Eine Bühne für Mitri Raheb: Wenn Antisemitismus als Befreiungstheologie auftritt

Mitri Raheb, die Einladung der Refbejuso und die Frage, was ein kirchliches Bekenntnis gegen Antisemitismus wert ist

Am 25. August 2026 veranstaltete die Fachstelle OeME der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn eine Veranstaltung mit dem Titel „Leben und Studieren in Bethlehem“. Eingeladen war als alleiniger Referent Pfr. Dr. Mitri Raheb, lutherischer Pfarrer und palästinensischer Theologe aus Bethlehem.

Ich konnte an diesem Abend wegen meiner Arbeit nicht teilnehmen. Ich hätte die Veranstaltung besucht. Ich hätte Raheb selbst zuhören wollen. Nicht, weil ich seine Positionen teile, sondern gerade weil ich wissen möchte, was ein Theologe sagt, dem eine reformierte kirchliche Fachstelle in der Schweiz eine Bühne gibt.

Ich schreibe deshalb nicht darüber, weil ein palästinensischer Theologe eingeladen wurde. Eine palästinensische Perspektive auf die Realität in Bethlehem und auf das Leben von Palästinenserinnen und Palästinensern ist selbstverständlich legitim und notwendig. Auch die Politik des Staates Israel darf kritisiert werden. Auch die Not und das Leid der palästinensischen Bevölkerung müssen benannt werden.

Aber nicht jede theologische Deutung ist deshalb legitim, weil sie aus einem Kontext realen Leidens kommt.

Und Mitri Raheb vertritt nicht lediglich eine scharfe Kritik an der israelischen Regierung. Seine öffentlich dokumentierten Aussagen reichen wesentlich weiter. Sie berühren die jüdische Identität, die historische Kontinuität des jüdischen Volkes, das Judentum Jesu und die theologische Beziehung zwischen Kirche und Israel.

Gerade deshalb ist die Frage, warum eine reformierte Kirche ihm eine exklusive Bühne bietet, keine nebensächliche Frage.

„Sie sind nicht Israel“

Mitri Rahebs Positionen sind seit Jahren dokumentiert. Bereits 2010 sprach er auf der Konferenz „Christ at the Checkpoint“ in Bethlehem über die Geschichte des Landes und die Identität seiner Bewohner.

Dabei sagte er unter anderem:

„Die palästinensischen Christen sind genau genommen die einzigen in der Welt, bei denen man, wenn man über ihre Vorfahren spricht, ihre tatsächlichen Vorfahren sowie die Vorfahren im Glauben meint.“

Und:

„So sieht die Wirklichkeit der Völker des Landes aus. Wieder: Sie sind nicht Israel.“

An anderer Stelle erklärte er:

„Es waren unsere Vorfahren, denen die Offenbarung gegeben wurde.“

Diese Sätze sind theologisch nicht belanglos.

Hier wird nicht lediglich behauptet, dass Palästinenser ebenfalls eine lange Geschichte in diesem Land haben. Hier wird eine andere Geschichte konstruiert: Die palästinensischen Christen erscheinen als die eigentlichen Erben der biblischen Geschichte, während das jüdische Volk aus der Identität Israels herausdefiniert wird.

Das ist Enterbungstheologie.

Und Enterbungstheologie ist keine neutrale historische Perspektive. Sie gehört zur langen Geschichte des christlichen Antijudaismus: Die Kirche wird zum eigentlichen Israel, während das jüdische Volk, Israel, selbst seine besondere Stellung verliert.

Raheb überträgt diese Logik auf die palästinensischen Christen. Nicht die Juden seien die eigentlichen Nachkommen der biblischen Geschichte – vielmehr seien es die palästinensischen Christen, die sowohl ihre „tatsächlichen Vorfahren“ als auch deren Glauben geerbt hätten.

Das jüdische Volk wird damit nicht einfach politisch kritisiert. Es wird theologisch aus der eigenen Geschichte herausgeschrieben.

Wenn jüdische Kontinuität mit einem DNA-Test bestritten wird

Besonders deutlich wird diese Konstruktion in einer Passage derselben Rede von 2010.

