Christlicher Antijudaismus: von der Antike bis Luther, von palästinensischer Befreiungstheologie bis zum Weltkirchenrat

Christlicher Antijudaismus ist kein historisches Relikt, sondern eine komplexe Erscheinung mit tiefen theologischen, gesellschaftlichen und politischen Wurzeln. Von den frühchristlichen Theologen wie Ambrosius über die Rolle der Kirchen in der NS-Zeit bis hin zu heutigen theologischen Strömungen wie der palästinensischen Befreiungstheologie lassen sich Muster erkennen, die das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum bis heute prägen. Dieser Artikel beleuchtet die Kontinuitäten und Brüche, zeigt die Verantwortung der Kirchen auf und würdigt zugleich diejenigen, die sich aktiv für Dialog, Gerechtigkeit und Verständigung einsetzen. Er lädt ein, kritisch, differenziert und reflektiert die historischen Zusammenhänge zu betrachten – und die Gegenwart nicht aus den Augen zu verlieren.

Einleitung

Ein Rückblick auf den christlichen Antijudaismus ist von zentraler Bedeutung, um die Kontinuitäten antisemitischer Denkmuster zu erkennen, die bis in die Gegenwart wirken. Christlicher Glaube, Theologie und kirchliche Macht waren historisch stets miteinander verflochten, und religiöse Differenzen wurden immer wieder ideologisch instrumentalisiert, gesellschaftlich ausgeweitet und politisch ausgenutzt. Wer die historische Entwicklung versteht, kann die wiederkehrenden Muster – von der frühen Kirche bis in die heutige Zeit – differenziert analysieren und die Verantwortung der Kirchen reflektieren. Ohne diese historische Tiefenschärfe bleibt die heutige Auseinandersetzung mit Antisemitismus unvollständig. Es geht dabei nicht nur um Schuld oder Verurteilung, sondern um das Erkennen struktureller und ideologischer Kontinuitäten, die religiöse Narrative und politische Realitäten verbinden.

Die Wurzeln: Neues Testament und frühe Kirche

Die Entstehung des Christentums ist von Beginn an von einer Spannung zur jüdischen Umwelt geprägt. Schon die Schriften des Neuen Testaments enthalten Polemiken, die später in verhängnisvoller Weise tradiert und verschärft wurden. In den Evangelien wird die Auseinandersetzung Jesu mit bestimmten jüdischen Gruppen so dargestellt, dass sie für die junge Kirche als Abgrenzungsfolie diente. Begriffe wie die „Synagoge Satans“ in der Johannesoffenbarung oder die wiederkehrende Kritik am „Gesetz“ wurden im Lauf der Jahrhunderte immer wieder als Beleg dafür herangezogen, das Judentum insgesamt als überholt und feindlich zu deuten.

Besonders ambivalent zeigt sich Paulus. Er ringt leidenschaftlich mit der Frage, warum viele seiner jüdischen Geschwister seinen Glauben an Jesus nicht teilen. Einerseits kritisiert er die „Werke des Gesetzes“ als nicht heilsnotwendig, andererseits betont er zugleich die bleibende Erwählung Israels. Diese Doppelbewegung – Kritik am Gesetz, aber Anerkennung des unkündbaren Bundes – hätte eine Spannung offenhalten können, die Raum für theologische Vielfalt bot. Doch die kirchliche Tradition neigte dazu, die Kritik zu betonen und die Erwählung Israels zu relativieren. Einzelne Formulierungen des Paulus – etwa die scharfe Polemik im ersten Thessalonicherbrief, wo Juden als „Mörder der Propheten“ und „Feinde aller Menschen“ erscheinen – lieferten Bausteine, die später zu einem Arsenal des Antijudaismus wurden. Auch eine immer wieder wiederkehrende Anklage stammt aus dem Neuen Testament: nämlich, dass die Juden Gottesmörder seien.

Hinzu kam, dass das frühe Christentum nicht einheitlich war, sondern von einer Vielzahl an Schriften und Richtungen geprägt. Schon die Bildung des Kanons war ein Prozess der Abgrenzung: Man musste definieren, was „rechte Lehre“ sei und was nicht. Dabei spielte die Gegenüberstellung von „jüdisch“ und „christlich“ eine immer größere Rolle. Während in frühen Gemeindeschriften wie der Didache das Judentum kaum als Negativfolie gebraucht wird, verändert sich das Bild mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion grundlegend. Theologen begannen, den Grad des „Jüdischseins“ einer Lehre als Prüfstein für ihre Wahrheit oder Falschheit zu benutzen. „Jüdisch“ wurde zum Synonym für Gesetzlichkeit, Fleischlichkeit, Starrsinn – und damit zu einem Etikett, mit dem man innerkirchliche Gegner diffamieren konnte.

Ein Brennpunkt war die Frage nach der Göttlichkeit Jesu. Während die synoptischen Evangelien diese Frage kaum thematisieren, rückte sie in den christlichen Auseinandersetzungen ins Zentrum. Wer die Göttlichkeit Jesu nicht anerkannte, wurde schnell in die Nähe „jüdischer“ Irrlehre gerückt. Kirchenväter wie Origenes stellten sich entschieden gegen „alles Jüdische“ innerhalb der Kirche – womit nicht Juden an sich, sondern Christen gemeint waren, die eine weniger hohe Christologie vertraten. Der Antijudaismus wurde damit zu einem flexiblen Werkzeug in innerchristlichen Streitigkeiten: „Jude“ war nicht mehr nur der Angehörige der Synagoge, sondern der Inbegriff des theologischen Gegners.

Die Kirchenväter prägten dieses Denken in einer Weise, die weit über die konkrete Auseinandersetzung hinausging. Justin der Märtyrer stellte Juden in seinen Dialogschriften als blind und halsstarrig dar. Augustinus interpretierte das jüdische Gesetz als „Malzeichen Kains“, das die Juden zu einem Volk des Mangels und der Unterordnung mache. In seiner großen Reichstheologie entwarf er eine soziale wie geistige Hierarchie, in der das Judentum nur in geduldeter, aber erniedrigter Rolle vorkam.

 Johannes Chrysostomos ging noch weiter: In seinen „Reden gegen die Juden“ malte er ein Bild der Synagoge als dämonisch, unrein, von tierhaften Menschen bevölkert – eine Sprache von ungeheurer Härte, die den Juden nicht nur den Status des Gegenspielers, sondern des Unmenschen zuwies.

«Die Juden… Dumpfe Tiere, nur mit Essen und ihrer fleischlichen Lust befasst», «geeignet zur Schlachtung», «die Seelen und Synagogen von Juden…sind von Dämonen bewohnt», «die Synagoge ist ein Hurenhaus», eine «Räuberhöhle und ein Unterschlupf für wilde und unreine Tiere», «die Juden sind eigentlich keine Menschen, sondern Tiere, in ihrer Hurerei und Völlerei nicht besser als Schweine und Böcke», und «ihre religiösen Bräuche triefen von Schändlichkeit und Lächerlichkeit, sind (Bräuche) von Quälern, von Verächtern, von Verdammten»
St. Johannes Chrysostomos (344/49-407), Reden gegen die Juden

Ambrosius wiederum verband seine Theologie direkt mit politischem Handeln: Jede Nachsicht gegenüber Juden galt ihm als Verrat an Christus, und die Existenz von Synagogen erschien ihm als Beleidigung der Kirche.

So verschob sich im Laufe der Jahrhunderte das Bild: Alles, was als negativ galt – Gesetzlichkeit, Heuchelei, Unglaube, Fleischlichkeit – wurde in der Figur des Juden verdichtet. Die Kirche verstand sich selbst als „wahres Israel“, während das historische Israel zum Symbol des Scheiterns wurde. Aus den ursprünglich innerjüdischen Streitigkeiten der ersten Generationen war eine theologische Logik erwachsen, die Juden dauerhaft zur Kontrastfigur der christlichen Identität machte.

Damit war der Grund gelegt für eine lange Geschichte, in der Antijudaismus nicht nur als Randerscheinung, sondern als integrales Argumentationsmuster in Theologie, Predigt und kirchlicher Praxis fortlebte. Schon in den ersten Jahrhunderten verbanden sich theologische Abwertung, soziale Hierarchisierung und politische Marginalisierung zu einem Geflecht, das die Stellung der Juden im christlichen Europa für Jahrhunderte bestimmen sollte.

Institutionalisierung in Spätantike und Mittelalter

Mit der Etablierung des Christentums als Staatsreligion begannen die antijüdischen Tendenzen, nicht nur theologisch, sondern auch rechtlich und gesellschaftlich verankert zu werden. Kaiserzeitliche Gesetzgebungen unter Theodosius und Justinian kodifizierten Einschränkungen, die soziale, wirtschaftliche und religiöse Aspekte betrafen. So wurde der Übertritt von Christen zum Judentum verboten, die Beschneidung von Nichtjuden unter Strafe gestellt, und Sklaven, die zum Christentum konvertierten, mussten freigelassen werden. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass Sklaven, die sich zum Christentum bekehrten, nur dann unter der Herrschaft ihres Meisters bleiben durften, wenn dieser sich vorher selbst taufen ließ. Mischehen zwischen Christen und Juden waren verboten; bestehende Verbindungen wurden oft aufgelöst. Synagogen wurden überwacht, der Bau neuer Gotteshäuser eingeschränkt, Erweiterungen untersagt. 418 wurden Juden aus dem Militärdienst entfernt, 438 aus Verwaltung und städtischen Ehrenämtern. In der Praxis führte dies zu einer schrittweisen Verdrängung aus dem öffentlichen Leben und einer wachsenden sozialen Isolation.

