beginnen sollten: bei der Tragödie von Crans-Montana, bei den Opfern, bei der Trauer, beim Mitgefühl mit den Betroffenen und ihren Familien.
Erst danach wendet er sich dem zu, was mich erschüttert hat: wie schnell inmitten von Leid und Solidarität antisemitische Erzählungen, Verdächtigungen und Verschwörungsmythen laut wurden – selbst dort, wo Hilfe angeboten wurde.
Dieser Text ist keine Spekulation, keine politische Abrechnung.
Er ist der Versuch, bei den Menschen zu bleiben – und dem Hass nicht das letzte Wort zu lassen.
Teil 1: Die Tragödie
Die Ereignisse von Crans-Montana haben viele Menschen tief erschüttert.
Bei einem Brand in einer Bar bzw. Disco kamen Menschen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Für die Familien, Freundinnen und Freunde der Betroffenen ist das ein Einschnitt, der sich nicht in Worte fassen lässt. Nichts kann das Leid aufwiegen, nichts kann den Schmerz einfach lindern.
In solchen Momenten geht es zuerst und vor allem um eines: Mitgefühl.
Um Anteilnahme. Um das stille Wissen, dass ein Leben plötzlich zerbrochen ist und dass andere mit Verletzungen, Traumata und Verlust weiterleben müssen.
Auch die Menschen in Crans-Montana selbst sind betroffen – eine Gemeinde, die trauert, die erschüttert ist, die versucht, mit dem Geschehenen umzugehen. Ihnen gilt unser Beileid ebenso wie allen, die Angehörige verloren haben oder um sie bangen.
In der Berichterstattung wurde außerdem erwähnt, dass sich im selben Gebäudekomplex ein Chabad-Gebetshaus befindet und dass unter den Vermissten auch drei jüdische Menschen sind. Das ist eine sachliche Information – nicht mehr und nicht weniger. Jede Zeitung berichtet aus ihrer jeweiligen Perspektive: Eine schweizerische Zeitung über Schweizerinnen und Schweizer, eine spanische über spanische Staatsbürger, eine jüdische Zeitung über jüdische Menschen. Das schmälert weder das Leid anderer noch setzt es irgendein Leben über ein anderes.
An diesem Punkt sollte der Blick eigentlich verweilen:
bei den Opfern, bei der Trauer, bei der Solidarität.
Gerade deshalb ist das, was danach folgte, so verstörend.
Teil 2: Hilfe – und Hass
Nach der Tragödie nahm der israelische Staatspräsident Isaac Herzog Kontakt mit dem Schweizer Bundespräsidenten Guy Parmelin auf. Er sprach sein Beileid aus und bot den Schweizer Behörden Unterstützung an. Israel verfüge, so Herzog, über langjährige Erfahrung und spezialisierte Fähigkeiten bei der Identifizierung von Brandopfern sowie in der Behandlung von Brandverletzungen – Kompetenzen, die sich aus der Bewältigung zahlreicher Notfälle und Katastrophen ergeben haben.
Bundespräsident Parmelin dankte für den Anruf und das Angebot. Er schilderte die laufenden Rettungs- und Unterstützungsmaßnahmen vor Ort sowie die internationale Zusammenarbeit, unter anderem mit Frankreich und Italien. Das Schweizer Außenministerium wurde angewiesen, bei Bedarf mit der israelischen Botschaft in Kontakt zu bleiben.
Das ist – nüchtern betrachtet – nichts Außergewöhnliches.
Staaten helfen einander bei Katastrophen. Expertise wird angeboten, geprüft, angenommen oder abgelehnt. Genau so funktioniert internationale Solidarität.
Und doch schlug in den Kommentarspalten genau an diesem Punkt der Ton um.
Plötzlich wurde Hilfe nicht mehr als Hilfe gelesen, sondern als Schuldbeweis.
Das Angebot Israels wurde gedeutet als Versuch, „Spuren zu verwischen“, „Geld zu verdienen“, „Beweise zu beseitigen“; ein Beweis dafür, dass „Zionisten nichts umsonst machen“ und „die Juden dahinterstecken“ Es wurde behauptet, Israel stecke hinter der Katastrophe selbst – wie auch angeblich hinter „90% aller Gräueltaten weltweit“. Alte Verschwörungsmythen wurden hervorgeholt: 9/11, andere Gebäudeeinstürze, geheime Netzwerke, angebliche Allmacht.
Hinzu kamen offene Beschimpfungen, Nazi-Vergleiche, Gewaltfantasien und Drohungen gegen Jüdinnen und Juden. Aus einem Moment der Trauer wurde ein Schauplatz für Hass.
Auffällig ist dabei:
Unter den Artikeln der Jüdischen Allgemeinen richtete sich die Kritik ausschließlich dagegen, dass Juden über jüdische Menschen berichten. Nicht gegen den Inhalt, nicht gegen Fehler, nicht gegen mangelndes Mitgefühl – sondern allein gegen die Existenz einer jüdischen Perspektive. Daraus wurde dann der alte Vorwurf konstruiert, Juden würden sich „nur um Juden kümmern“, alle anderen seien ihnen egal.
Das ist kein Missverständnis.
Das ist ein bekanntes antisemitisches Muster.
Es zeigt sich hier besonders deutlich, wie Verschwörungserzählungen funktionieren: Hilfe wird umgedeutet, Mitgefühl verdächtigt, jede Handlung als Beweis für Schuld gelesen. Egal, was geschieht – es passt immer ins vorgefertigte Narrativ.
Gerade deshalb ist es so wichtig, hier innezuhalten und klar zu bleiben.
Diese Tragödie ist keine Bühne für Ideologien.
Sie ist kein Beleg für irgendetwas Politisches.
Sie ist ein menschliches Unglück.
Schluss
Am Anfang und am Ende dieses Textes stehen die gleichen Menschen:
die Opfer, die Verletzten, die Trauernden.
Ihnen gilt unser Mitgefühl.
Den Rettungskräften gilt unser Dank.
Und unserer Gesellschaft gilt die Aufgabe, in Momenten des Schmerzes nicht den Hass lauter werden zu lassen als die Menschlichkeit.
Solidarität ist kein Verbrechen.
Hilfe ist kein Schuldeingeständnis.
Und Trauer sollte niemals instrumentalisiert werden.
Und Beispiele der dazugehörigen Kommentare:








