Warum ICE-Kritik so oft bei Israel endet

Ein Bild eines fünfjährigen Kindes, krank und festgenommen durch ICE, zeigt, was wir längst wissen: In den USA geschieht strukturelle Gewalt gegen Kinder, Familien und marginalisierte Gruppen. Doch die Debatte driftet oft sofort ab – hin zu Israel, zum IDF, zu „den Juden“. Dieses Opinion Piece untersucht, warum das passiert, wie historische Verantwortung verdrängt wird und warum es so schwer fällt, amerikanische Gewalt beim Namen zu nennen.

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Ich habe ein Bild gesehen, das mich nicht mehr loslässt. Es zeigt einen fünfjährigen Jungen, Liam Conejo Ramos, am Tag seiner Festnahme durch ICE. Er trägt eine Mütze mit Hasenohren. Ein Vorschulkind. Kein Symbol, keine Metapher, kein Argument – ein Kind. Kurz darauf ein zweites Bild: Liam in einem texanischen Haftzentrum. Er wirkt krank, erschöpft, verloren. In den Berichten heißt es, er habe Fieber, Bauchschmerzen, er erbricht, er isst kaum noch. Seine Mutter ist verzweifelt. Anwälte sprechen von unhygienischen Zuständen, schlechter Nahrung, medizinischer Vernachlässigung. Dieses Leid ist real. Es ist konkret. Und es ist unerträglich.

Ich habe großes Mitgefühl mit Liam. Mit den anderen Kindern. Mit den Erwachsenen, die in diesen Haftzentren festgehalten werden. Was dort geschieht, ist grausam, entwürdigend, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Menschen werden krank, Kinder hungern, Eltern sind verzweifelt. Das alles ist real. Und es verdient unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und Empörung.

Aber genau deshalb macht mich das Bild, das ich danach gesehen habe, so wütend.

Ich habe großes Mitgefühl mit dem fünfjährigen Liam Conejo Ramos. Mit den anderen Kindern. Mit den Erwachsenen, die in diesen Haftzentren festgehalten werden. Was dort geschieht, ist grausam, entwürdigend, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Menschen werden krank, Kinder hungern, Eltern sind verzweifelt. Das alles ist real. Und es verdient unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und Empörung.

Aber genau deshalb macht mich das Bild, das ich gesehen habe, so wütend. Nicht wegen Liams Leid – sondern wegen dessen, was daraus gemacht wird. Neben dem Bild des kranken Kindes steht ein Zitat über Anne Frank. Entkontextualisiert. Instrumentalisiert. Darunter die implizite Botschaft: Seht her, so beginnt es wieder. Und irgendwo darüber oder daneben: ADL, IDF, Zionisten. Die Gleichsetzung liegt in der Luft, unausgesprochen und doch eindeutig. ICE wie Gestapo. IDF wie Nazis. Und plötzlich ist Israel wieder mit im Bild. Der Jude wieder Teil der Anklage.

Das ist kein Versehen. Das ist ein Muster.

Der tote Jude ist willkommen. Anne Frank darf sprechen – oder besser: für sie darf gesprochen werden. Sie ist das ideale Opfer. Jung, unschuldig, ermordet. Sie widerspricht nicht. Sie wehrt sich nicht. Sie fordert nichts. Sie kann für alles stehen: für universelles Leid, für Menschlichkeit, für moralische Überlegenheit. Solange sie tot bleibt. Solange sie nichts in die Gegenwart hinein sagt.

Der lebende Jude dagegen stört. Der sprechende Jude nervt. Der wehrhafte Jude ist unerträglich. Also wird aufgeteilt: hier der „gute Jude“, das Opfer, der Tote. Dort der „schlechte Jude“: Zionist, IDF, Israel, Macht, Gewalt. Der tote Jude darf erinnern. Der lebende Jude wird beschuldigt.

Und wenn Juden heute leiden – real, konkret, sichtbar –, dann heißt es plötzlich: Jetzt reicht’s aber. Hört auf, euch als Opfer darzustellen. Your victim card has expired. Das ist keine Kritik, keine nüchterne Analyse, keine politische Debatte. Das ist Täter-Opfer-Umkehr. Gewalt wird überall erklärt, relativiert, kontextualisiert – außer wenn Juden sich verteidigen. Dann gilt jede Handlung als Beweis: für Macht, für Schuld, für angebliche moralische Verderbtheit.

Was man Juden nicht verzeiht, ist nicht Politik. Es ist Selbstbehauptung. Der Jude darf sterben, um zu mahnen. Aber er darf nicht leben, um zu widersprechen. Der ideale Jude ist tot. Der akzeptable Jude ist still. Der lebende Jude ist zu viel.

Und genau deshalb ist es so perfide, Anne Frank neben Bilder von leidenden Kindern zu stellen, um gegen „die Zionisten“ zu argumentieren. Man benutzt den toten jüdischen Körper, um den lebenden Juden zu schlagen. Man trauert um Anne Frank – und schweigt über jüdische Angst heute. Man ruft „Nie wieder“ – und meint damit: nie wieder Juden, die sich wehren. Das ist kein Humanismus. Das ist Antisemitismus mit moralischem Anstrich.