Gleichzeitig entwickelten sich ambivalente Schutzmechanismen, die aus der Augustinischen „Zeugenfunktion“ hervorgingen: Juden sollten nicht verfolgt oder vernichtet werden, ihre Existenz hatte theologische Bedeutung. Doch dieser Schutz stand in krassem Widerspruch zu den systematischen Einschränkungen, die ihnen das Leben in der christlichen Gesellschaft zunehmend erschwerten. Juden waren gezwungen, in separaten Vierteln zu leben, spezielle Kleidung zu tragen, eigene Steuern zu zahlen, und wurden aus den meisten wirtschaftlichen und handwerklichen Tätigkeiten ausgeschlossen. Die eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten führten dazu, dass sie häufig Geldverleih gegen Zinsen betrieben – eine Tätigkeit, die Christen verboten war – und dadurch zu Stereotypen wie dem gierigen Wucherer beitrugen, die sich fest im gesellschaftlichen Bewusstsein verankerten.

Im Mittelalter verschärfte sich die Situation weiter. Papst Innozenz III. erließ 1199 Schutzerlasse, die gleichzeitig die Unterordnung der Juden festschrieben: Sie sollten in ständiger Furcht und Unterwürfigkeit leben, keinen Einfluss auf Christen ausüben und ihre eigene „Schuld“ anerkennen. Beschlüsse des Laterankonzils von 1215 regelten die wirtschaftliche Interaktion und begrenzten die Zinsdarlehen, unter dem Vorwand, Christen zu schützen, was faktisch Juden wirtschaftlich benachteiligte. In vielen Städten wurden jüdische Viertel abgeriegelt, der „Judenhut“ oder gelbe Abzeichen verpflichtend, sexuelle Kontakte zwischen Christen und Juden verboten – frühe Formen der Ghettoisierung setzten ein.

Die rechtliche und soziale Knechtschaft der Juden manifestierte sich in der Vorstellung, dass sie dem König gehörten: Ihr Besitz, ihr Einkommen und teilweise ihr Leben standen unter der Kontrolle der Herrscher. Somit wurden die Juden zu den «Sachen» des Königs. Es wurde ein System entwickelt, womit die Herrscher durch Steuern und Abgaben auf die Kredite zu Geld kommen konnten.

«Der Jude kann wahrlich keinen eigenen Besitz haben, denn was immer er erwirbt, wird nicht von ihm, sondern vom König erworben, denn der Jude lebt nicht für sich, sondern für einen andern, und somit erwirbt der andere und nicht der Jude selbst.»

Dies brachte paradoxerweise Schutz, machte sie aber zugleich zu Eigentum und damit zu Zielscheiben politischer und sozialer Konflikte. Die Abhängigkeit der Herrscher von jüdischen Finanzmitteln und die gleichzeitige Diskriminierung schufen ein Spannungsfeld, das immer wieder für Pogrome, Vertreibungen oder wirtschaftliche Ausbeutung genutzt wurde.

Hinzu kamen religiöse und kulturelle Diffamierungen, die sich in Ritualmordlegenden und Hostienschändungen manifestierten. Juden wurden beschuldigt, christliche Kinder zu töten, ihr Blut für rituelle Zwecke zu verwenden oder Hostien zu entweihen. Solche Legenden führten regelmäßig zu Massakern – wie den Rintfleisch-Pogromen von 1298, bei denen über 140 Gemeinden zerstört wurden – und zu Talmudverbrennungen in Paris. Während die Kirche teilweise Schutz versprach, nutzten weltliche Fürsten den Antijudaismus strategisch, um Macht zu festigen, Besitz zu sichern oder Bevölkerungskontrolle auszuüben.

Die Lage spitzte sich in Spanien im 14. und 15. Jahrhundert zu: Zwangsbekehrungen (Conversos), öffentliche Disputationen zur Unterlegenheit der jüdischen Lehre, die Inquisition und das Konzept der „limpieza de sangre“ – der Blutreinheit – etablierten frühformale rassistische Regeln. 1492 wurden alle Juden aus Spanien vertrieben, 1496 aus Portugal. Viele flohen nach Nordafrika, in das Osmanische Reich oder nach Norden Europas. Dennoch blieb das Bild des Juden als „Fremder, Feind und Versuchung“ präsent, und religiöse sowie soziale Misstrauensmuster wirkten lange über die Vertreibungen hinaus.

So zeigt sich, dass die Institutionalisierung des Antijudaismus in Spätantike und Mittelalter eine komplexe Mischung aus Recht, Religion, Wirtschaft und sozialer Ordnung war. Schutz und Verfolgung standen in ambivalenter Spannung, religiöse Polemik verschränkte sich mit politischen Interessen, und antisemitische Stereotype wurden systematisch gefestigt – eine Grundlage, auf der später neue antijüdische Bewegungen und Ideologien aufbauen konnten.

Reformation und Frühe Neuzeit

Mit der Renaissance und dem Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts veränderten sich die intellektuellen und kulturellen Rahmenbedingungen der Beziehung zwischen Juden und Christen. Die Wiederentdeckung der klassischen Literatur weckte ein verstärktes Interesse am Studium der Bibel in ihren Ursprachen, darunter Hebräisch, und förderte zugleich ein gesteigertes Interesse am Judentum und seinen Schriften. Doch die alten Vorurteile, Stereotype und Ressentiments blieben weitgehend bestehen.

Papst Paul IV. setzte 1559 den Talmud auf den Index der verbotenen Bücher, und im gleichen Jahrhundert wurden die Juden im Kirchenstaat gezwungen, in römischen Ghettos zu leben. Wirtschaftliche und politische Zwänge führten zu wiederholten Vertreibungen, die teilweise aus pragmatischen Motiven wieder aufgehoben wurden. Auf staatlicher Seite spiegelten sich ähnliche Mechanismen: Die Position der Juden war oft durch Abhängigkeit von Herrschern und gleichzeitig durch Diskriminierung geprägt.

Der Reformator Martin Luther eröffnete eine neue Epoche, die zunächst von Hoffnung auf jüdische Bekehrungen geprägt war. Getrieben von der Entdeckung des „wahren Evangeliums“ und der Rechtfertigung allein durch den Glauben, sah er anfangs die Möglichkeit, dass sich Juden dem Christentum zuwenden könnten. Luthers frühe Schriften zeigen eine Mischung aus Verständnis für die Erfahrungen der Juden unter der römischen Kirche und antijudaistischer Stereotypisierung. Er kritisierte die römische Kirche als „judaisierend“ und machte sie für die fehlende Bekehrung der Juden mitverantwortlich.

«Denn unsere Narren, die Päpste, Bischöfe, Sophisten und Mönche, die groben Eselsköpfe, haben die Juden bisher so behandelt, dass diejenigen, die gute Christen waren, wohl hätten Juden werden können. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Grobiane gesehen, wie sie den Christenglauben regieren und lehren, wäre ich lieber eine Sau[1] geworden als ein Christ. Denn sie sind mit den Juden umgegangen, als wären sie keine Menschen. … Ich habe es selbst von frommen, getauften Juden gehört: Wenn sie nicht zu unserer Zeit das Evangelium gehört hätten, wären sie ihr Leben lang unter dem Christenmantel Juden geblieben. Denn sie bekennen es, dass sie bei denen, die sie getauft und unterrichtet haben, noch nie etwas von Christus gehört haben. Ich hoffe, dass viele Juden rechte Christen werden und wieder zum Glauben ihrer Väter, dem Glauben der Propheten und Patriarchen, zurückkehren, wenn man sie freundlich behandelt und sie sorgfältig aus der Heiligen Schrift unterweist.»  Martin Luther, Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei

Die Ernüchterung über das Ausbleiben von Massenbekehrungen führte jedoch zu einer radikalen Wende. In seinen späteren Schriften, besonders in „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543), wendet Luther sich offen gegen die Juden. Er bezeichnet sie als Lügner, dämonisch besessen und sozial gefährlich, und fordert die Zerstörung von Synagogen, die Konfiszierung von Besitz, die Verbote jüdischer Gottesdienste und die körperliche Züchtigung als „Heilmittel“. In manchen seiner Invektiven finden sich Motive aus der Antike wieder, wie z.B. die Menschenfeindlichkeit der Juden. Doch die Christen seien schuld, da sie die Juden gewähren liessen. Aus diesem Grund gibt Luther Anweisungen, wie mit den Juden umzugehen sei:  Die Synagogen und ihre Wohnhäuser solle man niederbrennen und sie stattdessen in Ställen unterbringen, man solle ihnen alle religiösen Schriften wegnehmen, die Rabbiner sollten nicht mehr lehren dürfen und ebenso sollten jüdische Gottesdienste sollten bei Todesstrafe verboten werden da «ihr Lob, ihr Dank, ihr Gebet und ihr Lehren ist ganz und gar Gotteslästerung, Fluchen, Abgötterei» sei. Alle Schutzmassnahmen für Juden sollten aufgehoben werden, alles Bargeld, Gold und Silber ihnen abgenommen werden und sie zu körperlicher Arbeit gezwungen werden als «Heilmittel». Sollte dies nichts nützen, so solle man sie für immer vertreiben.

