Die Ermordung von Charlie Kirk löste nicht nur Trauer aus – sie brachte auch alte antisemitische Lügen in digitaler Form zurück. Schon Stunden nach dem Mord kursierten Narrative, die „Zionisten“ als heimliche Strippenzieher darstellen und klassische Tropen wie kollektive Schuld oder den „mordenden Juden“ wieder aufgriffen.
Der Artikel analysiert, wie historische Vorurteile heute auf Social Media verstärkt werden, welche realen Folgen sie haben – und welche Strategien helfen, antisemitische Gerüchte zu erkennen und zu stoppen.
Alte Lügen, neu codiert: verstehen, entlarven, handeln.
Einleitung
Nach dem Attentat auf den US-Kommentator Charlie Kirk überschlagen sich in den sozialen Medien nicht nur Spekulationen, sondern auch antisemitische Projektionen. Kaum waren die ersten Meldungen vom Mord an Kirk öffentlich, wurden alte Verschwörungsmythen in neue Narrative gegossen: Juden als Drahtzieher, Israel als Schuldiger, „Zionisten“ als angebliche Strippenzieher im Hintergrund. Die Geschwindigkeit, mit der diese Muster aktiviert wurden, zeigt: Antisemitismus ist kein bloßes Vorurteil, sondern ein Set von sofort abrufbaren Erklärungsmustern – ein Gerücht über den „Juden“, das sich in wechselnde Kontexte einschreibt.
Faktenlage zum Anschlag
- Charlie Kirk wurde am 10. September 2025 bei einer Veranstaltung an der Utah Valley University in Orem, Utah, erschossen.
- Kirk starb an den Folgen der Verletzungen (ein Schuss in den Hals) und wird posthum von vielen Seiten geehrt.
- Ein Mann namens Tyler Robinson, 22 Jahre alt, aus Utah, wurde als Hauptverdächtiger identifiziert und in Gewahrsam genommen
- Der Tathergang: Ein Gewehr (Bolzenschaft-Repetiergewehr) wurde in der Nähe des Tatorts gefunden; die Ermittlungen laufen.
- Laut Behörden war Robinson in den letzten Jahren zunehmend politisiert und hatte sich kritisch gegenüber Kirk geäußert.
Gesellschaftliche & mediale Reaktion – Gerüchte & Narrativen
Schon wenige Stunden nach der Tat begannen breite Spekulationen auf Social Media, oft ohne jegliche Evidenz. Gerüchte, die Juden, Israel oder „Zionisten“ als Drahtzieher oder Schuldige benennen, wurden in vielen Posts laut – parallele Vorwürfe, die vom Verdacht, Mossad stehe dahinter, bis zur Behauptung reichten, Netanjahu oder Israel hätten die Tat in Auftrag gegeben. Diese Spekulationen etablieren sich rasch in Kommentarspalten, Tweets, Threads – und reproduzieren exakt die Tropen, die in der Antisemitismus-Forschung als besonders gefährlich gelten.
Historischer Abriss: Vom Gerücht zum „postkolonialen“ Narrativ
1. Historische Tropen
- Blutlegende: Seit dem Mittelalter wurden Juden fälschlich beschuldigt, christliches Blut für rituelle Zwecke zu verwenden. Diese Form des Gerüchts schafft einen mythischen Täter, der unabhängig von der Realität der Betroffenen wirksam ist.
- Dual Loyalty / Doppelidentität: Juden wurden wiederholt als „vaterlandslose Gesellen“ oder loyale Agenten fremder Mächte dargestellt. Die Idee, dass Juden nicht ihrem Land, sondern einer globalen Macht verpflichtet seien, ist bis heute ein zentraler Tropus.
- Kollektive Schuld: Einzelne Akteure werden der gesamten Gruppe zugerechnet, was zur Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalttaten führen kann.
2. Antizionismus als Fortsetzung und Transformation
Antizionismus ist historisch eng mit dem Antisemitismus verbunden, insbesondere in seinen ideologischen und propagandistischen Formen:
- NS-Propaganda: Im Dritten Reich wurden Juden als „Zionisten“ diffamiert, die Israel oder „die Weltverschwörung“ repräsentierten. Alfred Rosenberg bezeichnete Zionisten als „Stellvertreter des Judentums“ und zeichnete damit das Bild eines globalen jüdischen Netzwerks.
- Sowjetische Kampagnen: Nach anfänglicher Unterstützung Israels propagierte die Sowjetunion ab den späten 1940er-Jahren Antizionismus als staatlich verordnete Ideologie. Zionismus wurde als Rassismus, imperialistischer Agent und Verräter an sozialistischen Idealen dargestellt. Intellektuelle und jüdische Aktivisten, etwa Rudolf Slansky, wurden der „zionistischen Verschwörung“ beschuldigt und verfolgt. Viele dieser Motive wurden später in linken und postkolonialen Diskursen übernommen.
3. Linker und postkolonialer Antizionismus heute
- Globalisierung des Judenhasses: Der moderne linke Antizionismus adaptiert klassische antisemitische Motive, häufig in Verbindung mit antikolonialer Rhetorik. Israel wird als Symbol globaler Unterdrückung stilisiert, während Juden selbst oft kollektiv für angebliche Verbrechen verantwortlich gemacht werden.