Raheb erklärte:

„Ich bin sicher, wenn wir einen DNA-Test zwischen David, der ein Bethlehemit war, und Jesus, der in Bethlehem geboren wurde, und Mitri, der genau gegenüber von Jesu Geburtsort geboren wurde, machen würden, würde sich eine Spur zeigen.“

Und dann:

„Wenn man hingegen König David, Jesus und Netanjahu zusammenbringt, erhält man nichts, denn Netanjahu stammt von einem osteuropäischen Stamm ab, der im Mittelalter zum Judentum konvertierte.“

Damit wird eine angeblich biologische Abstammungslinie konstruiert: David, Jesus und Raheb gehören zusammen; zwischen David, Jesus und einem Juden wie Benjamin Netanjahu gebe es dagegen keine Verbindung.

Die Behauptung bedient sich der seit dem 19. Jahrhundert verbreiteten Khazaren-These, nach der die heutigen europäischen Juden im Wesentlichen von einem mittelalterlichen Volk abstammten, das zum Judentum konvertiert sei. Historisch ist diese Vorstellung längst widerlegt; politisch und antisemitisch ist sie vor allem deshalb wirksam, weil sie einen Zweck erfüllt: Sie erklärt Juden zu Fremden in ihrer eigenen Geschichte.

Die Konstruktion ist durchsichtig:

Wenn Juden nicht die Nachkommen der biblischen Israeliten sind, dann können sie auch nicht auf eine historische Verbindung zum Land Israel verweisen. Wenn Jesus und David dagegen über eine biologische Kontinuität mit einem palästinensischen Christen verbunden werden, wird diese Verbindung auf die andere Seite übertragen.

Jesus war Jude

Damit sind wir bei einem weiteren Kern von Rahebs Theologie: der Frage, wer Jesus eigentlich war.

Jesus war Jude.

Das ist keine konfessionelle Meinung. Es ist eine historische Tatsache.

Jesus wurde als Jude geboren, lebte als Jude, betete als Jude und starb als Jude. Die ersten Jüngerinnen und Jünger waren Juden. Das Christentum entstand nicht außerhalb des Judentums, sondern innerhalb einer jüdischen Welt.

Für Raheb ist Jesus selbstredend Palästinenser.

Gerade deshalb ist es theologisch folgenschwer, wenn Jesus aus seinem Judentum herausgelöst und zum palästinensischen Gegenspieler eines späteren jüdischen Staates gemacht wird.

Der langjährige Basler Professor für Neues Testament Ekkehard W. Stegemann bezeichnete diese Argumentation deshalb als eine rassistische „Entjudung“ Jesu von Nazareth und sah darin eine gefährliche Nähe zu den theologischen Konstruktionen der nationalsozialistischen Deutschen Christen.

Das ist eine bemerkenswert harte Kritik. Sie sollte nicht leichtfertig übernommen werden.

Aber man sollte sich ebenso wenig davor fürchten, das Offensichtliche zu benennen.

Wer Juden die jüdische Identität abspricht, indem er ihnen die historische Abstammung von den Menschen der Bibel bestreitet, betreibt keine gewöhnliche Israelkritik.

Das ist rassistische Delegitimierung jüdischer Identität.

Bei Raheb verbindet sich diese Entjudung Jesu mit einer weiteren Gleichsetzung:

Israel verkörpert Rom.

Israel wird damit in die Rolle der fremden, imperialen Macht gestellt. Jesus und die Palästinenser erscheinen auf der anderen Seite als die Unterdrückten.

Hier geschieht etwas, das in der christlichen Geschichte eine lange und blutige Vorgeschichte hat.

Das alte Gottesmordmotiv in neuer Sprache

Die christliche Kirche hat über Jahrhunderte Juden für den Tod Jesu verantwortlich gemacht. Aus der Passion wurde eine Anklage gegen das jüdische Volk. Juden wurden zu Gottesmördern erklärt, verfolgt, aus Städten vertrieben, getauft oder ermordet.

Das sogenannte Gottesmordmotiv gehört zu den ältesten und folgenreichsten Formen des christlichen Antijudaismus.