In der Schrift „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ verschärft er diese Polemik und verbindet sie mit Angriffen auf die Papstkirche.

«Man muss sich hüten vor der Scheisse der Rabbiner, die in gewisser Weise die Heilige Schrift zu einer Art Latrine gemacht haben, in die sie ihr schmähliches Streben und ihre idiotische Meinung abführen.»

«Darum wollte ich gerne, sie wären [dort], wo keine Christen sind. Der Türke und andere Heiden leiden dies nicht von ihnen, was wir Christen von den giftigen Schlangen und jungen Teufeln leiden. Sie tun es auch niemandem als uns Christen.»

«ein solch verzweifelt, durchböset, durchgifftet, durchteufelt ding ists umb diese Jüden, so diese 1400 jar unser plage, pestilentz und alles unglück gewest und noch sind» … «im hertzen unser tegliche Mörder und blutdürstige Feinde.»
Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen

Luthers Antijudaismus vereint dabei theologische, soziale und proto-rassische Motive und wurde durch den Buchdruck rasch verbreitet, was seine Wirkung auf die Gesellschaft über Jahrhunderte hinaus sicherte.

Nicht alle Theologen und Kirchenführer folgten Luthers Extremen. Viele blieben zwar bei antijudaistischen Vorurteilen, zeigten aber gleichzeitig ein intellektuelles Interesse am Judentum, seiner Kabbala und Mystik – stets aus einem christlichen Blickwinkel und mit missionarischem Ziel. Im Pietismus ab 1660 wurden teilweise Wiederansiedlungen erlaubt, oft aus wirtschaftlichen Erwägungen, jedoch ohne Gleichstellung der Juden.

Die Judenfeindschaft fand auch außerhalb von Kirche und Theologie ihren Ausdruck. In Alltagssprache und Redensarten wurden antisemitische Stereotype verankert, und auf Theaterbühnen, wie etwa bei Shakespeare, wurde der „Jude“ als moralisch, ökonomisch und sozial problematische Figur dargestellt. Dabei war es häufig irrelevant, ob die dargestellten Menschen tatsächlich Juden waren; es genügte, dass Eigenschaften projiziert wurden, die mit dem Bild des „Juden“ assoziiert wurden. Besitz, Geld, Handel und Recht wurden als „jüdisch“ markiert – eine Zuschreibung, die gesellschaftlich sanktioniert und verbreitet wurde.

So zeigt sich, dass die Reformation und die Frühe Neuzeit eine ambivalente Entwicklung für die Juden brachten: Einerseits entstanden neue intellektuelle Zugänge, eine verstärkte Beschäftigung mit der Bibel und erste theoretische Überlegungen zu Religionsfreiheit und Emanzipation. Andererseits wurden antijüdische Vorurteile durch theologische Polemik, gesellschaftliche Praktiken und politische Maßnahmen verstärkt, die ihre rechtliche, wirtschaftliche und soziale Stellung weiterhin stark einschränkten. Die Epoche bereitete die Grundlage für die langfristige Verwurzelung von Antijudaismus in europäischen Gesellschaften.

Aufklärung und Moderne

Die Aufklärung eröffnete für die Juden eine ambivalente Epoche. Einerseits brachten philosophische Reflexionen über Menschenrechte, Gleichheit und Freiheit neue Perspektiven auf gesellschaftliche Integration und Emanzipation. Andererseits blieben antisemitische Stereotype lebendig: der „ewige Jude“ wurde als Symbol für Fremdheit, Materialismus oder moralische Verderbtheit konstruiert. Philosophen wie Voltaire, Kant, Fichte, Hegel oder Schopenhauer zeigen die Spannbreite von Rationalisierung, Kritik und fortbestehender Feindseligkeit. Gesellschaftliche Ereignisse wie die Hep-Hep-Krawalle oder Debatten um die jüdische Emanzipation verdeutlichen, dass Aufklärung nicht automatisch zur Reduktion antisemitischer Vorurteile führte. Die Moderne formte darüber hinaus neue nationale Identitäten, in denen Juden häufig als „fremd“ oder als Symbol der Überfremdung markiert wurden.

Die Emanzipation leitete für die Juden eine neue Epoche ein, doch alte Vorurteile blieben bestehen und wurden oft durch neue ergänzt, die auf den traditionellen Stereotypen aufbauten. Ein frühes Beispiel für die kritische Auseinandersetzung mit Religion und Autorität ist Baruch de Spinoza im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts. In seinem Tractatus Theologico-Politicus forderte er die Trennung von Glauben und Vernunft, Bibel und Wahrheit. Für Spinoza bildeten die Freiheit des Denkens und des Gewissens die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben. Gleichzeitig kritisierte er Geistliche, die ihre Traditionen als Vehikel für Habgier und Ehrsucht nutzten. In seiner Argumentation griff er auf antisemitische Stereotype zurück, um die „Tyrannei der Schrift“ zu beleuchten: Judaisierung, das wörtliche Verständnis der Bibel und die Verehrung des Gesetzes wurden als Hemmnisse rationalen Denkens dargestellt. Spinozas eigene jüdische Herkunft erleichterte seinen Gegnern die Verknüpfung von Atheismus und Judentum.

Auch andere Aufklärer zeigten ambivalente Einstellungen gegenüber Juden. In Frankreich etwa waren Juden trotz ihres geringen Bevölkerungsanteils von 0,0015 % prominent als Symbolfiguren im Diskurs präsent. Handel, Geldwirtschaft und wirtschaftlicher Einfluss wurden als „jüdisch“ markiert, verbunden mit Eigenschaften wie Geiz, Unehrlichkeit oder Monopolstreben. Voltaire bezeichnete die biblischen Juden als „elendste Menschen auf Erden“ und sah in ihnen zugleich die Ursprünge der Macht der Kirche. Philosophische Überlegungen drehten sich dabei oft um die Frage, ob Juden „zur Vernunft“ gebracht werden könnten – ein gedankliches Spiegelbild der älteren christlichen Vorstellung von Bekehrung. David Nirenberg zitiert Pierre-Louis Lacretelle (1776), der die Frage stellte: „Ist der Jude eher ein Mensch oder ein Jude?“ – ein Ausdruck der ambivalenten, rationalisierten Feindseligkeit der Aufklärer.

Kant unterschied zwischen der „jüdischen Knechtschaft“ und der „christlichen Freiheit“ und sah das Christentum als vom Judentum weitgehend losgelöst. Jesu Lehren erschienen ihm nicht jüdisch, sondern griechisch geprägt; das Judentum stand für Materialismus und Gesetzesgehorsam. Hegel und Schopenhauer wiederum verbanden „das Jüdische“ mit bestimmten Denkweisen oder Weltanschauungen, nicht mit tatsächlicher religiöser Zugehörigkeit, wodurch antisemitische Stereotype säkularisiert wurden. Voltaire, Rousseau, Diderot oder Montesquieu transformierten damit christlichen Antijudaismus in ein säkulares, rationales Gewand, ohne die negativen Zuschreibungen aufzugeben.

Gleichzeitig brachte die Aufklärung die rechtliche und gesellschaftliche Emanzipation der Juden voran – allerdings nur schrittweise und je nach Land sehr unterschiedlich. Sie erlaubte die freie Berufsausübung, den Erwerb von Bürgerrechten, die Errichtung eigener Schulen und Synagogen oder die Drucklegung von Gebetbüchern. Dieser Prozess war oft stockend, konnte teilweise wieder eingeschränkt oder zurückgenommen werden und blieb lange Zeit auf dem Papier. Vollständige Integration und Gleichstellung waren das Ziel, der Weg dorthin jedoch lang und von Ambivalenzen geprägt: Aufklärung und Emanzipation eröffneten Chancen, die alten Vorurteile blieben jedoch gesellschaftlich und kulturell wirksam.

Nationalismus und Rassismus im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert intensivierte sich der Antisemitismus durch politische, rassistische und pseudowissenschaftliche Argumentationen. Juden wurden nicht länger nur als „religiöse Andere“ ausgegrenzt, sondern zunehmend als „rassisch Fremde“ konstruiert. Diese Konstruktion stellte ihre Zugehörigkeit zu Nation und Staat infrage und legte ideologische Grundlagen, die später den Nationalsozialismus begünstigen sollten. Antisemitische Parteien, Figuren wie Adolf Stoecker oder Heinrich von Treitschke und die Verbreitung sozialdarwinistischer sowie rassistischer Theorien trugen wesentlich zu dieser Entwicklung bei.

Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) gilt als früher Vertreter einer nationalistisch geprägten politischen Ideologie, in der Juden als ein „Staat im Staat“ oder eine „Nation innerhalb der Nation“ erschienen:

„Fast durch alle Länder verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht […] es ist das Judenthum.“

Hier verbinden sich alte Vorurteile – Menschenhass, Feindseligkeit, Abgesondertsein, Ausbeutung – mit neuen nationalistischen Idealen. In Fichtes Geschichtsphilosophie verläuft die Menschheit durch Zeitalter, an deren Schwelle ein neues, rationales Volk die Weltgeschichte prägen soll. Juden werden dabei als Hindernis für den Fortschritt betrachtet, während die deutsche Nation als Einheit, in Liebe verbunden und sprachlich homogen, das Ideal verkörpert. Alte antisemitische Stereotype wurden hier in ein „rationales“ nationalistisch geprägtes Gewand gekleidet, das sich zunehmend im politischen Diskurs manifestierte.

In der Folge entwickelte sich in Deutschland ein völkisches Deutschtum, in dem das Christentum als einzige wahre Religion dieser Nation betrachtet wurde. Jakob Friedrich Fries etwa unterschied zwischen dem einzelnen Juden und der „Judenschaft“, bezeichnete letztere aber als „Völkerkrankheit“, die sich durch Geld und Macht entfaltete. 1819 führten die ersten antisemitischen Pogrome, die sogenannten Hep-Hep-Krawalle, die Verbindung alter religiöser Feindbilder mit nationalistischen Idealen vor Augen.

«[E]s ist Zeit das Geschlecht der Christus-Mörder zu unterdrücken, damit sie nicht Herrscher werden über uns und unsere Nachkommen, denn stolz erhebt schon die Juden-Rotte ihre Häupter und spotten unserer Ehrfurcht, dass wir unsere Knie beugen für den, den sie gewürgt, darum nieder! … Nun auf zur Rache! Unser Kampfgeschrei sey Hepp! Hepp! Hepp! Aller Juden Tod und Verderben, Ihr müsst fliehen oder sterben.»

Die rechtliche Emanzipation der Juden verlief hingegen langsam und fragmentarisch. Im Deutschen Bund erhielten Juden 1847 teilweise gleiche bürgerliche Rechte; 1848/49 wurden alle Grundrechte unabhängig vom Glauben gewährt, 1869 schließlich auch die Zulassung zu öffentlichen Ämtern und Parlamenten. Dennoch blieb die gesellschaftliche Atmosphäre von tief verwurzeltem Antisemitismus durchzogen. In der Kaiserzeit wurden politische antisemitische Parteien gegründet, die alte Vorurteile mit neuen rassistischen und wirtschaftlichen Argumenten verbanden.

Das religiöse Motiv des Antijudaismus blieb präsent, wurde nun jedoch mit pseudowissenschaftlichen Rassentheorien kombiniert. Wilhelm Marr prägte den Begriff „Antisemitismus“ und gründete die Antisemiten-Liga, wodurch sich die Diskurse zunehmend institutionalisieren. Kirchenmänner zeigten erneut Interesse am Talmud, wobei er häufig missverstanden oder verfälscht wurde, um die „Bösartigkeit“ des Judentums darzustellen. Werke wie Der Talmudjude oder Die verderbte Sittenlehre der Talmudjuden verbreiteten ein ganzes Arsenal von Stereotypen: Weltherrschaftspläne, Wucher, moralische Verderbtheit, sexuelle Ausschweifungen und angebliche Gewalt gegen Nichtjuden. Ritualmordanklagen in Xanten (1891) oder Preußen (1900) zeugen von der Gewaltbereitschaft, die durch diese Vorstellungen genährt wurde.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten wirtschaftliche Motive stärker in den Vordergrund: Juden wurden für wirtschaftliche Krisen und gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht, obwohl sie nur eine kleine Minderheit darstellten. Antisemiten wie Stoecker und Treitschke verbanden diese Argumente mit christlicher und nationaler Ideologie, prägten Schlagworte wie „Die Juden sind unser Unglück“ und legten damit ideologische Grundlagen für das 20. Jahrhundert. Der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts unterschied sich vom vorherigen religiös motivierten Judenhass nur in der Form: alte Stereotype wurden in neuen politischen, rassischen und pseudowissenschaftlichen Diskursen weitergetragen und radikalisiert.

NS-Zeit und „Deutsche Christen“

Die NS-Zeit markiert eine Radikalisierung historischer Antijudaismen. Der rassistische Antisemitismus erreichte seinen traurigen Höhepunkt, während alte theologische und gesellschaftliche Vorurteile radikalisiert und systematisch in die nationalsozialistische Ideologie integriert wurden. Die „Deutschen Christen“ übernahmen diese Argumentationen, entjudeten Bibeltexte und trugen zur Legitimation von Massenverbrechen bei. Kirchen, die nicht aktiv Widerstand leisteten, verstärkten die Tragweite dieser Ideologie durch ihr Schweigen.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts legten Ideologen wie Eugen Dühring den Grundstein für den rassistischen Antisemitismus der NS-Zeit. Dühring veröffentlichte 1881–1883 Schriften wie Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage und Der Ersatz der Religion durch Vollkommeneres, in denen er Sondergesetze, Ghettoisierung und Deportationen vorschlug. Der Publizist Theodor Fritzsch stellte 1897 in seinem „Antisemiten-Katechismus“ die Idee eines von allem Jüdischen gereinigten Christentums dar; bis 1939 erschien das Werk in 45 Auflagen als Handbuch der Judenfrage.

Houston Steward Chamberlain setzte die pseudowissenschaftliche Rassenideologie fort. Er stellte die „reine germanische Rasse“ der „rein gebliebenen jüdischen Rasse“ gegenüber und bezeichnete die Juden als bewundernswert in ihrer Reinheit, aber als gefährlichste Gegner der Germanen. Jesus versuchte er durch rassistische Argumentation aus dem Judentum zu lösen:

„Wer die Behauptung aufstellt, Christus sei ein Jude gewesen, sagt entweder eine Dummheit oder eine Lüge… Die Wahrscheinlichkeit, dass Christus kein Jude war, dass er keinen Tropfen echt jüdischen Blutes in den Adern hatte, ist so groß, dass sie einer Gewissheit fast gleichkommt.“

Das Jesus kein Jude gewesen sei, wurde später von Goebbels in seinem Roman „Thomas“ wieder aufgenommen.

Antisemitische Parteien entstanden, wobei besonders der Alldeutsche Verband an Einfluss gewann. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg verschärfte antisemitische Vorstellungen: Juden wurden als Feiglinge, Kriegsprofiteure oder „entartete Undeutsche“ diffamiert. International verstärkten Ereignisse wie die Dreyfus-Affäre, Pogrome in Polen und Russland sowie die Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion die antisemitische Ideologie. Letztere wurde von NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg rezipiert und kommentiert, verbreitet noch Jahrzehnte später, u. a. in der arabischen Welt.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 begann die systematische Ausgrenzung. Die Staatsbürgerschaft, die Juden knapp 100 Jahre zuvor errungen hatten, wurde entzogen. Sie wurden aus öffentlichen Ämtern, dem Berufsleben, der Presse und Kultur ausgeschlossen. Propaganda, Terror und Gewalt nahmen zu, begleitet von einer zunehmend dehumanisierenden Sprache, die Juden als Parasiten, Tiere oder Krankheiten bezeichnete.

Der völkische Antisemitismus griff auch tief in die Kirchen ein. Besonders im protestantischen Bereich war das Christentum anfällig für eine „germanisierte“ Version des Glaubens. Friedrich Andersen forderte die Abschaffung des Alten Testaments und erklärte Jesus zum Nicht-Juden. 1931 wurden die „Deutschen Christen“ gegründet, die eine germanische Reichskirche vorantrieben, Juden und konvertierte Christen ausschlossen und die sogenannte „Entjudung“ des kirchlichen Lebens organisierten. Sie gründeten das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Viele führende Theologen kooperierten, einige blieben nach 1945 weiterhin im Amt. Als Opposition entstand die „Bekennende Kirche“, in der u. a. Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth aktiv waren. Sie lehnte den kirchlichen Arierparagraphen ab, tolerierte jedoch die staatlichen Rassengesetze.

Der organisierte Judenboykott Ende März 1933, die Entrechtung durch Nürnberger Gesetze, Berufsverbote und die systematische Propaganda wurden meist widerspruchslos hingenommen, auch von großen Teilen der Kirchen. Sprache, Medien und Gesetze dehumanisierten Juden und bereiteten die Umsetzung der „Endlösung“ vor. In der Wannseekonferenz 1942 wurde die Vernichtung der europäischen Juden als bürokratische Aufgabe und moralische Pflicht der nationalsozialistischen Ideologie beschlossen. Mit systematischer Effizienz und unter weitgehendem Stillschweigen der Bevölkerung wurden sechs Millionen jüdische Menschen ermordet.