- Institutionelle und kulturelle Manifestationen: Diese Form des Antisemitismus findet sich nicht nur in akademischen Debatten, sondern auch im Kulturbetrieb, in queeren Communities und in politischen Kampagnen. Ausgrenzung erfolgt subtil über „Codes“ und Gesinnungsvorgaben, die teilweise jüdische Akteure unter Druck setzen.
- Verknüpfung mit Islamismus: In einigen Kontexten verschmelzen postkoloniale Diskurse, linke antizionistische Narrative und islamistischen Hass. Das Ergebnis ist eine komplexe Mischform, in der alte Tropen aktualisiert und auf moderne Konfliktlinien übertragen werden.
Antijudaismus und die Tradition des Gerüchts
Antisemitismus ist älter als der Begriff selbst. Schon in der Antike kursierten Gerüchte über Juden als „fremdes“ und „gefährliches“ Volk. Im Mittelalter verdichtete sich dieses Fremdbild in Mythen wie der Blutlegende – Juden hätten angeblich christliche Kinder geopfert – oder der Brunnenvergiftung während der Pest. Solche Erzählungen hatten eine klare Funktion: Sie gaben einer verunsicherten Mehrheitsgesellschaft ein Feindbild, das diffuse Ängste bündelte. Theodor W. Adorno hat dies treffend als das „Gerücht über die Juden“ bezeichnet – eine Projektionsfläche, die unabhängig von realen Juden oder ihren Handlungen funktioniert.
Antisemitismus ist kein statisches Phänomen, sondern ein adaptives System von Vorurteilen, Mythen und Gerüchten, das sich immer wieder den jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und medialen Gegebenheiten anpasst. Adorno prägte den Begriff „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“ – ein Gedanke, der bis heute seine Gültigkeit hat. Es geht nicht primär um reale Personen, sondern um die Projektion von Schuld, Verrat oder moralischer Defizite auf eine als fremd konstruierte Gruppe.
Die Stereotype änderten sich mit der Zeit, der Kern blieb: der Jude als der Andere, unzuverlässig, verschlagen, doppel-loyal, gefährlich. Dieses Narrativ kann wie ein Chamäleon seine Farbe wechseln und bleibt doch strukturell identisch.
Nationalsozialistische Instrumentalisierung
Im Nationalsozialismus verschmolzen die alten Mythen mit moderner Propaganda. Zentral waren:
- „Juden = Weltverschwörer“ (die „Protokolle der Weisen von Zion“ wurden intensiv verbreitet).
- „Juden = Bolschewisten“, gleichzeitig aber auch: „Juden = Kapitalisten“. Ein klassisches Beispiel für den widersprüchlichen, aber hoch anschlussfähigen Charakter antisemitischer Projektionen.
- Zionismus als Feindbild: Schon im NS wurde Zionismus nicht als nationale Befreiungsbewegung verstanden, sondern als Tarnung der angeblichen jüdischen Weltmacht. Alfred Rosenberg sprach von Zionisten als „Stellvertreter des Judentums“.
Hier finden wir bereits die Muster, die heute auf Social Media wiederkehren: Juden als allmächtig, als Drahtzieher hinter Kriegen, Medien und Politik, als nicht loyal gegenüber ihren „Gastländern“.
Sowjetischer Antizionismus
Nach 1945 übernahm die Sowjetunion einen Großteil dieser Tropen – mit ideologischem Anstrich. Zunächst hatte Moskau Israel unterstützt, doch bald wurde das Land zum Feindbild, als es nicht in den sozialistischen Block integriert werden konnte.
- Kampagnen: Zionismus wurde systematisch als „Agent des Imperialismus“ diffamiert. Prozesse wie der gegen Rudolf Slánský in der Tschechoslowakei stützten sich auf die These einer „zionistischen Weltverschwörung“.
- Resolution „Zionismus = Rassismus“ (1975): Ein diplomatischer Coup, der die sowjetische Propaganda in die UNO trug. Auch wenn die Resolution 1991 aufgehoben wurde, hat sich das Narrativ tief eingebrannt – bis heute tauchen Parolen wie „Zionismus = Faschismus“ auf Demos und in Social Media auf.
- Verknüpfung mit NS-Vergleichen: Israel wurde immer wieder mit dem NS-Regime gleichgesetzt – eine Projektion, die die Opfer-Täter-Umkehr perfekt verkörpert.
Damit verschob sich der Fokus: Nicht mehr „die Juden“, sondern „die Zionisten“ standen im Zentrum. Doch faktisch blieb es die gleiche Struktur – wie Jean Améry schrieb: Wer „Zionisten“ ruft, ruft im Echo „Juda verrecke“.
Arabisch-islamistischer Antisemitismus
Parallel wurden antisemitische Motive durch NS-Propaganda und sowjetische Erzählungen in den arabischen Raum importiert. Dort verbanden sie sich mit islamistischen Erlösungsmythen: Die Vorstellung, dass „die Juden“ oder „die Zionisten“ das Böse verkörpern, das am Ende der Zeiten vernichtet werden müsse.
Hamas, Muslimbruderschaft und andere Gruppen knüpfen bis heute an diese Erzählungen an. Sie nutzen westliche Narrative – „Zionismus ist Rassismus“ – und verbinden sie mit apokalyptischen Bildern.
