Wenn Symbole Angst machen: Die Geschichte der Kufiya und ihrer Wirkung

Es passiert immer wieder. Ich gehe auf eine Pride, einen 1.-Mai-Marsch, einen feministischen Streik oder eine Veranstaltung zum Klimaschutz – oder einfach nur Einkaufen oder bin unterwegs zur Arbeit. Und plötzlich sehe ich sie: die Kufiya.
Oft nicht nur vereinzelt, sondern in Gruppen. Menschen mit Kufiya um den Hals, als Kopftuch, als Statement. Und oft, wie leider so häufig, wird die Veranstaltung von Palästina-Protestierenden quasi übernommen: Plakate, Rufe, Parolen, Banner.

Was das für mich bedeutet? Ganz einfach: Ich fühle mich nicht mehr sicher.

Und dieses Gefühl kann mir niemand wegdiskutieren oder absprechen. Es ist in mir verwurzelt, gespeist aus meiner Familiengeschichte, meiner eigenen Lebenserfahrung und der Geschichte, die sich mit diesem Tuch verbindet.

Ich schreibe diesen Text, weil ich möchte, dass Menschen verstehen, warum es für mich — und für viele andere Jüdinnen und Juden — nicht einfach ein Stück Stoff ist. Sondern ein Symbol, das in mir einen tiefen Alarm auslöst.

Mein eigenes Erleben

Ich habe den Terror der zweiten Intifada bewusst miterlebt. Ich habe gesehen, was passiert, wenn sich eine Ideologie, die jüdisches Leben verachtet, in Gewalt entlädt.

Ich erinnere mich an die Explosion einer Bushaltestelle. Ich erinnere mich an die Nachricht, dass eine geliebte Person bei einer Auto-Attacke ums Leben kam. Ich erinnere mich an die Angst.

Und auch heute, viele Jahre später, erlebe ich auf Demonstrationen in Europa dieselben bedrohlichen Codes:
„Globalize the Intifada“ wird gerufen. „Kaybar, Kaybar, ya Yahud“ — ein Schlachtruf mit der Aufforderung, Juden zu töten, wie einst in der Schlacht von Khaybar.
Manche skandieren „End Zionists“, doch es ist klar, was oft damit gemeint ist.

Plakate zeigen die bewaffnete Leyla Khaled, die einst Flugzeuge entführt hat. Parolen verherrlichen „bewaffneten Widerstand“, Terror wird romantisiert.
In den sozialen Medien dazu die üblichen antisemitischen Stereotype, mal plump, mal im neuen Gewand: der „Strippenzieher“, der „Geldjude“, der „Blutmythos“ in vermeintlich zeitgemäßer Sprache.

Und immer wieder ist die Kufiya Teil dieses Bildes.

Was ist die Kufiya? Ursprung und Symbolik

Ursprünglich war die Kufiya (auch Keffiyeh, Kufiyah oder arabisches Tuch genannt) ein rein praktisches Kleidungsstück. In der arabischen Welt trugen Beduinen und Bauern es als Schutz gegen Sonne und Sand.

Es gibt verschiedene Varianten:

  • die rot-weiße Kufiya, traditionell in Jordanien verbreitet
  • die schwarz-weiße Kufiya, die später zur Symbolfarbe der palästinensischen Nationalbewegung wurde

Bis hierhin ist die Kufiya kulturell unproblematisch. Doch Geschichte und Politik haben ihr eine neue, sehr belastete Bedeutung gegeben.

Die Kufiya und Haj Amin al-Husseini

Ein Name, den man im Zusammenhang mit der politisierten Kufiya kennen sollte, ist Haj Amin al-Husseini.

Er war von den Briten zum Großmufti von Jerusalem ernannt worden — und wurde einer der radikalsten Hetzer gegen jüdisches Leben in der arabischen Welt.

Al-Husseini war glühender Antisemit und Kollaborateur der Nazis.
Während des Zweiten Weltkriegs lebte er in Berlin, traf mehrfach persönlich mit Hitler zusammen und arbeitete aktiv mit dem NS-Regime zusammen.
Er beteiligte sich an antisemitischer Propaganda im Radio, half bei der Rekrutierung muslimischer SS-Einheiten auf dem Balkan (z.B. der 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“).
Er setzte sich nachweislich dafür ein, jüdische Flüchtlinge an ihrer Flucht aus Europa zu hindern und unterstützte die Idee der vollständigen Vernichtung jüdischen Lebens im damaligen Palästina.

In dieser Zeit — und schon zuvor — wurde die Kufiya von al-Husseini als Symbol des arabischen Nationalismus und des Kampfes gegen Juden instrumentalisiert.

Al-Husseinis Einfluss auf spätere Generationen von palästinensischen Führern ist gut dokumentiert (vgl. Klaus Gensicke: Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten).

Arafat und die Kufiya

Yassir Arafat, der spätere langjährige Vorsitzende der PLO, übernahm viele Ideen und Symbole aus dem Umkreis von al-Husseini.

Arafat begann, die schwarz-weiße Kufiya gezielt als politisches Erkennungszeichen zu verwenden.
Er trug sie bei fast allen öffentlichen Auftritten, oft kunstvoll so gefaltet, dass sie die Umrisse eines Groß-Palästina darstellen sollte — also eines Palästina ohne Israel.

Unter seiner Führung und im Kontext der bewaffneten Angriffe der PLO auf israelische und jüdische Ziele gewann die Kufiya den Charakter eines politischen Symbols des „bewaffneten Widerstands“.

Sie wurde ein visuelles Erkennungszeichen für Gruppen und Bewegungen, die — offen oder implizit — die Zerstörung Israels und den Mord an Juden als legitimes Ziel betrachteten.

