Antisemitismus ist kein „Nebeneffekt“ von Politik, kein Problem, das man irgendwo anders abladen könnte. Und doch begegnen mir immer wieder Kommentare, die genau das suggerieren: „Beschwert euch bei Netanjahu!“ – als ob Judenhass in Berlin oder Manchester direkt von einem fernen Premierminister gesteuert würde. In diesem Artikel geht es darum, warum jede Form von Hass und Gewalt immer persönliche Verantwortung verlangt, und warum wir diese Verantwortung klar benennen müssen.
Vor ein paar Tagen habe ich in der Jüdischen Allgemeinen ein Interview mit Herta Müller gelesen. Die Literaturnobelpreisträgerin warnte eindringlich vor wachsendem Antisemitismus in Europa. Sie sprach über jüdische Menschen, die im Alltag Angst haben, ihre Namen von Klingelschildern entfernen oder die Kippa unter einer Mütze verstecken. Sie berichtete von Isolation Israels in Kultur, Sport und Wissenschaft – Bereiche, die mit Konflikten im Nahen Osten nichts zu tun haben – und von der wachsenden Bedrohung durch radikalisierte Personen.
Diese Worte sind ernst und dringlich. Sie beschreiben eine Realität, die uns alle betrifft, nicht nur die jüdische Gemeinschaft. Aber während Müllers Analyse sachlich und nüchtern bleibt, offenbart ein Blick in die Kommentarspalten darunter, wie sehr manche Leser*innen das Thema verzerren oder relativieren.
Typische Reaktionsmuster
Die Kommentare zeigen leider bekannte Muster:
- Whataboutism: „Andere Minderheiten haben es auch schwer. Warum wird das hier so betont?“
- Opferkonkurrenz: „Die Juden wollen sich nur als die einzig wahren Opfer darstellen.“
- Schuldumkehr: „Warum beschweren sie sich nicht bei Netanjahu?“
Gerade dieser letzte Satz ist bemerkenswert, weil er eine uralte Denkfigur wiederholt: Judenhass, der sich in Berlin, Manchester oder Paris manifestiert, wird plötzlich zu einer Reaktion auf die Politik eines fernen Premierministers umgedeutet. Dabei wird die Verantwortung derjenigen, die beleidigen, bedrohen oder angreifen, vollständig negiert.
Ich habe darauf geantwortet:
„Jeder Antisemit ist für seine Taten und Worte immer noch selbst verantwortlich. Was auch immer Netanjahu macht, die Person, die ‚Juden raus‘ oder ‚Kindermörder‘ schreit, Juden anspuckt oder schlägt, kann das nicht auf Netanjahu abschieben. Diese Person entscheidet selbst, das zu tun, weil sie das tun will.“
Dieser Satz ist der Kernpunkt. Es geht nicht darum, Israel oder seine Regierung zu verteidigen. Es geht darum, die individuelle Verantwortung klar zu benennen. Antisemitismus ist kein „Nebenprodukt“ von Politik, sondern ein eigenständiges Problem, das in den Köpfen und Handlungen von Menschen entsteht.
Verantwortung lässt sich nicht outsourcen
Dieses Muster der Schuldverschiebung ist uralt. Schon in den ersten biblischen Erzählungen schiebt Adam die Schuld auf Eva, Eva auf die Schlange. Verantwortung wird gern abgegeben, weitergereicht, externalisiert. Aber am Ende gilt: Jede*r ist selbst verantwortlich für das, was er oder sie tut.
Wenn jemand Juden beleidigt oder attackiert, dann geschieht das nicht wegen Netanjahu, nicht wegen einer Regierung, nicht wegen eines Konflikts am anderen Ende der Welt. Es geschieht, weil diese Person antisemitische Überzeugungen hat und sich entscheidet, sie auszuleben.