Linker, postkolonialer und „progressiver“ Antisemitismus
Während die extreme Rechte seit Jahrhunderten als „klassische Heimat“ antisemitischer Ressentiments gilt, hat sich in den letzten Jahrzehnten auch im linken und postkolonialen Spektrum eine neue, oft subtilere Form von Judenfeindschaft etabliert.
Seit den 1960er Jahren griffen Teile der westlichen Linken die sowjetischen Erzählungen auf und kleideten sie in die Sprache des Antiimperialismus. Israel wurde zur „Kolonialmacht“, Zionismus zum „Siedlerkolonialismus“. Dabei verschwimmt die angebliche Differenzierung zwischen Juden und Zionisten regelmäßig – spätestens dort, wo „Zionist“ als universales Schimpfwort für alles Jüdische verwendet wird.
Heute zeigt sich diese Linie in akademischen Kontexten ebenso wie auf Demonstrationen oder in Social Media. Schlagworte wie „apartheid“, „genocide“, „settler colonialism“ sind münden dabei meist in einer Dämonisierung Israels, einer Kollektivschuld oder in NS-Vergleichen.
Historische Linien:
- In der Sowjetunion wurden Juden ab den späten 1940er Jahren zunehmend als „zionistische Agenten“ stigmatisiert. Offiziell war dies als „Antizionismus“ verkleidet, tatsächlich aber ein staatlich gelenkter Antisemitismus. Dieser verband antiwestliche Rhetorik mit der Dämonisierung Israels und setzte Juden häufig mit „imperialistischen Feinden“ gleich.
- Diese sowjetische Propaganda fand nach 1967 (Sechstagekrieg) auch Resonanz in westlichen linken Bewegungen, die Israel nicht mehr als Zufluchtsort für Überlebende der Shoah, sondern als „imperialistischen Kolonialstaat“ sahen.
Postkolonialer Diskurs:
- Heute wird dieser Diskurs oft in das Vokabular der Dekolonisierung, Identitätspolitik und Intersektionalität übersetzt. Israel gilt als „weiße, koloniale Besatzungsmacht“, während Palästinenser:innen in der Rolle der „global unterdrückten Subalternen“ erscheinen.
- Dabei wird bewusst ausgeblendet, dass Juden selbst eine Geschichte der Vertreibung, Entrechtung und Kolonialisierung durchlebt haben. Das Narrativ reduziert sie auf „Privilegierte“, die angeblich nicht mehr Opfer, sondern allein Täter sind.
In progressiven Milieus:
- In der queeren Community zeigt sich dies etwa in Ausschlüssen israelischer Künstler:innen von Pride-Veranstaltungen („pinkwashing“-Vorwurf). Jüdische queere Stimmen, die sich zu Israel bekennen, werden marginalisiert oder als „nicht solidarisch“ diffamiert.
- Im Kulturbetrieb zeigt sich die Tendenz, jüdische und israelische Positionen systematisch zu delegitimieren. Beispielhaft sind Festivalabsagen, Ausladungen oder die Forderung nach „BDS“-Treueerklärungen als Eintrittskarte in bestimmte Milieus.
- Besonders perfide ist, dass Antisemitismus hier oft als „antirassistische Haltung“ getarnt wird. Man glaubt, „gegen Kolonialismus“ zu kämpfen – und wiederholt dabei antisemitische Muster von Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung.
Heutige Wirkung:
Dieser postkoloniale Antisemitismus unterscheidet sich stilistisch von rechtem Hass, aber strukturell ist er ebenso gefährlich. Er verbindet sich nahtlos mit alten Verschwörungstheorien (etwa: Israel stehe hinter globaler Unterdrückung, kontrolliere Medien und Politik, verhindere Frieden). Besonders problematisch ist, dass er in akademischen und kulturellen Eliten salonfähig geworden ist, also in Milieus, die sich selbst als „kritisch“, „progressiv“ und „antirassistisch“ verstehen.
Folgen in der Praxis
- Ausschluss jüdischer Stimmen: Jüdinnen und Juden werden oft gezwungen, „die richtigen Codes“ zu sprechen, andernfalls riskieren sie soziale und berufliche Sanktionen.
- Normalisierung: Wenn in progressiven Milieus Delegitimierung von Israel als moralische Maxime behandelt wird, normalisiert das anti-jüdische Sprechweisen auch in sonst liberalen Kontexten.
- Sicherheitsrisiken: Drohungen, Graffiti-Markierungen, offener Ausschluss führen zu realer Bedrohung jüdischer Existenz im öffentlichen Raum — von Einschüchterung bis zur physischen Gewalt.
Potter spricht von einem „nahtlosen Übergang“: Die Codes des alten Antisemitismus sind in den postkolonialen Diskurs eingeschrieben, oft unbewusst, manchmal strategisch verschleiert.
Fazit des Abrisses
Über Jahrhunderte haben sich antisemitische Tropen als flexibel erwiesen. Ob in Europa der christliche Antijudaismus, im NS-Regime die Propaganda der „zionistischen Weltverschwörung“ oder in der Sowjetunion die staatliche Delegitimierung Israels – immer wieder werden dieselben Grundmuster in neuen Kontexten reproduziert. Heute finden sie in digitalen Medien, kulturellen Institutionen und politischen Kampagnen ein neues Zuhause, während sie gleichzeitig historisch belegte Muster fortschreiben.