Die NS-Zeit zeigt, wie historisch gewachsene antisemitische Vorurteile – religiös, wirtschaftlich und rassistisch motiviert – in einer modernen Ideologie miteinander verschmolzen und zu einer beispiellosen Katastrophe führten.

Luthers Geburtstag und die Reichspogromnacht

Ein besonders bedrückendes Schlaglicht auf die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte des lutherischen Antijudaismus wirft der Zusammenhang zwischen Martin Luthers Geburtstag und der Reichspogromnacht von 1938. Die Reichspogromnacht, euphemistisch oft „Reichskristallnacht“ genannt, begann in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 – ausgerechnet am Geburtstag Martin Luthers. Synagogen brannten in ganz Deutschland, jüdische Geschäfte wurden zerstört, Menschen misshandelt, verhaftet und ermordet.

Nationalsozialistische Funktionäre und auch Kirchenvertreter deuteten dieses makabre Zusammentreffen nicht als Zufall, sondern als geradezu „providencehaft“. Der Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse, veröffentlichte unmittelbar danach eine Broschüre, in der er die Pogrome ausdrücklich mit Luthers Schriften verband. Sasse schrieb:

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom größten Antisemiten seiner Zeit wird der Ruf in die Gegenwart getragen: Brennt nieder ihre Synagogen, steckt an ihre Schulen, und was nicht verbrannt werden kann, das überhäuft mit Erde, dass kein Mensch je wieder einen Stein oder eine Schlacke davon sehe.“

Damit griff Sasse wörtlich Luthers Hetzschrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) auf und stilisierte den Reformator zum geistigen Paten der nationalsozialistischen Gewalt. Für die Täter und Mitläufer bedeutete dieses Datum eine zusätzliche ideologische Legitimierung: Sie verstanden die Pogrome nicht nur als politische Aktion, sondern auch als eine Art „Erfüllung“ lutherischer Forderungen.

Dass kirchliche Amtsträger auf diese Weise den Geburtstag des Reformators mit den Verbrechen des NS-Regimes verschränkten, zeigt, wie tief die antijudaistischen Traditionen im Protestantismus verankert waren. Es offenbart zugleich, wie theologische Texte aus dem 16. Jahrhundert in das mörderische 20. Jahrhundert verlängert und als Rechtfertigung für Terror gegen Jüdinnen und Juden missbraucht wurden.

Die zeitliche Koinzidenz von Luthers Geburtstag und der Reichspogromnacht steht daher bis heute als mahnendes Symbol dafür, wie historische Theologie antisemitisch instrumentalisiert werden konnte – und wie notwendig es ist, diese Tradition kritisch aufzuarbeiten.

Nachkrieg und Neubeginn

Nach 1945 dominierte zunächst das Unvermögen, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Viele Kirchen, insbesondere die großen Institutionen, vermieden eine offene Auseinandersetzung mit ihrer Rolle während der NS-Zeit oder relativierten sie, wie etwa in der „Stuttgarter Schulderklärung“ der Evangelischen Kirche. Einzelne Persönlichkeiten, insbesondere aus der Bekennenden Kirche, leisteten jedoch bemerkenswerten Widerstand. Dietrich Bonhoeffer etwa änderte im Verlauf seines Lebens seine anfänglich antijudaistischen Vorurteile, erkannte das Judentum Jesu an und half aktiv, Juden aus Deutschland zu retten.

In der Schweiz war die Lage ähnlich komplex. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts existierte eine starke antisemitische Grundstimmung in Gesellschaft und Kirche, geprägt von wirtschaftlichen, politischen und religiösen Motiven. Ein institutionalisierter Dialog zwischen Juden und Christen fand nicht statt; Kontakte waren meist privater oder wirtschaftlicher Natur. 1904 wurde das Schächten per Volksabstimmung verboten, woraufhin das Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) gegründet wurde, um die jüdische Gemeinschaft zu vertreten. Trotz Bemühungen um Integration wurden Juden regelmäßig aus Vereinen und gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen, und in den 1920er Jahren erfasste antisemitische Propaganda die Schweiz, beeinflusst vom Faschismus in Italien und dem Nationalsozialismus in Deutschland. Besonders Ostjuden, die äußerlich als solche erkennbar waren, waren Ziel von Vorurteilen und Ausgrenzung.

Kirchliche Kontakte zur jüdischen Bevölkerung waren noch im 19. Jahrhundert kaum vorhanden. Selbst jüdische Konvertiten stießen auf Widerstände, und Bekehrungen wurden aus antisemitischen Motiven manchmal aktiv verhindert. Eine kleine Minderheit in der evangelischen Kirche, etwa in Basel, suchte jedoch den Kontakt, betrieb Judenmission und gründete 1830 den „Verein der Freunde Israels“. Diese Arbeit war ambivalent: Sie half konvertierten Juden und armen Schulkindern, ohne das Judentum selbst zu respektieren. Ziel war primär die Mission, nicht die Bekämpfung des rassischen Antisemitismus, wenngleich einige traditionelle Vorurteile beibehalten wurden.

Mit der antisemitischen Propaganda der 1930er Jahre verschärfte sich die Situation auch innerhalb der Kirchen. In der Schweiz stellte sich nach dem Verbot des Vereins in Deutschland 1938 die Frage, ob die Judenmission fortgeführt werden sollte oder ob man den Juden einfach nur christliche Nächstenliebe zuteilwerden lassen sollte.

Wichtige Impulse für den jüdisch-christlichen Dialog gingen von Einzelpersonen und kleinen Gruppen aus. In der Schweiz waren dies u. a. Leonhard und Clara Ragaz, die sich für Flüchtlinge engagierten und Dialog auf Augenhöhe suchten. Pfarrer Paul Vogt organisierte Flüchtlingshilfe und Begegnungen zwischen Juden und Christen. Gertrud Kurz engagierte sich im Christlichen Friedensdienst, Wilhelm Vischer und Karl Barth betonten die theologische Bedeutung des Judentums und die Notwendigkeit, Antisemitismus entschieden abzulehnen. Aus katholischer Sicht engagierten sich Charles Journet und Jean de Menasce gegen Faschismus und Antisemitismus.

Auch aus jüdischer Perspektive entstanden Initiativen: Georg Guggenheim, Leiter der Pressestelle des SIG, betrachtete Antisemitismus als Bedrohung für die gesamte Gesellschaft und die christliche Kultur. Hans Ornstein, 1939 aus Wien nach Zürich geflohen, arbeitete in der Flüchtlingshilfe und war 1946 Gründungsmitglied der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz. Für beide war der Kampf gegen Antisemitismus ein gesellschaftliches Anliegen, das über die jüdische Gemeinschaft hinausging.

Die Konferenz von Seelisberg 1947 markierte einen Wendepunkt. Die dort formulierten Thesen betonten die Verantwortung der Christen gegen Antisemitismus und legten die Grundlage für einen nachhaltigen jüdisch-christlichen Dialog. 1948 wurde in Fribourg eine weitere Konferenz abgehalten, die Bildung, Verständigung und Zusammenarbeit thematisierte. Die religiöse Kommission diskutierte auch die Gründung des Staates Israel und kam zu dem Schluss, dass es keine theologischen Einwände dagegen gebe. Dennoch gab es einige christliche Delegierte, die Schwierigkeiten hatten, die starke Verbindung zwischen Juden und dem Land Israel zu verstehen. Viele der Empfehlungen der Seelisberger Thesen wurden praktisch umgesetzt, und in Deutschland griff die Evangelische Kirche Hessen-Nassau diese 1950 mit den „Schwalbacher Thesen“ auf. Die Diskussionen nach Seelisberg trugen wesentlich dazu bei, ein Klima zu schaffen, in dem Themen wie Antisemitismus und jüdisch-christlicher Dialog auch im Vatikan und im Zweiten Vatikanischen Konzil aufgegriffen wurden – etwa in der Nostra Aetate und in Änderungen der Karfreitagsliturgie.

Trotz dieser Fortschritte brauchte es in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland, Jahre, bis die Kirchen ihre Verantwortung für ihre aktive oder passive Teilnahme an der Shoah umfassend anerkannten. Schritt für Schritt entstanden jedoch Strukturen, Diskurse und Initiativen, die den Grundstein für ein neues, reflektiertes Verhältnis zwischen Christen und Juden legten.

