Wenn Kritik zur Diffamierung wird: Über Theologie, Sprache – und die Verantwortung, wahrhaftig zu bleiben

Ich schreibe diesen Text nicht, um einen publizistischen Schlagabtausch zu führen.
Ich schreibe ihn auch nicht, um eine Zeitung oder einen Autor öffentlich „vorzuführen“.

Ich schreibe, weil hier etwas exemplarisch sichtbar wird, das über meine Person hinausgeht:
der Unterschied zwischen legitimer theologischer Kritik und persönlicher Diffamierung –
zwischen Streit um Inhalte und einem Ton, der Menschen herabsetzt, verzerrt darstellt und entwürdigt.

1. Der Anlass

Vor wenigen Tagen erhielt ich eine Zuschrift der Redaktion der österreichischen Monatszeitung Der 13.
Mir wurde mitgeteilt, dass ein Artikel erscheinen werde, der sich mit der sogenannten „QueerBibel“ befasst – und zu einem erheblichen Teil mit mir.

Dem Schreiben war bereits ein vollständig gesetztes „Gut zum Druck“ beigelegt.
Auf einer ganzen Zeitungsseite fanden sich:

  • ein großformatiges Porträtfoto von mir, von meiner Website entnommen,
  • ein Screenshot meiner persönlichen „Über mich“-Seite,
  • ein kurzer, aus dem Zusammenhang gerissener Auszug aus einer Predigt von mir,
  • sowie umfangreiche Kommentare über meine Person, meine Herkunft, meine Religion, Identität und meine angebliche sexuelle Orientierung.

Eine Einwilligung zur Nutzung von Bild und Text war nicht eingeholt worden – obwohl auf meiner Website ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass jede Reproduktion der vorherigen Zustimmung bedarf.

Zunächst ging ich davon aus, es handle sich um ein konservativ-katholisches Blatt, das eine kritische theologische Auseinandersetzung führen wolle.
Kritik an theologischen Positionen halte ich nicht nur für legitim, sondern für notwendig.

Was mich jedoch irritierte – und schließlich zu diesem Text bewog –, war nicht die Kritik selbst, sondern das Wie.

2. Theologische Kritik ist legitim – Diffamierung nicht

Theologie lebt vom Streit.
Von Auslegung, Gegenrede, Widerspruch, Zuspitzung.

Man kann eine queere Bibellektüre ablehnen.
Man kann sie theologisch für falsch halten.
Man kann sie scharf kritisieren, argumentativ zerlegen, zurückweisen.

Was jedoch nicht zur theologischen Auseinandersetzung gehört, sind:

  • persönliche Herabsetzungen,
  • falsche biografische Zuschreibungen,
  • rassistische oder antisemitische Sprachbilder,
  • das absichtliche Herauslösen von Texten aus ihrem Kontext,
  • oder die öffentliche Zurschaustellung einer Person durch großflächige Bildverwendung ohne Zustimmung.

Hier wird eine Grenze überschritten – nicht nur journalistisch, sondern auch ethisch und theologisch.

3. Was im Artikel geschieht

Der betreffende Artikel bezeichnet mich unter anderem als:

  • „eine wunderbare Promenadenmischung
  • „die angebliche Jüdin
  • eine Person, die „dem Blut nach Indianerin“ sei und „afrikanisches Blut in den Adern“ habe
  • schwul“ – eine Zuschreibung, die ich öffentlich nie gemacht habe und die in dieser Form ohnehin sachlich falsch ist

Meine Herkunft, mein Judentum und meine theologische Arbeit werden in einer Weise dargestellt, die nicht beschreibt, sondern herabsetzt.
Die Wortwahl ist nicht zufällig, sondern transportiert ein Weltbild, in dem Menschen nach Blut, Abstammung und „Echtheit“ sortiert werden.

Hinzu kommt:
Ein kurzer Absatz aus einer Predigt wird isoliert, verkürzt und neu gedeutet – als hätte ich „Jesus zu einem schwulen Mann erklärt“, was ich weder geschrieben noch gemeint habe

4. Der fehlende Kontext: Worum es in meinem Text tatsächlich ging

Der zitierte Text stammt aus einer Predigt zum Transgender Day of Remembrance.
Dieser Gedenktag erinnert an trans* Menschen, die aufgrund von Hass, Gewalt und Ausgrenzung ermordet wurden.