Heute wird es in der Regel nicht mehr so offen ausgesprochen.

Es braucht das Wort „Gottesmörder“ nicht.

Man kann Jesus entjudaisieren. Man kann Israel mit Rom gleichsetzen. Man kann die heutige politische Auseinandersetzung durch die Passion Jesu deuten und die Palästinenser in die Rolle des gekreuzigten Unschuldigen setzen.

Dann ist das alte Muster wieder da – nur in einer neuen politischen Sprache.

Genau deshalb ist es so problematisch, wenn die Kreuzigung Jesu zur Schablone für den heutigen Konflikt wird.

Israel wird zum Rom der Gegenwart.

Die Palästinenser werden zum leidenden Jesus.

Und der jüdische Charakter Jesu verschwindet ausgerechnet dort, wo seine Passion politisch instrumentalisiert wird.

Das ist christlicher Antijudaismus.

Wenn aus einem Massaker „kreativer Widerstand“ wird

Noch eine andere Frage lässt sich von dieser Theologie nicht trennen: die Frage nach der Gewalt.

Raheb bezeichnete die Hamas als eine „palästinensische politische Bewegung“, die eine „wichtige Rolle“ spiele. In einem Interview mit der ägyptischen Tageszeitung al-Masri al-Youm erklärte er zudem:

„Einige Leute in der Kirche glauben an den bewaffneten Widerstand, und wir widersprechen nicht.“

Und am Tag des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 schrieb Raheb auf Facebook:

„Die Palästinenser entwickeln ständig neue Formen des kreativen Widerstands und der Tapferkeit.“

Das Problem dieser Formulierung ist nicht, dass das Wort „Widerstand“ vorkommt.

Das Problem ist, was dadurch als Widerstand bezeichnet wird.

Am 7. Oktober wurden israelische Zivilistinnen und Zivilisten ermordet, Menschen vergewaltigt, entführt und misshandelt. Familien wurden ausgelöscht. Menschen wurden verbrannt. Das Massaker wurde von der Hamas und ihren Verbündeten bewusst gegen Zivilisten geführt.

Wer eine solche Gewalt als „kreativen Widerstand“ und „Tapferkeit“ bezeichnet, beschreibt sie nicht neutral.

Er gibt ihr eine moralische Bedeutung.

Aus einem Massaker wird Widerstand.

Aus Tätern werden Widerstandskämpfer.

Aus Gewalt wird Tapferkeit.

Das ist Gewaltlegitimation.

Und auch hier ist auffällig, was fehlt: In dem genannten Beitrag verliert Raheb kein Wort über die israelischen Opfer.

Es geht nicht darum, Israel vor Kritik zu schützen

An dieser Stelle muss etwas ausgesprochen werden, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Israel ist kein sakrosankter Staat.

Die israelische Regierung darf kritisiert werden. Ihre Politik darf kritisiert werden. Siedlungspolitik, militärische Entscheidungen und der Umgang mit palästinensischem Leid dürfen und müssen Gegenstand öffentlicher Debatten sein.

Antisemitismuskritik bedeutet nicht, Israel von Kritik auszunehmen. Aber politische Kritik hat eine Grenze dort, wo sie sich in die alten Muster des Antijudaismus und Antisemitismus  verwandelt.

Wenn Juden ihre jüdische Identität abgesprochen wird.

Wenn ihre historische Verbindung zu Israel mit pseudowissenschaftlichen Abstammungstheorien bestritten wird.

Wenn Jesus aus seinem Judentum herausgelöst wird.

Wenn Israel zum neuen Rom erklärt wird.

Wenn die Passion Jesu als politische Schablone für den Konflikt dient.

Wenn Gewalt gegen israelische Zivilisten als „Widerstand“ und „Tapferkeit“ bezeichnet wird.

Dann reden wir nicht mehr nur über politische Israelkritik. Dann reden wir über Antisemitismus und christlichen Antijudaismus.

Die Kirche hat selbst gesagt, was zu tun ist

Und genau hier wird die Veranstaltung vom 25. August zu einem kirchlichen Problem.