Dass in den Kommentaren plötzlich von „IDF“ oder „3000 Jahren Landversprechen“ die Rede ist, obwohl es um ICE geht, ist kein Zufall und kein Ausrutscher. Es ist ein Muster. Sobald amerikanische Gewalt nicht mehr zu leugnen ist – Kinder in Haft, bewaffnete Razzien, staatliche Willkür – taucht Israel auf. Wo historische Verantwortung wehtut, wird jüdische Geschichte instrumentalisiert. Der Jude wird zur Chiffre für alles, was man verurteilen will – Macht, Militär, Gewalt – während die eigene Geschichte entlastet wird. So verwandelt sich eine notwendige Kritik an ICE in eine antisemitische Umleitung: weg von den eigenen Strukturen, weg von den Gesetzen, weg von der Verantwortung der Gesellschaft – und hinein in einen altbekannten Schuldcontainer, der seit Jahrhunderten immer wieder dieselben Mechanismen benutzt.

Wie reflexhaft diese Umleitung funktioniert, zeigt sich besonders deutlich in den Reaktionen selbst. Ich schreibe über ICE, über Nacht-Razzien, über Kinder in Haft, über amerikanische Gewaltstrukturen – und fast augenblicklich taucht Israel auf. „ICE ist wie die IDF.“ Oder, wenn man die amerikanischen historischen Linien benennt: „Die IDF hat die Grausamkeiten unserer Vergangenheit kopiert.“ Selbst dann also, wenn Slave Patrols, Boarding Schools, Jim Crow, Vagrancy Laws oder Operation Wetback klar benannt werden, reicht es nicht. Die Verantwortung muss weitergeschoben werden. Es braucht einen äußeren Schuldträger. Das ist keine Analyse, sondern Deflektion. Die eigene Geschichte ist zu nah, zu konkret, zu persönlich – also wird Israel hineingezogen. Ein altbekanntes Muster, neu formuliert: Amerikanische Gewalt wird anerkannt, aber nicht ausgehalten.

Und während all das passiert, dürfen wir nicht vergessen: Die Gewalt, das Leid, die Ungerechtigkeit, die wir bei ICE sehen, sind amerikanisch. Nicht aus der Ferne importiert. Nicht fremd. Sie sind strukturell, historisch und politisch in diesem Land verwurzelt. Slave Patrols, Jim Crow, Zwangsarbeit, Boarding Schools, Operation Wetback, massenhafte Deportationen, systematische Kontrolle über die Bewegungsfreiheit von Menschen – all das ist real, nachweisbar, hier passiert. Nicht abstrakt. Nicht metaphorisch. Nicht bequem.

ICE ist keine Gestapo. ICE ist nicht Hitler. ICE ist die logische Fortsetzung von jahrhundertelanger amerikanischer Gewalt und Exklusion. Und das ist unbequem. Deshalb greifen so viele reflexartig zu externen Schuldzuweisungen, zu Israel, zu Nazis, zu irgendwem, den man leichter verurteilen kann.

Und während man versucht, das zu benennen, wird moralische Bequemlichkeit aktiviert: Man liebt den toten Juden, man instrumentalisiert jüdisches Leid, man projiziert Schuld nach außen – und man schweigt über die Kinder, die leiden, die Eltern, die verzweifelt sind, über die Erwachsenen, die misshandelt werden. Genau das ist der Kern dessen, was uns wütend machen sollte. Genau deshalb ist es an der Zeit, dass aufgehört wird, Analogien zu suchen, und angefangen wird, Verantwortung zu benennen. Für ICE, für die amerikanische Geschichte, für die Strukturen, die dieses Leid erst möglich machen.

Denn eben hier, ohne die Übernahme von Verantwortung über das Eigene wird Israel nicht zufällig hineingezogen. Wo die eigene Geschichte schmerzt, wird jüdische Geschichte instrumentalisiert. Der Jude wird zur Chiffre für alles, was man verurteilen will: Macht, Militär, Gewalt. So entlastet man sich selbst. Das Muster ist alt. Es funktioniert, weil jüdisches Leid als universelle Metapher benutzt werden darf, während lebende Juden, die widersprechen, stören.

Anne Frank wird entkontextualisiert, auf ein sauberes Symbol reduziert, das niemandem wehtut. Der tote Jude ist willkommen. Er ist unschuldig, still, ungefährlich. Der lebende Jude dagegen – insbesondere der wehrhafte – wird zum Problem. So entsteht eine perverse Trennung: Der tote Jude darf erinnern, der lebende Jude darf beschuldigt werden. Das ist kein Nebeneffekt der Debatte, das ist Antisemitismus in zeitgemäßer Form.

Dabei braucht es all diese Umwege nicht. ICE braucht keine fremde Geschichte, um verstanden zu werden. Die Vereinigten Staaten haben eine eigene. Eine lange, gut dokumentierte, brutale Geschichte staatlicher Gewalt gegen marginalisierte Gruppen. ICE ist kein Unfall, kein Ausreißer, kein importiertes Übel. Es ist alte Macht in neuer Verpackung, administrativ modernisiert, moralisch gerechtfertigt, rechtlich abgesichert.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob ICE „wie“ etwas anderes ist. Die Frage ist, warum es so schwer fällt, ICE als das zu sehen, was es ist: ein amerikanisches Instrument, entstanden aus amerikanischen Gesetzen, getragen von amerikanischen Institutionen, legitimiert von einer Gesellschaft, die sich lieber empört als erinnert. Solange diese Geschichte ausgelagert wird – nach Deutschland, nach Israel, irgendwohin, nur nicht nach Hause –, wird sich nichts ändern. Nicht, weil man zu wenig weiß, sondern weil man zu viel vermeiden will.

Die Gewalt ist sichtbar. Die Verantwortung auch. Man muss nur aufhören, sie zu verschieben.

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