Wenn Worte und Zeichen zu Waffen werden

Ein Kommentar unter einem Demoaufruf in Winterthur lautet:
„Bondi Beach war erst der Anfang. Lang lebe die Intifada.“

Nur wenige Wochen nach einem antisemitischen Terroranschlag, bei dem während einer Chanukka-Feier 15 Menschen ermordet wurden, wird Gewalt offen gefeiert – mitten in Europa, mitten in der Öffentlichkeit. Dieser Text setzt sich mit der Sprache, den Symbolen und der politischen Verantwortung auseinander, die hinter solchen Aussagen stehen. Es geht um Kufiyas, rote Dreiecke, den Begriff „Intifada“ – und darum, warum das alles keine Meinungsäußerung mehr ist, sondern eine gefährliche Grenzüberschreitung.

In wenigen Tagen, am 28. Januar 2026 um 18 Uhr, hat die Gruppe „Wintifada“ zu einer Demonstration am Grabenplatz in Winterthur aufgerufen. Schon die Ankündigung sorgt für Besorgnis: Das Bild zeigt ein olivgrünes und rotes Kufiya-Muster im Hintergrund, darüber steht in großen Lettern „Kein Fußbreit dem Zionismus!“ Dazu ein arabischer Text und die Aufforderung: Bringt Fahnen, Kufiyas, Trillerpfeifen mit.

Was auf den ersten Blick wie politische Kritik aussehen mag, ist bei näherer Betrachtung ein Konvolut von Symbolik, Sprache und historischen Bezügen, das weit über legitime politische Meinungsäußerung hinausgeht. Besonders alarmierend ist ein Kommentar unter dem Post:

Bondi Beach war erst der Anfang. Lang lebe die Intifada“ – mit einem roten Dreieck.

Screenshot

Und dieser Kommentar ist kein harmloses Statement, sondern eine offene Verherrlichung von Gewalt im Kontext eines realen, traumatischen Anschlags vor nur wenigen Wochen.

Bondi Beach: Ein Terroranschlag, der noch nachwirkt

Am 14. Dezember 2025 verübten zwei islamistische Attentäter während einer Chanukka-Feier am Bondi Beach in Sydney, Australien, einen antisemitischen Terroranschlag. 15 Menschen wurden getötet, darunter ein Kind, und 43 weitere teils schwer verletzt, bevor die Polizei die Täter stoppten. Insgesamt fielen in den sechs Minuten über 100 Schüsse – ein Angriff von erschreckender Brutalität und Präzision.

Dass dieser Anschlag in einem Demo-Kommentar nun als „Anfang“ gefeiert wird, ist mehr als nur provokativ – es ist eine direkte ideologische Nähe zur Gewalt, kurz nach dem Ereignis, das weltweit Bestürzung ausgelöst hat.

Warum die Kufiya in diesem Kontext belastet ist

Die Kufiya (auch „Keffiyeh“ genannt) ist ein traditionelles arabisches Kopftuch, das ursprünglich als praktischer Schutz gegen Sonne, Staub und Sand getragen wurde. Der Name leitet sich etymologisch von der Stadt Kufa im Irak ab.

Historisch war das Tuch regional verbreitet, doch im 20. Jahrhundert entwickelte es sich zu einem politischen Symbol der palästinensischen Identität und des Widerstands:

  • Bereits während der Arabischen Revolte gegen die britische Mandatsmacht (1936–1939) wurde die Kufiya unter dem palästinensischen Führer Haj Amin al-Husseini zum Zeichen des bewaffneten gewaltvollen Widerstands. Al-Husseini wandte sich nicht nur gegen das britische Mandat, sondern auch gegen die jüdische Bevölkerung und arbeitete aktiv mit Hitler zusammen, von dem er sich eine Verbreitung der Endlösung bis in den Nahen Osten erhoffte.
  • Später prägte Yasser Arafat das Bild der schwarz-weißen Kufiya als Symbol für die palästinensische Nationalbewegung.