So bleibt Antisemitismus ein „Chamäleon“. Ob mittelalterlicher Blood Libel, NS-Propaganda, sowjetische Kampagnen oder heutiger „Kolonial-Speak“: Die Kernelemente bleiben identisch. Die Juden – oder in heutiger Chiffre die „Zionisten“ – werden zu Sündenböcken, zu Verschwörern, zu „Tätern“, die angeblich alles kontrollieren.
Dass nun nach dem Mord an Charlie Kirk binnen Stunden wieder Israel und Juden als Täter genannt wurden, bevor überhaupt ein Verdächtiger bekannt war, zeigt: Dieses Gerücht braucht keine Fakten, nur Anlässe.
Lokale Beispiele aus Bern
Linker, postkolonialer und „progressiver“ Antisemitismus
Während rechter Judenhass sichtbar und historisch etabliert ist, hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auch im linken und postkolonialen Raum eine Form der Israel-/Zionismuskritik etabliert, die nun längst in antisemitische Muster gekippt ist. Diese Schichtung lässt sich vertieft betrachten anhand konkreter Fälle in Bern – und verknüpft mit der Forschungslage.
Fallbeispiele aus Bern
Der Artikel „Kein Handlungsbedarf bei Antisemitismus“ im jüdischen Wochenmagazin Tachles dokumentiert eine Reihe aktueller Fälle in der Stadt Bern, die verdeutlichen, wie Antisemitismus heute in progressiven Kulturbereichen wirkt.
Einige der exemplarischen Vorfälle:
- An der Schützenmatte in Bern, einem historisch links-autonomen Ort, wird „Zionismus“ häufig per se als Synonym für „Unterdrückung“, „Rassismus“, manchmal gar „Nazitum“ benutzt. Personen, die als „Zionist:innen“ gelten, werden aus kulturellen Räumen ausgeschlossen oder bedroht.
- Die Wandbilder jüdischer Themen (z. B. zu „Widerstand“) werden gemalt und stehen nur kurz, bevor sie zerstört oder mit rote Dreiecke übersprüht werden.
- Etwa 40 rote Dreiecke und antisemitisch gelesene Parolen wurden in der Umgebung des Ateliers einer jüdischen Künstlerin (Lea Stern, Name geändert) angebracht, inkl. Parkplatz, Eingangstüren usw. seit November 2024.
- Kulturveranstaltungen mit jüdisch oder israelisch gelesenen Themen haben zunehmend Mühe mit Förderung; Projekte werden als „zionistisch“ markiert und dadurch stigmatisiert. Auch bestehende Kulturorte, die offen ihre Bewunderung für „Widerstand“ von Gruppen wie der Hamas äußern, erhalten weiterhin öffentliche Gelder.
Der Tachles-Artikel stellt klar, dass Behörden in Bern bisher keine wirkungsvollen Maßnahmen ergriffen haben, etwa keinen spürbaren Schutz für Betroffene, obwohl ihnen die Fälle bekannt sind.
Analyse dieser Fälle in Bezug auf Antisemitische Tropen
Diese Beispiele zeigen, wie die klassischen Muster antisemitischer Gerüchte und Mythen heute in neuen Kontexten auftauchen:
| Tropus / Muster | Wie er sich in Bern manifestiert |
| Delegitimierung / Stigmatisierung | Projekte und Kulturschaffende, die als „zionistisch“ gelesen werden, werden an den Rand gedrängt, gefördert wird zunehmend nach „politischer Korrektheit“ statt nach ästhetischen Kriterien. |
| Symbolische Einschüchterung | Das rote Dreieck – bekannt als Symbol der Hamas bzw. als „Widerstandssymbol“ – wird benutzt, um sichtbare jüdische Präsenz zu markieren, zu verunsichern und aus dem öffentlichen Raum zu drängen. |
| Ausgrenzung im Alltag | Ateliers, Veranstaltungsräume und kulturelle Orte werden für als „Zionist“ gelesene Menschen zu potenziellen No-Go-Areas; Begegnung und Teilhabe werden behindert. |
| Doppelstandard / politische Instrumentalisierung | Gleichzeitige Förderung und Unterstützung von Gruppen oder Projekten, die pro-Hamas / „resistance“ Positionen vertreten, während jüdische Themen / Personen stigmatisiert werden. |
Ebenfalls bezeichnend ist der Ausschluss der Münchner Philharmoniker von einem belgischen Festival. Offiziell ging es um die „unklare Gesinnung“ des israelischen Chefdirigenten Lahav Shani. De facto zeigt sich hier ein Mechanismus, in dem nicht mehr individuelle Haltungen zählen, sondern allein die jüdische oder israelische Zugehörigkeit als verdächtig markiert wird. Dies ist ein Beispiel für die schleichende Institutionalisierung von Sippenhaft gegen jüdische Künstler:innen und Kulturschaffende.
Noch persönlicher wird es in der queeren Community: Bei der Pride in Zürich erhielt ein Teilnehmer eine Morddrohung („Du verdienst es zu sterben“), nachdem er öffentlich für das Existenzrecht Israels eingetreten war. Der Fall ist bislang nicht medial dokumentiert, sondern wurde dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) gemeldet. Er verdeutlicht jedoch, wie stark antisemitische Narrative inzwischen auch in progressive Räume hineinwirken. Wer sich als jüdisch oder israelsolidarisch zu erkennen gibt, muss mit Ausgrenzung oder Gewaltandrohung rechnen – selbst dort, wo eigentlich Vielfalt und Inklusion Leitwerte sein sollten.