Kritik an Israel und Antisemitismus
Kritik an israelischer Politik ist selbstverständlich legitim – wie an jeder anderen Regierung auch. Sie ist Teil einer offenen, demokratischen Debatte. Aber sobald diese Kritik in Gewalt oder Hass gegen Juden in der Diaspora umschlägt, überschreitet sie eine rote Linie: Dann ist es kein Protest mehr, sondern Antisemitismus. Diese Unterscheidung ist entscheidend – sie trennt legitime politische Debatten von Hasshandlungen und alten Vorurteilen.
Vergleich macht die Absurdität sichtbar
Es hilft, ein Gedankenexperiment zu machen:
- Niemand würde auf die Idee kommen, einen Iraner in Berlin anzuspucken, weil man Khamenei verachtet.
- Niemand würde einen Russen angreifen, weil Putin Krieg führt.
- Aber bei Juden soll es plötzlich „logisch“ sein, sie für Netanjahu verantwortlich zu machen?
Dieses Muster ist kein Zufall. Es ist ein uraltes antisemitisches Schema: Kollektive Schuldzuschreibung, die immer wieder neue Vorwände findet.
Besonders grotesk wird es, wenn Menschen sogar auf jüdischen Plattformen auftauchen, nur um sich darüber zu beschweren, dass dort zu viel über Antisemitismus geschrieben wird. Das ist in etwa so, als würde man auf eine First Nations-Seite gehen und sich darüber echauffieren, dass dort vor allem über Diskriminierung von Native Americans berichtet wird – und nicht über die Probleme weißer Kanadier. Niemand würde ernsthaft auf so eine Idee kommen. Bei jüdischen Themen aber scheint vieles erlaubt: belehren, relativieren, kleinreden.
Antisemitismus sucht sich immer neue Vorwände
Wer sagt: „Beschwert euch bei Netanjahu“, erkennt Antisemitismus nicht als das, was er ist – ein eigenständiger Hass, der sich immer wieder neue Begründungen sucht. Früher war es der Vorwurf des „Gottesmords“, später die „jüdische Weltverschwörung“, heute eben die Politik Israels. Das Muster bleibt dasselbe, nur die Ausreden ändern sich.
Und deshalb bleibt mein Satz so wichtig:
Jeder Antisemit ist für seine Taten selbst verantwortlich.
Keine Regierung, kein Ministerpräsident, kein Kriegsgeschehen irgendwo auf der Welt nimmt einem Antisemiten die Verantwortung für seine eigenen Handlungen ab. Wer hasst, beleidigt, bedroht oder angreift, entscheidet sich dafür selbst. Es gibt keine Entschuldigung, keinen Vorwand, keine äußere Instanz, die das moralische Gewicht dieser Handlungen von den Schultern des Einzelnen nehmen könnte. Jede Entscheidung, Hass auszuleben, ist eine ethische Entscheidung – und jede*r, der dies tut, trägt die volle Verantwortung dafür.
Es geht nicht nur um Gesetze oder Strafen, sondern um das Bewusstsein, dass menschliches Handeln immer eine Wahl ist. Jede Form von Gewalt, Herabsetzung oder Ausgrenzung beginnt mit der eigenen Entscheidung: Ich kann verletzen – oder ich kann innehalten, reflektieren, die Menschlichkeit des anderen anerkennen. Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Niemand kann sie für mich übernehmen, und niemand darf sie mir abnehmen.
Wie Hannah Arendt einmal schrieb: „Niemand ist unschuldig, nur weil er gehorcht.“ Auch in scheinbar „fremdbestimmten“ Kontexten bleibt die eigene Wahl bestehen. Wer zuschlägt, beleidigt oder diskriminiert, tut dies aus eigener Entscheidung. Und genau diese Verantwortung müssen wir klar benennen, immer wieder reflektieren und öffentlich zur Sprache bringen – nicht nur, um Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen, sondern um die ethische Klarheit in unserer Gesellschaft zu bewahren. Jeden Tag aufs Neue.