Der theologische Kern dieser Predigt war kein Identitätslabel für Jesus, sondern Solidarität.

In der christlichen Theologie gibt es eine lange Tradition, Jesus nicht abstrakt, sondern kontextuell zu denken:

  • James Cone sprach vom „Black Jesus“, um deutlich zu machen, dass Jesus auf der Seite der Unterdrückten steht.
  • Befreiungstheologien weltweit haben diese Bildsprache aufgenommen, um Leid, Hoffnung und Widerstand sichtbar zu machen.

Wenn ich im Predigtkontext von einem „trans* Jesus“ spreche, dann in genau dieser Tradition:
nicht ontologisch, nicht biologisch, nicht identitär –
sondern metaphorisch und solidarisch.

Es geht um einen Jesus, der das Leiden marginalisierter Menschen teilt,
und um die Hoffnung, dass dieses Leiden nicht das letzte Wort hat.

5. Wahrheit beanspruchen – und sie zugleich verletzen

Der Autor des Artikels beruft sich auf ein Prinzip:
Man dürfe alles schreiben, wenn es wahr sei.

Gerade daran aber scheitert der Text:

  • Mir wird eine sexuelle Orientierung zugeschrieben, die ich öffentlich nie benannt habe.
  • Meine theologischen Aussagen werden verzerrt und verkürzt.
  • Mein Judentum wird in Zweifel gezogen („angeblich“).
  • Meine Herkunft wird in einer Weise thematisiert, die an völkische Denkfiguren erinnert.

Das sind keine Missverständnisse am Rand, sondern zentrale Unwahrheiten.

Wer Wahrheit für sich reklamiert, trägt Verantwortung für Genauigkeit, Kontext und Sprache.
Wo diese Verantwortung aufgegeben wird, wird aus Kritik Diffamierung.

6. Sprache verrät Herkunft – auch ideologische

Erst eine spätere Recherche zeigte mir, dass Der 13. vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) als ein Blatt eingeordnet wird, das eine Brückenfunktion zwischen rechtsextremen Milieus und katholischem Traditionalismus einnimmt.

In derselben Analyse weist das DÖW zudem auf „inhaltliche Überschneidungen mit Antifeminismus, Homophobie und antisemitischen Topoi“ hin, die sich wiederholt in Beiträgen und Leserkommentaren fänden.

Als besonders problematisch benennt das DÖW auch wiederkehrende antisemitische Anspielungen, etwa die Relativierung des Holocaust durch Begriffe wie „Babycaust“ oder die Verwendung klassischer antisemitischer Verschwörungsnarrative wie «jüdisch dominierter Hochfinanz».

Diese Einordnung erklärt den Tonfall, die Wortwahl und die Fixierung auf „Blut“, Abstammung und vermeintliche Identitätsverfehlungen.
Sie entschuldigt sie nicht.

Gerade religiöse Sprache trägt eine besondere Verantwortung.
Sie kann heilen – oder verletzen.
Sie kann öffnen – oder ausgrenzen.
Sie kann Wahrheit suchen – oder sie instrumentalisieren.

Schluss

Man darf über Theologie streiten.
Man darf auch scharf widersprechen.

Was man nicht darf, ist, Menschen zu entwürdigen, um Argumente zu ersetzen.
Und was man nicht tun sollte, ist, sich auf die Wahrheit zu berufen – während man sie verlässt.

Dieser Text ist kein Ruf nach Schonung.
Er ist ein Ruf nach Redlichkeit.

Quelle: „Der 13.“: Brückenorgan zwischen Rechtsextremismus und katholischem Traditionalismus

Abgebildet ist ein mir am 04. Februar 2026 zugestellter Auszug aus einem druckfertigen Seitenlayout („Gut zum Druck“), verbunden mit der Aufforderung, innerhalb von zwei Tagen eine Stellungnahme abzugeben. Der Screenshot zeigt ausschließlich den mich betreffenden Teil.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (6.Februar 2026/17 Uhr Uhr) lag mir keine Rückmeldung auf meine Stellungnahme vor.


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