Diese Beispiele zeigen: Linker und postkolonialer Antisemitismus bleibt nicht auf Theoriedebatten beschränkt. Er produziert reale Stigmatisierungen und Gefahren für Jüdinnen und Juden im Alltag. Auffällig ist, dass dabei nicht mehr nur Israelis betroffen sind, sondern „der Jude“ schlechthin – außer er oder sie äußert sich lautstark in den geforderten antizionistischen Codes. Damit wird das alte antisemitische Muster der Bedingung von Zugehörigkeit und Anerkennung in neuem Gewand fortgeschrieben.
Social Media als Spiegel historischer Tropen
Die Ermordung von Charlie Kirk hat in den Stunden nach der Tat eine beispiellose Flut von Gerüchten und Mutmaßungen auf X (vormals Twitter) ausgelöst. Noch bevor die Polizei den Täter identifizieren konnte, tauchten Posts auf, die Juden oder Israel als Schuldige konstruierten. Die Tweets stammen aus unterschiedlichsten politischen Lagern – links, pro-palästinensisch, muslimisch, rechts‑verschwörungstheoretisch –, zeigen aber eine erstaunliche Übereinstimmung in antisemitischen Mustern. Die Analyse dieser Inhalte zeigt, dass klassische antisemitische Tropen in digitalen Räumen fortbestehen und sich an moderne Kommunikationsformen anpassen.
Beispiele (paraphrasiert, ohne direkte Hetzformulierung):
- Mutmaßung, dass Israel / Mossad hinter der Tat stecke, basierend auf Kausalitätslogik („wer profitiert?“).
- Tweets, die Kirk als „zionistischer Unterstützer“ stilisieren und seinen Tod als Strafe für wahrgenommene Abweichungen darstellen.
- Posts, die Verbindungen zu US‑Politik, Dual-Pass-Mythen oder angebliche „zionistische Netzwerke“ herstellen.
1. Blutbeschuldigung / Mordmythos
Historisch beschuldigte man Juden, christliches Blut zu vergießen – ein Stereotyp, das Gerüchte und panikartige Schuldzuweisungen erlaubt, unabhängig von der Realität. Auf Social Media werden diese Muster aktualisiert: Israel oder „Zionisten“ werden als gezielte Täter dargestellt, die hinter Morden oder politischen Manipulationen stehen. Die Mechanik ist identisch: Ein mythischer Täter wird konstruiert, Fakten spielen zunächst keine Rolle.
2. Dual Loyalty / Doppelidentität
Die Vorstellung, Juden hätten loyale Verpflichtungen gegenüber verborgenen Mächten, erscheint auch heute in Form von Mythen über „doppelte Pässe“ oder „heimliche Netzwerke“. Diese Narrative stammen direkt aus historischen Tropen und wurden über NS-Propaganda, sowjetische Antizionismus-Kampagnen und postkoloniale Diskurse weitergegeben. Sie werden in Social-Media-Posts reaktiviert und emotional verstärkt.
3. Kollektive Schuld / Israel als Inkarnation des Bösen
Social Media erleichtert die schnelle Kollektivierung: Einzelne Ereignisse werden auf Juden oder Israel als Ganzes projiziert. Die Tweets zeigen, wie die Schuld des Täters in Sekundenbruchteilen auf eine gesamte Gruppe übertragen wird – genau das, was Adorno und Améry als Kern des Gerüchts beschrieben haben.
4. Ideologische Cross-Over
Besonders auffällig ist die ideologische Vermischung:
- Rechte Accounts greifen klassische Verschwörungstheorien auf.
- Linke und postkoloniale Accounts adaptieren alte antisemitische Topoi, oft getarnt als antizionistische oder antikoloniale Kritik.
- Muslimische oder pro-palästinensische Accounts verwenden teilweise die gleichen Stereotype, z. B. „zionistische Netzwerke“ oder „Israel als Mördernation“.
Die Posts wirken unabhängig vom politischen Lager erstaunlich homogen: dieselben Tropen tauchen innerhalb weniger Stunden mehrfach auf, oft gleich formuliert.
5. Amplifikation durch Plattformen
Social Media fungiert wie ein Verstärker:
- Echo Chambers Tweets werden innerhalb ideologisch homogener Communities multipliziert, Likes, Retweets und algorithmische Sichtbarkeit sorgen für scheinbare „Allgemeingültigkeit“.
- Emotionalisierung: Die Posts nutzen Angst, Empörung und Wut als Triebkraft, wodurch rationale Korrekturen kaum greifen.
- Algorithmische Verstärkung durch Likes, Retweets und Kommentare sorgt für scheinbare Alltäglichkeit der Narrative.
- Raschheit der Kausalzählung und „Need for Closure“
Social Media begünstigt, dass Nutzer:innen innerhalb von Minuten Ursachen und Schuldige identifizieren, unabhängig von Fakten. Die Geschwindigkeit verstärkt die Verbreitung von Gerüchten und die emotional aufgeladene Narrative. - Plattformen: X als offenes, schnell reagierendes Medium erlaubt unmittelbare Rezeption von Gerüchten; Zensur oder Kontexteinordnung erfolgen zu spät, wenn überhaupt.