Für viele, besonders in jüdischen Gemeinschaften, ist die Kufiya im politischen Kontext kein neutrales Kleidungsstück mehr, sondern steht für eine Bildsprache, die mit bewaffnetem Widerstand, Delegitimierung Israels und teilweise auch antisemitischen Parolen verknüpft ist. Diese Wahrnehmung hat historische und emotionale Gründe, weil das Tuch in der politischen Symbolik häufig mit Bewegungen und Aussagen in Verbindung gebracht wurde, die die Zerstörung eines jüdischen Staates oder Gewalt gegen jüdische Menschen thematisieren.

Es ist wichtig zu betonen: nicht jede Person, die eine Kufiya trägt, ist antisemitisch. Aber in bestimmten Demonstrations-Settings wird dieses Symbol bewusst als politisches Statement genutzt, das für viele Jüdinnen und Juden eine Alarmreaktion auslöst, weil es in einem historisch aufgeladenen politischen Kontext steht.

Das rote Dreieck: Symbolik, Geschichte, Krieg

Das rote Dreieck, das im Kommentar neben dem Aufruf auf „Intifada“ verwendet wurde, mag auf den ersten Blick abstrakt erscheinen, doch es hat mehrere geschichtliche und politische Lagen:

  1. Historische Verwendung in der europäischen Geschichte:
    Im Nationalsozialismus wurden farbige Dreiecke genutzt, um Häftlingsgruppen in Konzentrationslagern zu klassifizieren; rote Dreiecke markierten politische Häftlinge. Dieses Bild ist in historischen Darstellungen und Erinnerungen tief verankert.
  2. Arabische Nationalbewegung:
    Das rote Dreieck war als Gestaltungselement auf Flaggen während des Arabischen Aufstands (1917) und später im Arabischen Aufstand in Palästina (1936–1939) zu sehen, lange bevor es moderne politische Symboliken annahm.
  3. Aktuelle Propaganda im Krieg:
    Seit Anfang des Gaza-Kriegs im November 2023 nutzen die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Arm der Hamas, das rote Dreieck in ihren Propagandavideos, um israelische Ziele zu markieren, bevor sie angegriffen werden. Dieses visuelle Zeichen ist damit nicht nur historisch, sondern direkt in die militärische Sprache des Krieges eingebettet.

Die Verwendung dieses Symbols durch Protestierende in Europa übernimmt bewusst Elemente aus dem Kriegsgeschehen, was zeigt, wie stark sich Teile der globalen Protestkultur mit konkreter Kriegssprache und -symbolik identifizieren – teils ohne kritische Reflexion.

Doch die Verwendung des roten Dreiecks bleibt nicht auf abstrakte Symbolik beschränkt. In den letzten Tagen haben bernische pro-palästinensische Gruppen Bilder veröffentlicht, die Polizistinnen und Polizisten zeigen, welche den „Silent Walk gegen Antisemitismus“ schützten – über dem Kopf jedes einzelnen Polizisten ein rotes Dreieck.

Spätestens hier verlässt das Symbol den Bereich politischer Bildsprache. In der militärischen Logik, aus der dieses Zeichen stammt, bedeutet eine solche Markierung Zielerfassung. In Propagandavideos der Hamas werden rote Dreiecke genutzt, um Personen, Fahrzeuge oder Gebäude zu kennzeichnen, kurz bevor sie angegriffen oder zerstört werden. Diese Semantik ist bekannt, sie ist dokumentiert, und sie ist bewusst gewählt.

Wenn nun reale Menschen – Polizisten, die einen stillen Gedenkmarsch schützen – nachträglich mit genau diesem Symbol versehen werden, dann ist das keine Metapher mehr. Es ist eine visuelle Drohung. Eine nachträgliche Zielmarkierung, die sagt: Wir wissen, wer ihr seid. Wir sehen euch. Ihr seid markiert.

Noch bedrohlicher wird es, wenn rote Dreiecke über Arbeitsorten, Wohnhäusern oder öffentlichen Gebäuden platziert werden – sei es in Bildern, Grafiken oder Markierungen im öffentlichen Raum. In einem Klima, in dem reale Anschläge, Einschüchterungen und Brandstiftungen stattgefunden haben, funktioniert diese Symbolik nicht abstrakt. Sie wirkt konkret. Sie erzeugt Angst. Sie signalisiert Gewaltbereitschaft.

