Es ist warm hier, die Heizungen laufen
WLAN stabil, man kann alles gut glauben
Die Stadt voller Plakate, Moral in Neon
Alle wissen genau, wer heute der Feind ist schon
Jede Woche Parolen, jede Woche Geschrei
Fahnen im Wind, alles „Free“, alles „Fight“
Und ich steh daneben und merk irgendwann
Dass ihr sehr laut seid – aber nur dann
In Zürich steht einer mit venezolanischer Flagge
Ruft von Freiheit, Revolution, Courage
Ein Mann tritt vor, leise, kein Megafon
Sagt: „Keiner von euch kommt aus meiner Nation.“
„Ich wurde gefoltert. Ich bin geflohen.
Ich kenn das Regime, das ihr hier belohnt.“
Ihr schaut auf den Boden, es wird still
Solidarität endet, wenn sie nicht passen will
Im Iran geht das Internet aus
Nicht wegen Technik – wegen Applaus
Damit keiner sieht, wie man Menschen erschießt
Damit keiner zählt, wer heute noch lebt
Frauen verschwinden, Namen verschwinden
Aber kein Hashtag will sich mehr finden
Zu kompliziert, sagt ihr, falscher Kontext
Nicht der richtige Feind, nicht der richtige Text
Kurden in Aleppo rennen um ihr Leben
Kein Chor, kein Singen, kein Kerzengeben
Und in Berlin schüttelt man Hände gestriegelt
Bart abrasiert, Geschichte versiegelt
Kamera klickt, Politiker lachen
Während anderswo Gräber aufbrechen
Man nennt es Diplomatie, ich nenn es Verrat
Mit sauberem Hemd und blutiger Saat
Und ihr?
Ihr seid müde vom Menschsein
Aber fit für Israel
Ihr schreit euch heiser an jeder Ecke
Während hier Synagogen brennen wie Deko
Davidsterne verschwinden von Türen und Herzen
Namen werden kürzer, weicher, ohne Schmerzen
Kill your local Zionist –
steht da wie ein Witz
Und ich weiß auf einmal ganz genau
Meinen Tod würdet ihr feiern, nicht nur in Grau
Einst dachte ich, wir wären Freunde
Gleiche Demos, gleiche Abende
Gleiche Worte von Würde und Recht
Heute weiß ich: Nein. Nicht echt.
Menschen in Wärme, Sicherheit, Freiheit
Entscheiden, dass andere weiter leiden
Dass sie gefoltert, verschwunden, verbrannt
Damit ihr Weltbild heil bleibt, wie geplant
Ihr nennt euch die Guten, die Klugen, die Reinen
Und tretet Geschäfte ein im Namen der Deinen
Malt Dreiecke, ruft Intifada im Chor
Und sagt dann: „Das ist doch nicht antisemitisch, hör!“
Wenn es die Juden trifft, seid ihr laut
Wenn es andere trifft, wird weggebaut
„Ist kompliziert“, sagt ihr, „nicht unsere Sache“
Während anderswo niemand mehr Witze macht, lacht
Sie sagen: „Wir stehen mit allen Frauen“
Und klatschen sich warm in sicheren Zonen
Feminismus auf Stoff, Slides, Profilen
Aber nicht, wenn Frauen wirklich fliehen
Denn Frauen im Iran, die Freiheit schrei’n
Sind zu laut, zu falsch, zu rein
Zu sehr Subjekt, zu wenig Symbol
Zu unbequem für euer Protokoll
Jesidinnen, verkauft, vergewaltigt, verschleppt
Schon vorher gemordet, systematisch, perfekt
Und ihr wart still – kein Schrei, kein Chor
Es war ja nicht Israel, also kein Skandal davor
Euer Feminismus endet dort, wo Israel nicht schuld ist.
Kurdische Frauen zuerst, wie immer zuerst
Seit Jahren geopfert, verfolgt, entwertet
Nie Heldinnen eurer Theorie
Zu real für ein feministisches „Wir“
Ihr nennt es Kontext, ich nenn es Auswahl
Wessen Leid euch bewegt, wessen nicht mal als Zahl
Und echter Widerstand passt nicht ins Bild
Wenn er nicht euren Feind bestätigt, den ihr wollt
Al-Jolani schüttelt Hände in Berlin
Während in Aleppo die Kurden gejagt werden
Und die Politiker lächeln in die Kamera
Geschichte poliert, Blut unter dem Teppich
Ihr seid laut gegen Israel, jeden Tag
Und doch bleibt das andere Schweigen ungesagt
Ihr wählt Komfort über Moral, Bequemlichkeit über Mut
Und nennt das Menschlichkeit, nennt das Gut
Januar, Westen, Monate gleich
Die Straßen hell, die Herzen nicht weich
Ihr schaut weg, wo andere fallen, vergehen
Und der Titel sagt es leise, aber klar:
Januar im Westen.