6. Verbindung zu historischen Tropen
Diese Dynamiken zeigen, dass alte antisemitische Muster nicht nur überleben, sondern digital beschleunigt werden. Blutbeschuldigungen, Dual-Loyalty-Mythen und die Projektion kollektiver Schuld wirken in der Social-Media-Welt genauso wie im Mittelalter oder in NS-Propaganda, nur in neuen Formen und neuen Codes.
Schlussfolgerungen und Strategien
Die Social-Media-Reaktionen auf den Mord an Charlie Kirk illustrieren die Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus: historische Tropen werden digital reproduziert, ideologisch überlagert und emotional verstärkt. Sie verbinden sich nahtlos mit lokal dokumentierten Vorfällen, institutionellen Ausgrenzungen und postkolonialen Diskursen und zeigen, wie alte Gerüchte in modernen Kontexten reale Auswirkungen haben. Diese Beispiele zeigen, wie alte antisemitische Tropen – Mordmythos, Dual Loyalty, kollektive Schuld – sich in modernen Social-Media-Kontexten reproduzieren, oft mit minimalem sprachlichen Anpassungen an aktuelle politische Diskurse.
Social Media wirkt hier wie ein Katalysator für das „Gerücht über die Juden“ (Adorno): Vorhanden oder nicht, real oder fiktiv – Juden bzw. Israel werden automatisch als Täter konstruiert. Die Mechanik ist identisch mit historischen Blutbeschuldigungen: rasche Verbreitung, emotionale Überhöhung, Kollektivprojektion. Gleichzeitig zeigen die Posts, dass antisemitische Narrative sowohl von rechts als auch von links/postkolonial übernommen werden können.
Parallel zu den antisemitischen Narrativen über „Zionisten“ als heimliche Strippenzieher tauchen auf Social Media immer wieder weitere Feindbilder auf, etwa trans* Personen, die von rechten Kommentator:innen dämonisiert werden. Diese parallelen Zuschreibungen laufen unabhängig voneinander, folgen jedoch denselben Mechanismen: Gerüchte, Zuschreibung kollektiver Schuld und ideologische Projektionen auf als „anders“ wahrgenommene Gruppen.
Trotz der konkreten Fakten zum Täterprofil – weiß, cis, konservativ, aus einem republikanischen Haushalt – hält sich das Gerücht der „zionistischen Fremdsteuerung“ weiter. Die Narrative passen sich flexibel an neue Informationen an, bleiben in ihrer Kernaussage jedoch stabil und reproduzieren die historischen antisemitischen Tropen der Kontrolle, Heimlichkeit und kollektiven Schuld.
Antisemitismus in Echtzeit – historische Muster, lokale Fälle und Social Media
Zusammengefasst zeigt sich ein Muster: Das alte antisemitische Gerücht – der Jude als Täter, Verräter und Kollege des Bösen – lebt in modernen Formen fort. Social Media wirkt dabei wie ein Katalysator, lokale Angriffe wie in Bern und Zürich zeigen, dass diese Muster reale Auswirkungen auf Einzelpersonen haben. Ob online oder im Alltag, linker wie rechter Antisemitismus greift auf die gleichen Grundtropen zurück, nur in unterschiedlichen rhetorischen Gewändern. Wer dies erkennt, kann Strategien zur Prävention entwickeln, z. B. durch Kontextualisierung, Edukation und institutionelle Schutzmaßnahmen für Betroffene.
Analytische Zusammenführung: Vom Gerücht zur realen Bedrohung
Die Untersuchung der Ereignisse rund um die Ermordung von Charlie Kirk zeigt eindrücklich, wie historisch überlieferte antisemitische Tropen in modernen Kontexten fortbestehen und gleichzeitig neue Ausdrucksformen annehmen. Ob online oder offline, die Mechanik bleibt bemerkenswert konstant: Blutbeschuldigung, Dual Loyalty, kollektive Schuld – diese klassischen Muster des Antisemitismus, wie sie Adorno als „Gerücht über die Juden“ beschrieb, werden in Social-Media-Posts und lokalen Einschüchterungen aktualisiert. Fälle wie das Atelier in Bern, der Ausschluss der Münchner Philharmoniker oder die Morddrohung bei der Pride Zürich verdeutlichen, dass Antisemitismus nicht nur rhetorisch wirkt, sondern reale soziale, kulturelle und psychologische Konsequenzen hat.
