Und noch mehr lieben

Ich habe nicht lange überlegt, ob ich diesen Text schreiben soll – die Frage war eher, wie. Nicht, weil ich nicht wüsste, was ich denke. Sondern weil ich weiß, dass politische Texte schnell in Schubladen gesteckt werden: links, rechts, parteipolitisch, polemisch, „zu emotional“ oder „zu wenig differenziert“. Aber manchmal ist Schweigen keine Neutralität.

Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat mich beschäftigt – nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, meine Familie lebt dort, und ich habe die deutsche und die schweizerische Staatsbürgerschaft. Deutschland ist für mich kein fernes Land, über dessen Politik ich aus sicherer Entfernung schreibe.

Und ich schreibe als Jüdin und als Pfarrerin. Diese beiden Perspektiven gehören zu meiner Biografie, auch wenn ich sie nicht miteinander vermischen möchte. Ich bin keine Christin. Aber gerade deshalb gehört es für mich zu meinem theologischen Nachdenken, immer wieder auf die jüdischen Wurzeln der christlichen Tradition hinzuweisen – auf Torah, Propheten und auf Jesus als jüdischen Lehrer.

Was folgt, ist deshalb kein wissenschaftlicher Beitrag und keine Wahlanalyse. Es ist ein persönlicher Text. Meine Gedanken, meine Sorge und auch meine Hoffnung nach einem Wahlabend, der mich nicht kaltgelassen hat.

Vielleicht muss man nicht jede meiner Einschätzungen teilen. Aber ich wünsche mir, dass wir gerade dann miteinander im Gespräch bleiben. Denn bei aller politischen Auseinandersetzung möchte ich eines nicht vergessen: Der Mensch vor mir bleibt ein Mensch. Und genau deshalb schreibe ich.

Noch vergangene Woche schaute ich eine Reportage. Darin sprachen Menschen über ihre Ängste, falls die AfD in Sachsen-Anhalt die Wahl gewinnen würde.

Da waren Menschen mit migrantischem Hintergrund. Menschen, die schon seit Jahren in Deutschland leben, hier Ausbildungen machen, etwa in Pflegeheimen arbeiten und von Seniorinnen und Senioren oder von Menschen mit Behinderungen geliebt werden.

Die meisten Menschen, die in der Reportage zu Wort kamen, waren Seniorinnen und Senioren. Aber auch Bürgermeister waren dabei, Angestellte von Supermärkten, Kindergärtnerinnen. Einfach Menschen.

Und ihnen gemeinsam war die Angst vor dem, was ein solcher Wahlerfolg der AfD bringen könnte.

Nicht nur wegen konkreter politischer Maßnahmen. Sondern wegen dessen, was hinter vielen Parolen steht: keine wirklichen Lösungen für komplexe Probleme, sondern Parolen. Zwietracht. Sündenböcke. Und am Ende noch weniger für die Armen.

Ausgerechnet für die Menschen, für die die AfD vorgibt, da zu sein.

43,8 Prozent

Nun hat die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich 43,8 Prozent der Stimmen bekommen. Damit ist sie mit großem Abstand stärkste Kraft geworden. Die CDU kommt auf 17,2 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent – so hoch wie bei keiner Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung. Die absolute Mehrheit hat die AfD allerdings verfehlt.

Natürlich kann man analysieren, warum Menschen so wählen.

Man kann über die Unzufriedenheit mit der etablierten Politik sprechen. Über Inflation, wirtschaftliche Sorgen, Migration, die Folgen der Corona-Zeit, den Vertrauensverlust in politische Institutionen. Man kann untersuchen, wie Protestwahlen funktionieren und warum Menschen Parteien wählen, deren gesamtes Programm sie vielleicht gar nicht teilen.

All das ist wichtig.

Ich kann diese analytischen Fakten lesen.

Und doch: Ich kann es nicht nachvollziehen.

Denn hinter diesen Prozentzahlen stehen Menschen.

Menschen, die Angst haben.

Menschen, die vielleicht schon jetzt erleben, dass sie wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Namens anders behandelt werden.

Menschen, die sich fragen müssen, ob sie in dem Land, in dem sie leben, arbeiten, Kinder großziehen, pflegen, helfen und Steuern zahlen, auch wirklich willkommen sind.

Und Menschen, die Angst davor haben, dass Dinge, die bisher wenigstens als unanständig galten, nun immer selbstverständlicher ausgesprochen werden.

„Die einzige christliche Alternative“?

Besonders schwer fällt mir eines.

Wenn Menschen sagen, die AfD sei die „einzige christliche Alternative“, dann kann ich nur sagen:

AfD wählen ist für mich ein Verrat an allem, was die Torah, die Propheten und letztlich auch Jesus sagen.