Palästinensische Befreiungstheologie

Einige Vertreter der palästinensischen Befreiungstheologie setzen die historischen Muster der Delegitimierung des jüdischen Volkes in einen politischen Kontext fort. Prof. Mitri Raheb, Pastor der Evangelisch-Lutherischen Geburtskirche in Bethlehem, interpretiert die Weihnachtsgeschichte ausdrücklich als palästinensische Geschichte und vergleicht Israel mit dem römischen Besatzungsregime. So sagte er 2010 auf der „Christ at the Checkpoint“-Konferenz in Bethlehem:

„Israel repräsentiert das Rom der Bibel, und nicht die Menschen des Landes. Ich bin sicher, wenn wir einen DNA-Test zwischen David, der ein Bethlehemit war, und Jesus, geboren in Bethlehem, und mir selbst, geboren direkt gegenüber von Jesu Geburtsort, machen würden, würde sich eine Spur zeigen. Wenn man jedoch König David, Jesus und Netanyahu nimmt, kommt nichts heraus, denn Netanyahu stammt aus einem osteuropäischen Stamm, der im Mittelalter zum Judentum konvertierte.“

Rahebs Argumentation greift alte rassistische Theorien wie die Khazaren-These auf, um die Verbindung europäischer Juden zum Land Israel zu bestreiten und die Legitimität des jüdischen Volkes insgesamt infrage zu stellen. Indem er die jüdische indigene Kontinuität leugnet, reproduziert er antisemitische Denkmuster, die schon in früheren europäischen und nationalistischen Kontexten aufgetreten sind.

Auch Naim Stifan Ateek, palästinensischer Priester in der Anglikanischen Kirche, entwickelt in seinen Schriften eine hermeneutische Strategie, die bestimmte Teile der Hebräischen Bibel als „nicht authentisch“ ablehnt, um die historische und theologische Verbindung des jüdischen Volkes zum Land Israel zu delegitimieren. In seinem Buch Justice and Only Justice schreibt er:

„Palästinensische Christen suchen nach einer Hermeneutik, die ihnen hilft, das authentische Wort Gottes in der Bibel zu identifizieren und die wahre Bedeutung jener biblischen Texte zu erkennen, die jüdische Zionisten und christliche Fundamentalisten zitieren, um ihre subjektiven Ansprüche und Vorurteile zu untermauern.“

Ateek trennt in seiner Lesart des Alten Testaments zwei Stränge religiösen Denkens: einen exklusiven, ethnisch-zentrierten Gott, der strikte Gesetzestreue verlangt, und einen inklusiven, universellen Gott, der alle Menschen liebt, unabhängig von Rasse oder Ethnie. Er bewertet das erste als repräsentativ für das „Judentum“ und lehnt es für Christen ab, während der zweite Strang als wahrer Ausdruck göttlicher Liebe gelten soll (Justice and Only Justice, S. 81–83).

In seiner früheren Arbeit A Palestinian Theology of Liberation argumentiert Ateek, dass Teile der Hebräischen Bibel zwar das Glaubensleben vertiefen könnten, andere Texte aber Menschenrechte und internationales Recht verletzten:

„Diese Texte stellen in keiner Weise ein Wort Gottes für uns dar. Sie müssen abgelehnt werden. Sie besitzen keinen spirituellen oder moralischen Wert oder Autorität für irgendeine Person.“

Darüber hinaus äußert Ateek problematische Aussagen zum Talmud. Er interpretiert orthodoxes jüdisches Recht in einer Weise, die jüdisches Leben als privilegiert über nicht-jüdisches Leben darstellt:

„Das orthodoxe Religionsgesetz unterscheidet zwischen einem Juden und einem Nichtjuden. Der Körper eines jüdischen Menschen ist von völlig anderer Qualität als der Körper aller Völker der Welt. Das jüdische Leben hat einen unendlichen Wert; der Begriff Mensch bezieht sich nur auf Juden in der Halacha.“

Diese Lesart ignoriert den eigentlichen juristischen und religiösen Kontext des Talmud und verzerrt die Bedeutung der Halacha zu einer ethnozentrischen Überhöhung, die antisemitische Stereotype wie das Motiv des geldgierigen Juden oder die Vorstellung von jüdischer Überlegenheit reaktiviert. Auch in Justice and Only Justice greift Ateek dieses Motiv indirekt auf, indem er gegen den modernen Staat Israel als Verkörperung der „jüdischen Interessen“ argumentiert, teilweise durch die bekannte antisemitische Metapher vom Geldhunger.

Ateek sucht damit eine hermeneutische Linie, um das Alte Testament zu selektieren: Texte, die jüdische Kontinuität zum Land Israel oder den Bund Gottes mit dem jüdischen Volk bestätigen, werden verworfen; jene, die angeblich universelle Gerechtigkeit und Liebe ausdrücken, werden als „authentisch“ übernommen. So schreibt er:

„Es gibt bestimmte Passagen im Alten Testament, deren theologische Voraussetzungen und Aussagen vom heutigen Christen nicht bejaht werden müssen, weil sie ein frühes Stadium des menschlichen Verständnisses von Gottes Offenbarung widerspiegeln, das dem Verständnis Gottes in Jesus Christus widerspricht. Diese Texte bleiben jedoch pädagogisch wertvoll, insbesondere in negativer Hinsicht: Sie zeigen auf, was Gott nicht ist, genauso wie, was Gott ist.“

Ateeks hermeneutische Strategie reproduziert klassische Elemente der Ersatztheologie: Das Bündnis zwischen Gott und dem jüdischen Volk wird als von Christus abgelöst interpretiert. Zwar erkennt er die Notwendigkeit der Existenz Israels als jüdischem Staat an, begründet dies jedoch nicht mit einem legitimen historischen Anspruch oder jüdischer indigener Verbindung, sondern ausschließlich mit der Gegenwart von Millionen israelischer Bürger:

„Die Erhaltung Israels als jüdischer Staat ist nicht nur für israelische Juden, sondern für Juden weltweit von Bedeutung. Ich glaube, dass wir ihren Wunsch respektieren und akzeptieren müssen. Tatsächlich sollten die Palästinenser letztlich das Überleben Israels garantieren, indem sie es als jüdischen Staat anerkennen.“

Ateek verurteilt zwar Selbstmordanschläge, erklärt sie jedoch gleichzeitig als Folge der israelischen Besatzung. Verantwortung für das eigene Handeln fehlt. Insgesamt dienen die hermeneutischen Strategien dazu, das jüdische Volk und seine historische Kontinuität zum Land Israel zu delegitimieren, während politische Forderungen der palästinensischen Befreiungstheologie damit verbunden werden. Das Kairos-Palästina-Dokument zeigt beispielhaft, wie politische Narrative mit antijüdischen Argumentationsmustern verschränkt werden können, etwa durch Ersatztheologie und die Leugnung jüdischer indigener Ansprüche.

Analytische Einordnung

Die Ansätze von Mitri Raheb und Naim Ateek zeigen, wie tief verwurzelte antisemitische Muster in neue Kontexte übertragen werden können. Raheb greift alte rassistische Konstruktionen auf – etwa die Idee, dass europäische Juden nicht „wirkliche“ Juden seien, wie sie schon in der Khazaren-These des 19. Jahrhunderts vertreten wurde – und verknüpft sie mit einer politischen Deutung des Staates Israel. Ateeks hermeneutische Strategie wiederholt klassische Ersatztheologie und die Delegitimierung jüdischer Kontinuitität, verbunden mit einer selektiven Lesart der Hebräischen Bibel, die Teile des Alten Testaments für „nicht authentisch“ erklärt und deren Autorität bestreitet.

Besonders problematisch ist, dass Ateek in diesem Zusammenhang Elemente antisemitischer Stereotype aufgreift, etwa die Vorstellung von jüdischer Überlegenheit oder das Motiv des „geldgierigen Juden“. Die Ablehnung bestimmter biblischer Texte als „nicht Wort Gottes“ – wie er es explizit formuliert:

„In keiner Weise stellen sie ein Wort Gottes für uns dar. Sie müssen abgelehnt werden. Sie besitzen keinen spirituellen oder moralischen Wert oder Autorität für irgendeine Person.“

– erinnert an frühere theologische Strategien, die die jüdische Religion und Kultur delegitimieren sollten, um Christen eine universelle Deutungshoheit zu sichern. Die Selektivität der Auslegung, die Ablehnung der Halacha in ihrer tatsächlichen Bedeutung und die instrumentelle Nutzung von antijüdischen Motiven spiegeln historische Muster wider, die bereits in der europäischen und nationalsozialistischen Antisemitismusgeschichte zu finden sind.

Damit wird deutlich, dass bestimmte Argumentationsmuster, die im 19. und 20. Jahrhundert als pseudowissenschaftliche, theologische oder rassistische Legitimierungen dienten, auch in modernen politischen und theologischen Kontexten fortwirken können. Die Strategien Rahebs und Ateeks zeigen, wie politische Ziele, nationale Narrative und religiöse Hermeneutik miteinander verschränkt werden, um jüdische historische Kontinuität und Legitimität zu bestreiten – ein Muster, das historisch wiederkehrend und gesellschaftlich problematisch ist.