Die Mechanismen sind dabei konstant: Einzelne Ereignisse oder Personen werden als Projektionen des „mythischen Juden“ interpretiert, sei es als global agierender Verschwörer, heimlicher Netzwerker oder kollektiver Täter. Dieses Muster manifestiert sich in mehrfacher Weise:
- Kontinuität historischer Tropen
Die alten Tropen – Blutbeschuldigung, Dual Loyalty, kollektive Schuld – tauchen in modernen Diskursen unverändert auf, nur in neuen Codierungen. Sie sind semantisch verschlüsselt, häufig in Form von „Zionist“ oder „Israel-Lobby“, und reproduzieren so dieselben Denk- und Zuschreibungslogiken, die Adorno und Améry als Kern des Gerüchts beschrieben haben. Selbst wenn die konkrete Person, auf die sie projiziert werden, real existiert oder als Individuum bekannt ist, spielt dies keine Rolle mehr: Es geht um das narrative Konstrukt. - Digitalisierung und Amplifikation
Social Media fungiert als Katalysator. Algorithmen und Community-Strukturen sorgen dafür, dass Gerüchte innerhalb kürzester Zeit enorme Reichweiten erzielen. Gleichförmig formulierte Tweets, Retweets und Likes erzeugen eine scheinbare Konsensbildung. Die Mechanismen der Beschleunigung sind einzigartig für die digitale Welt: Während historische Tropen über Jahrhunderte weitergegeben wurden, verbreiten sie sich heute innerhalb von Stunden in globalen Netzwerken. Die Geschwindigkeit der Verbreitung verstärkt die emotionale Wirkung und die Wahrnehmung von „Handlungsdruck“, was zu hochemotionalen Reaktionen führt. - Ideologische Cross-Over
Interessant ist, dass die alten Tropen auf ideologisch unterschiedlichen Seiten reproduziert werden: rechte Verschwörungsmythen, linker/postkolonialer Antizionismus, muslimisch-pro-palästinensische Narrative. Auf Social Media werden die Codes teilweise nahtlos adaptiert, sodass sie unabhängig von der politischen Positionierung wirken. Dieses Phänomen zeigt die universelle Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus: Historische Tropen sind wie ein „Chamäleon“ – sie bleiben identifizierbar, passen sich aber den aktuellen Diskursen an. - Reale Auswirkungen
Die Transformation von Gerüchten in reale Bedrohungen ist evident: Die dokumentierten Fälle in Bern, Zürich und München illustrieren die unmittelbare Wirkung solcher Narrative. Institutionelle Ausgrenzungen, Bedrohungen und Einschüchterungen sind keine abstrakten Folgen, sondern direkte Konsequenzen der Fortführung alter Stereotype in modernen, digitalen und kulturellen Räumen. Der Übergang von digitalem Gerücht zu realer Gewalt und Diskriminierung verdeutlicht, wie gefährlich die Verschmelzung von historischer Vorlage und moderner Kommunikationsbeschleunigung sein kann. - Psychologische und gesellschaftliche Dynamiken
Die Wirkung antisemitischer Narrative auf Social Media ist eng verbunden mit menschlichen psychologischen Mechanismen: Need for Closure, schnelle Kausalzuschreibung, Angstverstärkung und kollektive Emotionen. Darüber hinaus werden solche Narrative in homogenen Gruppen verstärkt (Echo Chambers) und vermitteln den Eindruck von Allgemeingültigkeit. Der historische Tropus trifft hier auf digitale Verstärkung: Das Gerücht wirkt nicht nur als falsche Information, sondern als soziales Signal für Gruppenzugehörigkeit und ideologische Positionierung.
Schlussfolgerung dieser Analyse
Die Analyse zeigt, dass Antisemitismus nicht primär ein Phänomen einzelner Meinungen ist, sondern ein tief verankertes, adaptives System. Historische Tropen, von Blutbeschuldigung bis Dual Loyalty, werden digital beschleunigt und ideologisch überlagert, lokal und global wirksam. Sie erzeugen eine Wechselwirkung zwischen narrative Projektionen, politischem Aktivismus, kultureller Ausgrenzung und realer Bedrohung. Das Verständnis dieser Mechanismen ist zentral, um sowohl präventiv als auch reaktiv wirksam gegen Antisemitismus vorzugehen.
Prävention und Intervention erfordern daher eine mehrschichtige Strategie: Aufklärung über historische Kontexte, Sensibilisierung für subtile Ausgrenzungsmechanismen, Schutzmaßnahmen in kulturellen und queeren Räumen sowie kritisches Monitoring und Kontextualisierung in digitalen Medien.
Die Gesamtschau macht deutlich, dass Antisemitismus heute nicht nur ein ideologisches Relikt, sondern ein real wirksames gesellschaftliches Problem ist. Er reproduziert sich selbst, passt sich neuen Medien und sozialen Dynamiken an und beeinflusst damit sowohl die Wahrnehmung als auch das Leben von Jüdinnen und Juden weltweit. Ein reflektierter, historisch informierter Umgang ist notwendig, um die Mechanismen zu erkennen und Gegenstrategien wirksam umzusetzen.
Kriterien für antisemitische Inhalte und Gegenstrategien
Die Analyse der Social-Media-Beiträge rund um die Ermordung von Charlie Kirk zeigt: Nicht jede Kritik an Israel oder politischen Akteuren ist antisemitisch. Es gilt, klare Kriterien zu schärfen, um zwischen legitimer Kritik und antisemitischer Rhetorik zu unterscheiden:
Kriterien antisemitischer Inhalte:
- Zuschreibung kollektiver Schuld an alle Juden oder an die gesamte israelische Bevölkerung.
- Einsatz historisch belasteter Tropen (Blutbeschuldigung, Dual Loyalty, „mordender Jude“), unabhängig vom konkreten Sachverhalt.
- Verschwörungsnarrative, die Israel oder „Zionisten“ als heimliche Strippenzieher von globalen Ereignissen darstellen.
- Bedrohungen oder Aufrufe zu Gewalt, explizit oder implizit.
- Instrumentalisierung aktueller Ereignisse, um antisemitische Mythen zu verbreiten.
Gegenstrategien:
- Faktenchecks: Schnelle, verlässliche Aufklärung durch Medien, die Gerüchte und falsche Zuschreibungen korrigieren.
- Plattform-Reporting: Konsequente Meldung und Löschung antisemitischer Inhalte auf sozialen Netzwerken.