Gerade deshalb ist es fatal, diese Bildsprache als bloße Provokation oder als Ausdruck politischer Meinungsfreiheit abzutun. Wer Menschen oder Orte mit Symbolen markiert, die aus militärischer Zielkennzeichnung stammen, verlagert den Protest in die Logik des Krieges. Und Kriegssprache kennt keine Unbeteiligten.

Wenn politische Kritik zu Aggression wird – oder schlimmer

Kritik an israelischer Politik ist ein legitimer Teil politischer Debatten. Aber es gibt eine Grenze zwischen:

  • Kritik an politischen Entscheidungen, Regierungshandeln oder militärischen Maßnahmen
    und
  • Verherrlichung von Gewalt, Delegitimierung eines Staates oder Identifikation mit terroristischer Gewalt.

Der Satz „Bondi Beach war erst der Anfang“ ist nicht nur politisch zugespitzt formuliert – er ist ein ideologisches Statement, das Gewalt verherrlicht und zeigt, wie bestimmte Protestformen schnell in gefährliche Rhetorik kippen können.

Auch der Slogan „Kein Fußbreit dem Zionismus!“ ist mehr als eine programmatische Aussage gegen eine politische Ideologie – er nutzt eine Sprache, die oft in antisemitischen Kontexten auftaucht, um nicht nur Staatspolitik, sondern jüdische Existenz selbst zu delegitimieren.

„Intifada“ – vom beschönigten Begriff zur offenen Gewaltverherrlichung

In pro-palästinensischen Kontexten wird immer wieder behauptet, der Begriff „Intifada“ bedeute lediglich „Aufstand“ oder „Abschütteln“ und habe mit Gewalt nichts zu tun. Dieser Verweis auf die arabische Wortwurzel wird häufig genutzt, um Kritik abzuwehren, insbesondere dann, wenn auf die historischen Intifadas hingewiesen wird, die von systematischer Gewalt, Terroranschlägen und gezielten Angriffen auf Zivilist*innen geprägt waren.

Diese Argumentation hält jedoch der Realität nicht stand – und sie wird durch Kommentare wie den hier zitierten selbst entlarvt:

„Bondi Beach war erst der Anfang. Lang lebe die Intifada.“

Wer wenige Wochen nach einem antisemitischen Terroranschlag, bei dem während einer Chanukka-Feier jüdische Menschen ermordet wurden, genau dieses Ereignis als „Anfang“ bezeichnet und es mit einem „Lang lebe die Intifada“ verknüpft, weiß sehr genau, was mit diesem Begriff gemeint ist. Hier geht es nicht um abstrakten Widerstand, nicht um zivile Protestformen, nicht um „Aufbegehren gegen Unterdrückung“.

Hier geht es um Gewalt.

Und mehr noch: Es geht um Gewalt gegen jüdisches Leben.

Denn der Bezug richtet sich in diesem Kommentar weder gegen eine konkrete israelische Regierung noch gegen bestimmte politische Entscheidungen. Er richtet sich auch nicht nur gegen „Zionismus“ als politische Ideologie. Der Angriff in Bondi Beach traf jüdische Menschen bei einem religiösen Fest, außerhalb Israels, in der Diaspora. Wer diesen Anschlag als Auftakt feiert, macht unmissverständlich klar, dass das Ziel nicht ein Staat ist – sondern jüdische Existenz selbst: politisch, kulturell, religiös.

Damit fällt die Maske der vermeintlichen Begriffsunschuld. „Intifada“ wird hier nicht als metaphorisches „Abschütteln“ verwendet, sondern als Chiffre für tödliche Gewalt, für Terror, für das Recht, jüdisches Leben anzugreifen, allein weil es existiert. Existenz wird zum Tatbestand.

Diese Entlarvung ist wichtig, weil sie zeigt:
Es handelt sich nicht um Missverständnisse oder unglückliche Wortwahl. Es handelt sich um bewusste Sprache, um eine Rhetorik, die genau weiß, welche Assoziationen sie weckt – und die sie gezielt in Kauf nimmt oder sogar sucht.

Was bedeutet das für uns hier und heute?

Diese Demo-Ankündigung in Winterthur ist kein isoliertes Ereignis. Sie ist Teil einer wachsenden Kultur, in der Symbolik, Sprache und Bilder genutzt werden, um tief verletzende Botschaften zu verbreiten – nicht nur gegen Staaten, sondern gegen Gemeinschaften und Menschen.