Evangelikale Strömungen und Ambivalenz gegenüber Juden

Besonders im 20. und 21. Jahrhundert treten in evangelikalen Milieus Haltungen zutage, die eine eigentümliche Spannung offenbaren: Einerseits bekunden viele evangelikale Gruppen eine deutliche „pro-israelische“ Haltung, unterstützen den Staat Israel politisch, finanziell und theologisch. Diese Unterstützung ist jedoch häufig nicht Ausdruck einer wirklichen Wertschätzung jüdischen Lebens und Glaubens, sondern eingebettet in eine endzeitliche Eschatologie. In dieser Lesart spielt Israel die Rolle eines heilsgeschichtlichen „Schauplatzes“, auf dem sich die letzten Kämpfe – Armageddon – abspielen sollen. Jüdinnen und Juden erscheinen darin nicht als Subjekte mit eigener Glaubenswürde, sondern als Figuren eines göttlichen Plans.

Daraus resultiert eine paradoxe Haltung: Juden sollen in Israel gesammelt werden, doch nicht um ihrer selbst willen, sondern damit sie im Rahmen der endzeitlichen Erwartungen entweder „zum Glauben an Christus kommen“ oder aber verloren gehen. Diese Sichtweise trägt den Keim des Antijudaismus in sich, auch wenn sie sich nach außen hin als „freundlich“ gegenüber Israel darstellt. Problematisch ist vor allem die Verweigerung, das Judentum als eigenständigen und gültigen Bund mit Gott anzuerkennen. Die Existenz Israels wird bejaht – aber nicht aus Respekt vor jüdischer Geschichte und Identität, sondern aus rein funktionaler Bedeutung für das eigene Heilsdrama.

Zahlreiche Predigten und Schriften in evangelikalen Kontexten machen dies deutlich: Israel wird als „Zeichen der Endzeit“ interpretiert, nicht als lebendiges Volk mit eigener religiöser Tradition. Jüdische Stimmen weisen immer wieder darauf hin, dass eine solche Theologie zwar kurzfristig politische Unterstützung für Israel bringt, langfristig aber auf eine spirituelle Enteignung hinausläuft: Israel wird funktionalisiert, Judentum seiner Eigenständigkeit beraubt, und die Rettung des einzelnen Juden an dessen „Bekehrung“ geknüpft. Hier wird der alte Gegensatz von „Christus“ versus „Gesetz“ neu aufgeladen: die Gnade gilt nur denen, die sich dem Christus der evangelikalen Theologie unterwerfen; alle anderen bleiben ausgeschlossen.

Damit perpetuieren auch solche Strömungen alte christliche Muster – nur in einem neuen, eschatologischen Gewand. Unter der Oberfläche eines pro-israelischen Engagements verbirgt sich so eine Form des Antijudaismus, die die jüdische Existenz nicht um ihrer selbst willen anerkennt, sondern sie als bloße Durchgangsstation zum eigenen Ziel versteht.

Bestehende evangelikale Gruppierungen zeigen eine besondere Spannung: Sie sind oft stark pro-Israel, doch ihre Unterstützung ist nicht immer Ausdruck von Respekt gegenüber dem Judentum, sondern eingebettet in endzeitliche Erwartungen, in denen Juden eine spezifisch instrumentalisiert Rolle spielen.

Bekannte Akteure und Beispiele

John Hagee, Pastor und Gründer von Christians United for Israel (CUFI), ist einer der prominentesten Vertreter dieser Richtung. Er vertritt die Überzeugung, dass die Rückkehr der Juden ins Land Israel ein biblisches Ereignis sei, das das Endzeitgeschehen beschleunige (z. B. die Rückkehr Christi, die Tribulation, Armageddon usw.).

„One main strand of evangelical theology holds that the return of Jews to the region starts the clock ticking on a seven-year armageddon, after which Jesus Christ will return.“

In diesen Kontexten wird häufig die Lehre vertreten, dass bestimmte Bibelstellen prophetisch sind und dass Ereignisse in Israel (z. B. politische Konflikte, territoriale Fragen) Vorboten der Apokalypse seien. So heißt es: „What will come soon [is] the antichrist and his seven year empire that will be destroyed in the battle of armageddon. Then Jesus Christ will set up his throne in the city of Jerusalem. He will establish a kingdom that will never end.“

CUFI und andere evangelikale Organisationen sehen das Vorhandensein jüdischer Menschen in Israel oft als den Startschuss für prophetische Ereignisse: „the clock starts ticking“ auf das, was kommt.

Problematische Implikationen

Instrumentalisierung des jüdischen Volkes
Juden erscheinen oft nicht als Subjekte mit eigener religiöser Identität und Glaubensfreiheit, sondern als notwendiger Teil eines göttlichen Plans. Die Frage, ob sie an Jesus glauben oder nicht, wird zur entscheidenden Grenze, die oft mit einer Androhung verbunden ist: Wenn sie sich nicht bekehren, droht ihnen das Heilverlust oder gar Hölle.

Endzeitfixierung und Taten statt Ethik
Manche Predigten stellen Israel und das jüdische Volk als zentralen Schauplatz der Endzeit dar – z. B. mit Vorstellungen wie „Zwei Drittel der Juden werden sich bekehren, der Rest wird gerichtet“ oder „Jesus kehrt zurück, wenn…“. Diese Ideen fördern eine theologische Spannung: Einerseits Solidarität mit Israel, andererseits eine offene oder verdeckte Erwartung, dass Juden „zur Wahrheit Christi“ finden müssen.

Politische Folgen
Evangelikale Gruppen wie CUFI haben politischen Einfluss – etwa beim Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem oder beim politischen Lobbying. Ihre Unterstützung für bestimmte israelische Regierungen oder Maßnahmen wird gelegentlich auch damit gerechtfertigt, dass sie „Prophezeiungen erfüllen“ wollen.

Der anglikanische Theologe Stephen Sizer etwa kritisiert in Christian Zionism — Road Map to Armageddon? diesen evangelikalen Einfluss: Er sieht darin eine verzerrte, gefährlich theologische Haltung, die Jesus-Botschaft mit geopolitischen und militärischen Symbolen vermischt. Auch in aktuellen Umfragen und Artikeln wird darauf hingewiesen, dass viele Evangelikale nicht nur „Israel lieben“, sondern glauben, dass bestimmte Ereignisse in Israel notwendige Vorzeichen der Endzeit sind – eine Überzeugung, die Juden oftmals als instrumentalisiert erleben.

Ähnliche Strömungen gibt es auch im deutschsprachigen Raum.

Der Weltkirchenrat und die problematische Haltung gegenüber Israel

Der Weltkirchenrat (WCC) hat sich wiederholt in einer Weise geäußert, die von jüdischen Organisationen und Beobachtern als einseitig und potenziell antisemitisch wahrgenommen wird. Im Juni 2025 veröffentlichte der WCC eine Erklärung, in der Israel als „Apartheidstaat“ bezeichnet wurde und die internationale Gemeinschaft zu Sanktionen, Divestitionen und einem Waffenembargo gegen Israel aufgerufen wurde. Diese Darstellung wurde von jüdischen Organisationen wie dem World Jewish Congress und B’nai B’rith scharf kritisiert. Sie warfen dem WCC vor, einseitig zu agieren und die Komplexität des Konflikts zu ignorieren, indem es die Rolle von Terrorgruppen wie Hamas nicht erwähnte und Israel als alleinigen Aggressor darstellte.

Diese einseitige Darstellung kann antijudaistische Tendenzen verstärken, indem sie Israel und damit das jüdische Volk kollektiv beschuldigt, während andere Akteure im Konflikt ausgeklammert werden. Solche Darstellungen können zu einer Verzerrung des Bildes von Israel und den jüdischen Gemeinschaften führen und bestehende Vorurteile und Feindseligkeiten gegenüber Juden schüren.

Besonders auffällig ist, wie der WCC in seinen Materialien zur „World Week for Peace in Palestine and Israel“ Israel kollektiv als „Apartheidstaat“ darstellt, während Terrorakte von Hamas, Massaker oder die Geiselnahmen im Gazakonflikt vollständig ausgeblendet werden. In den Gebetstexten taucht das Wort „Terror“ nicht auf, es wird kein Hinweis auf die Gewalt gegen israelische Zivilpersonen gegeben, während gleichzeitig Israel und die jüdische Bevölkerung pauschal für Unterdrückung und Vertreibung verantwortlich gemacht werden. Stattdessen wird die Geschichte Israels ab 1948 allein als „Nakba“ – „Katastrophe“ – erzählt, und aktuelle Gewaltakte werden als Teil einer angeblich ununterbrochenen historischen Unterdrückung dargestellt: „Nakba has never ended“, heißt es in den Texten.

Die einseitige Darstellung geht so weit, dass Israel als „System“ und „Zionistische Entität“ bezeichnet wird. Die Logik der Materialien reduziert die komplexe politische Realität auf eine dichotome Konfliktperspektive: Palästinenser werden als „silenced“, unterdrückt und die Stimme der Unterdrückten stilisiert, während Israel als alleiniger Aggressor erscheint. Diese Darstellung ignoriert politische Teilhabe arabischer Israelis, die demokratischen Strukturen Israels und die Rolle von Terrorgruppen, wodurch antisemitische Vorurteile und Stereotype – etwa die Delegitimierung des jüdischen Staates – indirekt reproduziert werden.