Das ist keine nebensächliche theologische Frage.

Eine Partei, die Menschen nach Herkunft und Zugehörigkeit sortiert, die Feindbilder schafft, die Ängste politisch nutzt und die gesellschaftliche Spaltung verschärft, kann für mich nicht für christliche Werte stehen.

Christlicher Glaube bedeutet nicht, dass wir uns alle nett finden müssen.

Aber er bedeutet, dass der andere Mensch Mensch bleibt.

Dass der Fremde nicht weniger wert ist.

Dass die Schwachen nicht zuerst danach gefragt werden, ob sie ihren Platz in der Gesellschaft „verdient“ haben.

Dass Barmherzigkeit keine Schwäche ist.

Dass Wahrheit nicht dadurch entsteht, dass man möglichst laut schreit.

Und dass Nächstenliebe nicht an der Grenze des eigenen Stammes endet.

Die Torah, die Propheten und Jesus erzählen immer wieder von einem Gott, der gerade diejenigen nicht aus dem Blick verliert, die leicht übersehen werden: die Armen, die Fremden, die Witwen, die Waisen, die Kranken, die Ausgegrenzten.

Wer daraus eine Politik der Ausgrenzung macht, hat meines Erachtens nicht verstanden, was christlicher Glaube bedeutet.

„Aber das ist doch Demokratie“

Heute Abend sagte Beatrix von Storch im Interview sinngemäß: Genau das sei eben Demokratie.

Ja.

Es ist Demokratie.

Menschen haben gewählt. Und dieses Wahlergebnis muss in einer Demokratie ernst genommen werden.

Aber Demokratie bedeutet nicht, dass alles, was demokratisch gewählt wird, deshalb automatisch gut, menschenfreundlich oder ungefährlich ist.

Auch die NSDAP wurde gewählt.

Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 erhielt sie 43,9 Prozent der Stimmen – fast exakt so viel wie die AfD nun in Sachsen-Anhalt. Der Vergleich ist natürlich nicht eins zu eins möglich: Die Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik, und die Bedingungen der Wahlen sind völlig andere. Die Reichstagswahl 1933 fand bereits unter massivem Terror und im Ausnahmezustand statt.

Aber es gibt eine andere Parallele, die mich beschäftigt.

Demokratie besteht nicht nur aus Wahlen.

Demokratie besteht auch aus Menschenwürde. Aus Rechtsstaatlichkeit. Aus Gewaltenteilung. Aus Minderheitenschutz. Aus einer politischen Kultur, in der der Gegner nicht zum Feind und der Mitmensch nicht zum Sündenbock gemacht wird.

Und genau deshalb macht mir die Entwicklung Sorgen.

Nicht nur ein Bauchgefühl

Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz seit 2023 als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Die Behörde begründet dies unter anderem mit Positionen, die sich gegen die Menschenwürde und das Demokratieprinzip richten, sowie mit einem völkischen und rassistischen Volksverständnis und Verbindungen führender Funktionsträger in das rechtsextremistische Spektrum.

Das ist also nicht einfach eine politische Beschimpfung, die ich mir ausdenke, weil mir die Partei nicht gefällt.

Es gibt eine staatliche Behörde, die diese Einstufung nach einem umfangreichen Prüfprozess vorgenommen hat.

Und trotzdem haben 43,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler diese Partei gewählt.

Das muss man aushalten.

Aber man muss es deshalb noch lange nicht gutheißen.

Wenn das Sagbare sich verschiebt

Was mir seit einiger Zeit besonders auffällt, ist die Verschiebung dessen, was öffentlich sagbar geworden ist.

Das geschieht online, aber längst nicht nur dort.

Menschen schreiben Dinge, die sie vor einigen Jahren vielleicht noch nicht öffentlich ausgesprochen hätten. Rassistische und antisemitische Äußerungen werden mit einer Selbstverständlichkeit formuliert, die erschreckend ist.

Und manchmal gehen solche Äußerungen weit über politische Kritik hinaus.

Menschen werden als minderwertig bezeichnet, als unerwünscht, als „nicht zugehörig“. Es werden Abschiebungs- und Vernichtungsfantasien geäußert. Dinge wie „eine gut platzierte Kugel“ oder „ab ins Lager“ stehen plötzlich öffentlich im Raum.

Und das kommt nicht nur aus irgendwelchen dunklen Ecken des Internets.

Es geht durch alle möglichen gesellschaftlichen Schichten.

Vielleicht war manches davon schon vorher da. Ressentiments verschwinden nicht einfach, nur weil Menschen sie nicht aussprechen.