Für Leserinnen und Leser bedeutet das:

  • Wissen schützt: Wenn wir verstehen, was Symbole wie Kufiya oder das rote Dreieck historisch und aktuell bedeuten, können wir besser einordnen, wann politische Kritik legitim und wann sie gefährlich wird.
  • Sprache formt Realität: Worte wie „Intifada“ oder Anspielungen auf echte Anschläge sind nicht bloß Worte – sie mobilisieren Gefühle und können zu realer Gewalt beitragen, wenn sie nicht klar benannt und kritisiert werden.
  • Solidarität ohne Gewalt: Solidarität mit Leid, Unterdrückung oder Konfliktopfern ist möglich, ohne antisemitische Bilder, Parolen oder Gewaltverherrlichung zu reproduzieren.

Gerade in Medien und im öffentlichen Raum brauchen wir eine reflektierte Sprache und Sensibilität für Symbolik, damit politische Auseinandersetzung nicht in Hass und Bedrohung umschlägt.

Fazit: Das ist keine Meinung – das ist eine Grenze

Was wir derzeit erleben, ist keine „zugespitzte Debatte“, kein unangenehmer, aber auszuhaltender Meinungskorridor. Es ist eine Normalisierung von Gewaltverherrlichung und antisemitischer Bedrohung, die sich hinter wohlklingenden Begriffen wie „freie Meinungsäußerung“ oder „Deeskalation“ versteckt.

Ja, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Sie ist Grundlage jeder offenen Gesellschaft. Aber sie endet dort, wo reale Gewalt verherrlicht, wo Terror legitimiert und wo Menschen aufgrund ihrer Existenz bedroht werden.
Ein Kommentar wie „Bondi Beach war erst der Anfang. Lang lebe die Intifada“ ist keine Meinung. Er ist eine Drohung. Eine ideologische Rechtfertigung von Mord. Und er richtet sich nicht gegen einen Staat, sondern gegen jüdisches Leben – hier, jetzt, überall.

Dass solche Aussagen öffentlich stehenbleiben, geteilt, beklatscht oder relativiert werden, ist ein gesellschaftliches Versagen. Und es ist ein politisches.

Unsere Politikerinnen und Politiker stehen hier in der Verantwortung. Statt klarer Haltung erleben wir Wegsehen, Beschwichtigungen, formelhafte Verurteilungen ohne Konsequenzen – oder Schweigen. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Deeskalationsstrategien wird zugelassen, dass antisemitische Gewalt rhetorisch vorbereitet wird. Die Erfahrungen der letzten Monate zeigen jedoch deutlich: Diese Strategie funktioniert nicht.

Die Demonstration in Bern im Oktober ist ein bitteres Beispiel. Polizeikosten von über einer Million Franken, massive Sachschäden, ein abgebranntes Restaurant, verwüstete Geschäfte – und vor allem: psychische Schäden. Angst. Einschüchterung. Rückzug. Jüdische Menschen, die die Stadt verlassen. Jüdische und Nichct-Jüdische Künstlerinnen und Künstler, die bedroht, gemobbt, aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden. Freundinnen, Freunde, Kolleg*innen, die miterleben, wie Schutz und Solidarität ausbleiben.

Und dennoch: politisches Schweigen. Oder schöne Worte ohne Taten.

Wer Gewaltverherrlichung duldet, macht sie möglich.
Wer antisemitische Codes nicht benennt, normalisiert sie.
Wer jüdisches Leben nicht schützt, nimmt dessen Gefährdung in Kauf.

Es geht hier nicht um Parteipolitik. Es geht um den Kern unserer demokratischen Verantwortung: darum, klare Grenzen zu ziehen, wo Menschenwürde, Sicherheit und Leben angegriffen werden. Es geht darum, jüdisches Leben nicht nur in Sonntagsreden zu beschwören, sondern es konkret zu schützen – auf unseren Straßen, in unseren Städten, in unserer Sprache.

Alles andere ist kein Neutralsein.
Es ist Wegsehen.
Und Wegsehen war noch nie harmlos.

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