Problematisch ist zudem die Auswahl biblischer Texte, etwa aus Johannes 8. Dort wird die umstrittene Aussage Jesu über „die, die den Teufel zum Vater haben“ aus dem innerjüdischen Disput mit den Pharisäern herausgelöst und in einem Kontext vorgelesen, der Juden kollektiv als böse oder gefährlich erscheinen lässt. Wie der Bochumer Neutestamentler Klaus Wengst betont, handelt es sich bei dieser Textstelle um eine „unterstellte Tötungsabsicht“, die historisch und textkritisch nicht haltbar ist. Durch die Nutzung solcher Passagen reproduziert der WCC antijudaistische Deutungsmuster – bewusst oder unbewusst – und verstärkt damit die alte christliche Logik der Verteufelung jüdischer Menschen.

Auch die Terminplanung der „World Week“ offenbart symbolische Blindheit gegenüber jüdischer Tradition: Der Beginn der Aktionswoche fällt auf einen Schabbat, den jüdischen Ruhetag. Offizielle Nachfragen des WCC ergaben lediglich ein „no specific reason“, was die fehlende Sensibilität für jüdische Perspektiven und Dialogbereitschaft unterstreicht. Die Texte sprechen konsequent von Israel als „System“ und halten Juden nicht für Gesprächspartner, sondern für Objekte theologischer und politischer Narrative.

Insgesamt zeigt sich, dass die einseitige Fokussierung des WCC auf Israel, verbunden mit selektiver Nutzung biblischer Texte, antijudaistische Denkstrukturen fortführt. Indem Israel funktionalisiert, das Judentum entwertet und narrative Schuldzuweisungen vorgenommen werden, reproduziert der Weltkirchenrat alte christliche Muster der Delegitimierung jüdischen Lebens und Glaubens – nur in einem neuen, politisch-religiösen Gewand.

Fortdauernde Muster und aktuelle Gefahren

Antijudaistische Denkmuster finden sich auch heute noch in Predigten, theologischen Veröffentlichungen, sozialen Medien oder kirchlichen Strukturen. Die Spannungen zwischen „Gnade“ und „Gesetz“, die Vorstellung eines „spirituellen Israels“ versus des jüdischen Volkes sowie moderne Formen der Judenmission setzen historische Muster fort, die schon in der Kirchengeschichte wirksam waren. In Predigten können sich diese Muster konkret in der Verwendung von Stereotypen über Pharisäer, in der Betonung des Gegensatzes von Gesetz und Gnade oder in modernen Varianten wie der Darstellung von „Jesus als Palästinenser“ äußern. Besonders in den letzten zwei Jahren hat diese Darstellung zugenommen, wobei der historische und kulturelle Kontext des Judentums oft ausgeblendet wird. Die Reduktion Jesu auf ein politisches oder ethnisches Symbol kann unbewusst antijudaistische Vorstellungen reproduzieren, indem sie die jüdische Identität Jesu negiert und ein „spirituelles Israel“ konstruiert, das als Gegensatz zum heutigen jüdischen Volk verstanden wird.

Ein Beispiel hierfür ist die Diskussion um die Herkunft Jesu, die in den letzten Jahren immer wieder aufgegriffen wurde. So äußerte sich die Bundestagsabgeordnete Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) in einem Tweet über den „palästinensischen Jesus“, was Empörung auslöste und Kritik auch aus den eigenen Reihen nach sich zog. Diese Darstellung Jesu als Palästinenser wird von einigen als Versuch gesehen, die jüdische Identität Jesu zu relativieren und eine politische Botschaft zu vermitteln.

Das Schweigen oder die fehlende klare Stellungnahme von Kirchen und kirchlichen Organisationen gegenüber gegenwärtigem Antisemitismus kann diese Dynamiken zusätzlich verstärken. Dazu zählen etwa die Einladung von BDS-Akteuren in kirchliche Foren, das Anknüpfen an antizionistische Positionen oder das unkritische Mitstimmen in politischen Kontexten, in denen die Legitimität des jüdischen Staates oder der jüdischen Geschichte geleugnet oder in Zweifel gezogen wird. In diesen Fällen wird der historische Antijudaismus, der früher theologische oder pseudowissenschaftliche Formen annahm, in eine moderne, politische Rhetorik übersetzt, die subtil antisemitische Narrative reproduziert.

Gleichzeitig sind diese Muster oft verschränkt mit populären antisemitischen Stereotypen – etwa die Darstellung von Juden als wirtschaftlich oder politisch manipulierend –, die seit Jahrhunderten in Europa tradiert werden. Solche Narrative können in predigthaften Kontexten, in kirchlicher Bildungsarbeit oder in Social-Media-Debatten unbemerkt weitergegeben werden, wodurch sie sich verfestigen und eine kulturelle, gesellschaftliche und theologische Wirkung entfalten. Die Herausforderung besteht darin, diese Strukturen und Denkmuster klar zu erkennen, sie historisch einzuordnen und in kirchlichen wie gesellschaftlichen Kontexten wirksam dagegen anzutreten.

Schluss

Christlicher Antijudaismus ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortwirkendes Problem mit historischen, theologischen und gesellschaftlichen Dimensionen. Die Aufgabe bleibt, ehrlich zurückzublicken, theologische Korrekturen vorzunehmen und antisemitische Muster in Predigten, Bildung, kirchlichen Strukturen und theologischen Diskursen zu erkennen. Alte Denkmuster, wie der Gegensatz von „Gesetz“ und „Gnade“, die Vorstellung eines „spirituellen Israels“ versus des jüdischen Volkes oder moderne Interpretationen Jesu als „Palästinenser“, zeigen, dass antisemitische Vorstellungen auch heute noch subtil reproduziert werden können.

Gleichzeitig existieren viele Stimmen innerhalb der Kirchen, die sich für einen offenen, kritischen Dialog einsetzen und jede Form von Judenfeindschaft ablehnen. Einzelpersonen und Initiativen engagieren sich aktiv für jüdisch-christliche Verständigung, Aufklärung und Bildung – etwa in interreligiösen Projekten, in der Flüchtlingsarbeit, in der kritischen Reflexion von Predigten oder in kirchlichen Diskursen über den Nahostkonflikt.

Die Kirche trägt sowohl Verantwortung als auch das Potenzial, sich gegen Antijudaismus und Antisemitismus nicht nur in den eigenen Reihen, sondern in der gesamten Gesellschaft zu wenden. Wie Paulus es im Brief an die Römer beschreibt, ist sie auf den Ölbaum aufgepropft und damit Teil einer fortdauernden Geschichte, die sie verpflichtet, aktiv zu handeln. Dank und Anerkennung gebührt allen, die sich bereits einsetzen – auch wenn es nicht immer leicht ist und Widerstände auftreten. Verantwortung, Erinnerung und kritische theologische Reflexion sind entscheidend, um eine gerechte, respektvolle und historisch bewusste Gegenwart zu gestalten. Nur durch eine solche kontinuierliche Wachsamkeit kann die Kirche zu einer glaubwürdigen Kraft werden, die Antisemitismus entlarvt, Stereotype aufbricht und zu Versöhnung und Dialog beiträgt.

„Nur wer die eigene Geschichte kennt, die Verantwortung annimmt und für Dialog und Gerechtigkeit einsteht, kann verhindern, dass Antijudaismus und Antisemitismus erneut Wurzeln schlagen.“

Quellen

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  • Klaus Wengst: Kommentar zu Johannes 8 (Neutestamentlicher Kommentar, Goldstandard, Bochum), zitiert in Ruhrbarone-Artikel.
  • Kritikberichte und Analysen von jüdischen Organisationen und Beobachtern zu WCC-Aktivitäten im Nahostkonflikt, siehe auch Berichterstattung in Fachjournalen zu Religion und Politik.

[1] Die Judensau: Das antisemitische Motiv der Judensau findet sich im christlichen Mittelalter in vielen Kirchen (oder deren Aussenwänden) wieder, vor allem in Deutschland. Ein klassisches Motiv sind Juden, die an den Zitzen der Sau saugen, doch gibt es auch Juden, die rückwärts auf der Sau reiten, ihren Schwanz hochheben, in ihren After schauen oder daran lecken oder die Exkremente auffangen, um sie zu essen. Hier vermischen sich verschiedene Motive: das Schweinefleischverbot; die jüdischen Kinder, die an den Zitzen der Sau hängen verhöhnen einerseits die jüdische Erziehung, andererseits sei die Weisheit, die die Juden aus der Torah bekommen nichts anderes als die Milch einer schmutzigen Sau. Dazu kommt die Sexualisierung: bereits Johannes Chrysostomos verglich die Hurerei der Juden mit der von Schweinen, und hier wird sexueller Verkehr mit Schweinen insinuiert. Manchmal erscheint als zusätzliches Motiv der Teufel, um die Dämonisierung der Juden zu betonen. Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde dieses Motiv zu einer beliebten antisemitischen Karikatur, die auch von den Nationalsozialisten genutzt wurde, und in Beschimpfungen wie «Judensau», «Saujude» oder «Judenschwein» weiterlebt. Quelle: Schäfer, Kurze Geschichte,153-155

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