Die Kufiya heute

Heute sieht man die Kufiya auf den unterschiedlichsten Demos weltweit.
Viele junge Menschen tragen sie in dem Glauben, sie sei ein allgemeines Zeichen der Solidarität mit unterdrückten Völkern.

Doch in der Realität wird sie bis heute aktiv und systematisch von Hamas, PFLP und anderen terroristischen Gruppen als Symbol ihres Kampfes gegen Israel und gegen jüdisches Leben verwendet.

Auf Demos in Europa zeigt sich oft deutlich, wofür die Kufiya in diesem Kontext steht:

  • „Globalize the Intifada“
  • Kaybar-Rufe
  • Plakate mit Leyla Khaled
  • Unterstützung für Terrorgruppen
  • Antisemitische Parolen

Und ich frage mich jedes Mal: Wie kann es sein, dass Menschen, die sich für Menschenrechte, Feminismus oder Klimaschutz einsetzen, bereit sind, Seite an Seite mit jenen zu marschieren, die diese Symbole und Parolen verbreiten?

Fazit: Warum die Kufiya für mich ein Symbol des Judenhasses ist

Für mich persönlich — und ich weiss, dass es vielen anderen Jüdinnen und Juden ähnlich geht — ist die Kufiya heute kein harmloses Accessoire mehr.

Sie steht in einer historischen Linie von Al-Husseini über Arafat bis zu Hamas.
Sie wurde und wird benutzt, um antisemitischen Hass, Gewalt gegen Juden und den Wunsch nach der Vernichtung Israels sichtbar und tragbar zu machen.

Wenn ich eine Kufiya sehe, spüre ich — aus tiefstem eigenen Erleben heraus — Alarmbereitschaft, Bedrohung, Angst.
Nicht weil ich glaube, dass alle Menschen, die sie tragen, bewusst Antisemiten sind. Sondern weil die Geschichte und die aktuelle Verwendung dieses Symbols mich und mein Volk bedroht haben — und es heute immer noch tun.

Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die sich progressiv, feministisch oder humanistisch verstehen, sich bewusst machen, was sie da tragen.
Denn für viele von uns ist die Kufiya — so traurig das ist — in ihrer heutigen politischen Aufladung ähnlich unerträglich wie das Hakenkreuz. Nicht weil ich Menschen gleichsetze, sondern weil die Wirkung auf mich emotional dieselbe ist: tiefe Angst, Erinnerung an Gewalt, Bedrohung des eigenen Lebens und der Gemeinschaft.

Wer wirklich Solidarität mit Leidenden zeigen will, sollte andere Symbole wählen. Und nie vergessen: Jüdisches Leid ist Leid. Jüdisches Leben ist Leben. Und das Recht, sich sicher zu fühlen, ist kein Privileg, sondern ein Menschenrecht.

Quellenhinweise (Auswahl)

  • Klaus Gensicke: Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten, 2002
  • Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World, 2009
  • Benny Morris: Righteous Victims, 1999
  • Matthias Küntzel: Jihad and Jew-Hatred, 2007
  • zahlreiche Dokumentationen und Interviews zu Arafats Inszenierung der Kufiya

Disclaimer: Dieser Text beschreibt meine persönliche Wahrnehmung und meine persönliche Geschichte. Ich möchte keine pauschale Verurteilung aller Menschen, die die Kufiya tragen, aussprechen — wohl aber auf die historische und aktuelle Bedeutung dieses Symbols aufmerksam machen.

2 Gedanken zu “Wenn Symbole Angst machen: Die Geschichte der Kufiya und ihrer Wirkung

  1. Und welche Symbole gestehen Sie den Palästinensern zu? Oder haben Palästinenser Ihrer Meinung nach kein Recht auf einen eigenen Staat?

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    • Ich glaube, hier werden zwei Ebenen miteinander vermischt, die ich bewusst getrennt halte.

      In meinem Text geht es um die Geschichte eines Symbols, um seine heutige politische Aufladung und um die Wirkung, die dieses Symbol auf viele jüdische Menschen hat – mich eingeschlossen. Diese Wirkung ist keine theoretische Debatte, sondern eine Erfahrung von Bedrohung, die aus Geschichte und Gegenwart gespeist ist. Darüber zu schreiben heißt nicht, Menschen oder ihre Rechte in Frage zu stellen.

      Die Frage, ob palästinensische Menschen ein Recht auf Würde, Sicherheit und politische Selbstbestimmung haben, ist davon nicht abhängig. Menschenrechte hängen nicht an Symbolen, und sie müssen niemandem „zugestanden“ werden – sie stehen Menschen zu, unabhängig davon, wie ich ein bestimmtes Zeichen erlebe oder bewerte.

      Gleichzeitig ist es nicht meine „Schuld“, dass ein Tuch, dessen Ursprünge weit älter und vielfältiger sind, heute stark politisiert ist und häufig im Kontext von Gewalt, Einschüchterung und offenem Judenhass auftaucht – auch hier im Westen. Dass dies bei vielen Jüdinnen und Juden Angst auslöst, ist eine Realität, die benannt werden darf.

      Wenn ich diese Wirkung beschreibe, dann nicht, um palästinensische Menschen zu delegitimieren, sondern weil ich glaube, dass echter Einsatz für Gerechtigkeit nur dort beginnt, wo auch die Angst und Verletzlichkeit der anderen Seite gesehen wird.

      Meine Hoffnung ist keine Welt der konkurrierenden Symbole, sondern eine, in der Menschen unter demselben Himmel leben können, ohne dass Zeichen zu Waffen werden – und in der jüdisches Leben ebenso sicher und ernst genommen wird wie palästinensisches Leben.

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