- Kontextualisierung: Historische Einordnung von Tropen, Mustern und Mythen in journalistischen Formaten, damit Leser*innen die Kontinuität erkennen.
- Bildung: Aufklärung über antisemitische Tropen und ihre Wirkung an Schulen, Universitäten und in der Erwachsenenbildung.
- Allianzen: Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik, um Antisemitismus sichtbar zu machen, institutionelle Unterstützung zu leisten und Gegenmaßnahmen zu koordinieren.
Nur durch diese kombinierten Maßnahmen lässt sich verhindern, dass aus digitalen Gerüchten reale Bedrohungen oder Taten werden. Die analytische Klarheit über Mechanismen und Tropen ist dabei entscheidend, um die Dynamik von Gerüchten und Hass gezielt zu unterbrechen.
Fazit
Die Ereignisse rund um die Ermordung von Charlie Kirk verdeutlichen die Kontinuität und Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus: Historisch überlieferte Tropen werden digital reproduziert, ideologisch moduliert und emotional verstärkt. Antisemitische Narrative verbinden sich nahtlos mit lokalen und institutionellen Vorfällen, sodass Gerüchte unmittelbar reale Konsequenzen nach sich ziehen.
Diese Analyse zeigt: Antisemitismus ist ein narratives, adaptives System, das sich nicht allein durch Fakten oder rationales Argumentieren auflösen lässt. Er erfordert historisches Bewusstsein, digitale Sensibilisierung, institutionellen Schutz und kontinuierliche Aufklärungsarbeit. Nur durch das Erkennen der Mechanismen – von der historischen Vorlage über ideologische Variationen bis hin zu digitaler Amplifikation – können Gegenstrategien wirksam gestaltet werden.
Die gegenwärtige Welle von Gerüchten und Vorwürfen nach der Ermordung von Charlie Kirk ist nicht isoliert: Sie steht in einer langen Linie von Diskriminierung, Stigmatisierung und Gewaltprojektionen. Sie zeigt, dass alte Lügen nicht verschwunden, sondern nur umcodiert und angepasst wurden.
Nachtrag/Update (13. September 2025)
Aktuell verbreitet sich ein neuer Tweet, der behauptet, Ben Shapiro habe „Turning Point USA“ übernommen und dass dies der eigentliche Grund für die Ermordung von Charlie Kirk gewesen sei. Faktisch hat Kirks Frau jedoch erklärt, dass sie die Organisation weiterführen wird. Das Muster ist ähnlich wie bei früheren Tweets: scheinbar organisch, doch inhaltlich manipuliert, um Israel oder jüdische Persönlichkeiten als „Profiteure“ des Attentats darzustellen, obwohl es dafür keinerlei Belege gibt.
Solche Tweets sind Beispiele für Desinformation und nachträgliche Narrative-Konstruktion. Sie spielen mit Emotionen, verbreiten falsche Zusammenhänge und instrumentalisieren antisemitische Stereotype. Leser:innen sollten Fakten prüfen und nicht reflexartig weiterverbreiten.
Selbst wenn die Täteridentität nicht in das gewohnte Narrativ passt – im Fall des Attentats auf Charlie Kirk etwa ein Mormone oder christlich geprägter Täter –, werden sofort neue Geschichten konstruiert. In diesem Fall verbreiten sich Tweets und Meldungen, die suggerieren, dass prominente jüdische Figuren oder Israel „profitieren“ würden, obwohl es dafür keinerlei Belege gibt.
Dieses Framing funktioniert nach einem klaren Muster: der Täter wird heruntergespielt oder seine Rolle irrelevant gemacht, während die Aufmerksamkeit auf „die Strippen ziehenden Juden“ oder „profitierende Israel-Freunde“ gelenkt wird. Die Realität wird verzerrt, Fakten werden ignoriert, und antisemitische Klischees werden wiederbelebt – selbst wenn das Ereignis faktisch in keiner Beziehung zu diesen Gruppen steht.
Für Leser:innen bedeutet dies: Viral verbreitete Narrative müssen immer kritisch geprüft werden. Emotionale Wut oder Empörung dürfen nicht die Bewertung von Fakten ersetzen, denn genau auf diese Mechanismen zielt Desinformation ab.
Quellen
Bücher und Aufsätze
- Adorno, Theodor W.: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, Berlin 2024
- Améry, Jean: Der neue Antisemitismus, Stuttgart 2024
- Nirenberg, David: Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens, München 2017
- Schäfer, Peter: Kurze Geschichte des Antisemitismus, München 2022
- Schwarz-Friesel, Monika / Reinharz, Jehuda: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin/Boston 2013
- Potter, Nicholas / Lauer, Stefan (Hg.): Judenhass Underground, Berlin/Leipzig 2023
- Wolffson, Michael: Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus, Freiburg 2024
- Rensmann, Lars: Israelbezogener Antisemitismus. Formen, Geschichte, Empirische Befunde, URL: https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/326790/israelbezogener-antisemitismus/
Medienberichte und lokale Quellen
- CNN, NBC: Bericht zum Mord an Charlie Kirk, aktuelle Informationen zum Täter und laufender Ermittlung
- Tachles: „Kein Handlungsbedarf bei Antisemitismus“, Bern, September 2025 https://www.tachles.ch/artikel/schweiz/kein-handlungsbedarf-bei-antisemitismus
- Augenzeugenbericht Pride Zürich, September 2025