Aber wenn politische Sprache solche Ressentiments bestätigt, wenn Spitzenpolitiker Grenzen des Sagbaren verschieben, wenn Menschen in ihren Echokammern immer wieder hören: Du bist nicht allein. Du darfst das sagen. Endlich darfst du das sagen, dann verändert sich etwas.

Eine Hemmschwelle sinkt.

Und plötzlich wird aus einem privaten Ressentiment eine öffentliche Haltung.

Und der Antisemitismus?

Besonders aufmerksam macht mich dabei, dass auch antisemitische Denkmuster wieder so offen auftreten.

Antisemitismus ist historisch betrachtet eines der ältesten und wirksamsten Verschwörungsnarrative überhaupt. Er bietet eine scheinbar einfache Erklärung für komplizierte Entwicklungen: Für wirtschaftliche Krisen, gesellschaftlichen Wandel, Globalisierung, politische Konflikte und Kriege wird eine verborgene, mächtige Gruppe verantwortlich gemacht.

Das ist psychologisch verführerisch.

Denn wenn die Welt kompliziert und unübersichtlich wird, ist es leichter, einen Schuldigen zu benennen, als die Komplexität auszuhalten.

Das macht solche Erzählungen nicht wahr.

Es macht sie gefährlich.

Und wenn Antisemitismus wieder lauter wird, ist das für mich tatsächlich ein Warnsignal für eine Gesellschaft, in der etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wenn die Kirche angegriffen wird, weil sie widerspricht

Auch Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Akteure erleben das.

Wenn Bischöfe oder Pfarrerinnen und Pfarrer darauf hinweisen, dass rechtsextreme Positionen mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar sind, wird ihnen vorgeworfen, sie würden die Gesellschaft spalten.

Sie seien parteipolitisch.

Sie seien „links“.

Sie seien ideologisch.

Sie würden sich in Dinge einmischen, die sie nichts angingen.

Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung.

Denn wer die Würde aller Menschen verteidigt, spaltet nicht dadurch die Gesellschaft, dass er Menschenwürde verteidigt.

Wer Rassismus benennt, erzeugt den Rassismus nicht dadurch, dass er ihn benennt.

Und wer sich gegen Hass stellt, ist nicht derjenige, der den Hass in die Welt gebracht hat.

Es ist eine perfide Täter-Opfer-Umkehr: Wer Hass sät, wirft am Ende denjenigen Spaltung vor, die den Hass benennen.

Und was nun?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nicht, welche politischen Konsequenzen diese Wahl haben wird. Die AfD hat die absolute Mehrheit verfehlt, und wie sich daraus eine Regierung bilden lässt, ist offen. Aber unabhängig davon ist etwas geschehen, das wir nicht kleinreden können.

Eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, ist mit 43,8 Prozent stärkste Kraft eines deutschen Bundeslandes geworden.

Ich schreibe das nicht aus der Distanz einer Schweizerin, die auf Deutschland blickt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Meine Familie lebt dort. Ich habe die deutsche und die schweizerische Staatsbürgerschaft. Und ja: Auch in meiner eigenen Familie gibt es Menschen, die AfD wählen.

Vielleicht macht gerade das meine Ratlosigkeit noch größer. Ich kann die Analysen lesen. Ich kann verstehen, woher politische Enttäuschung, Zukunftsängste und Protest kommen. Ich kann nachvollziehen, dass Menschen das Gefühl haben, von der etablierten Politik nicht mehr gesehen zu werden.

Aber ich kann trotzdem nicht nachvollziehen, warum daraus die Wahl einer Partei folgt, deren Landesverband als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist.

Und als Jüdin kann ich schon gar nicht darüber hinwegsehen, wenn völkisches Denken, Ausgrenzung, Antisemitismus und die Suche nach Sündenböcken wieder gesellschaftsfähiger werden.

Das macht mir Angst.

Und es macht mich traurig.

Aber ich möchte nicht mit noch mehr Hass darauf antworten.

Denn genau das wäre für mich die falsche Konsequenz.

Ich möchte weiter lieben.

Beten.

Sprechen.

Schreiben.

Widersprechen.

Standhaft bleiben.

Solidarisch sein.

Menschen willkommen heißen.

Denjenigen zuhören, die Angst haben.

Diejenigen schützen, die angegriffen werden.

Und gleichzeitig nicht aufhören, auch mit denjenigen zu sprechen, die anders denken.

Nicht aus Naivität.

Nicht, weil alles gleich gültig wäre.

Sondern weil ich glaube, dass Hass niemals durch noch mehr Hass überwunden wird.

Deshalb bleibt mir am Ende nur das, was mir bleibt:

weiterhin lieben, beten, sprechen, schreiben, standhaft bleiben, solidarisch sein – und noch mehr lieben.


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