Denn die Reformierten Kirchen haben sich nicht erst gestern vorgenommen, Antisemitismus ernst zu nehmen.

Im Mai 2026 verabschiedete die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz ihre Position „Gegen Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft“.

Darin steht:

„Christlicher Antijudaismus kommt deshalb einer Abtrennung von den eigenen Wurzeln gleich.“

Das ist theologisch eindeutig.

Die Kirche erklärt darin ausdrücklich, dass sie ihre eigene Geschichte des Antijudaismus als Schuld anerkennt:

„Wo christliche Lehre, Verkündigung, Bibelauslegung oder kirchliche Praxis jüdische Menschen herabgesetzt, dämonisiert, kollektiv belastet oder aus der Geschichte Gottes verdrängt haben, bekennen wir Schuld. Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.“

Das ist genau der Punkt.

Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.

Nicht: Wir hören sie uns neutral an.

Nicht: Wir stellen ihnen eine zweite Perspektive daneben.

Nicht: Wir berufen uns darauf, dass jede Äußerung legal sei.

Wir widersprechen.

Die Erklärung wird noch deutlicher:

„Wir sagen deshalb klar Nein zu allen Formen des Antisemitismus: zum religiösen Antijudaismus, zum rassistischen Antisemitismus […] zu Dämonisierung, zu Doppelstandards und zu jeder Delegitimierung jüdischen Lebens.“

Und sie beschreibt ausdrücklich die institutionelle Verantwortung der Kirche:

„Kirchliche Räume, Veranstaltungen und Kommunikationskanäle dürfen nicht für antisemitische Inhalte, Symbole, Agitation oder Desinformation zur Verfügung gestellt werden.“

Das gilt ausdrücklich auch dann, wenn solche Inhalte „indirekt, codiert oder unter dem Deckmantel politischer Debatte“ auftreten.

Noch deutlicher heißt es:

„Wo Anzeichen antisemitischer Tendenzen bestehen, genügt kirchliche Neutralität nicht.“

Es brauche Prüfung, Rückfrage, gegebenenfalls Auflagen und – wenn nötig – Absage oder Rückzug.

Und für Veranstaltungen wie die vom 25. August formuliert die Erklärung ausdrücklich:

„Die Kirche prüft Inhalte, Trägerschaften, Referierende und Kommunikationsformen.“

Das sind keine Empfehlungen irgendeiner jüdischen Organisation.

Das ist der Maßstab, den die reformierte Kirche sich selbst gesetzt hat.

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Und dann wurde Mitri Raheb eingeladen

Drei Monate nach dieser Erklärung lud die Fachstelle OeME der Refbejuso Mitri Raheb als alleinigen Referenten ein.

Das ist der Punkt, an dem ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann.

Denn die Frage lautet nicht, ob Raheb das Recht hat, seine Meinung zu äussern.

Natürlich hat er dieses Recht.

Die Frage lautet:

Warum macht eine reformierte kirchliche Fachstelle diese Positionen zu einem Gegenstand kirchlicher Bildungsarbeit, ohne ihnen eine wirkliche Gegenstimme entgegenzustellen?

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Denn eine Gegenstimme ist nicht einfach irgendeine weitere Person auf einem Podium.

Eine Gegenstimme ist eine Stimme, die widerspricht.

Eine jüdische oder jüdisch-theologische Perspektive, die nicht nur die Rolle einer höflichen Ergänzung übernimmt, sondern dort widerspricht, wo jüdische Geschichte, jüdische Identität und jüdische Theologie delegitimiert werden.

Pluralität der Personen ist nicht dasselbe wie Pluralität der Positionen.

Eine Veranstaltung kann formal mehrere Menschen zusammenbringen und dennoch inhaltlich einseitig sein.

Eine Gegenstimme ist keine Gegenstimme, wenn sie am Ende dasselbe Narrativ bestätigt.

Gerade bei einer kirchlichen Veranstaltung über Israel und Palästina ist das entscheidend.

Denn die EKS fordert selbst „sachkundige Stimmen, historische Einordnung und dialogische Fairness“.

Wo war diese Gegenstimme am 25. August?

Und wie wird von kirchlicher Seite darüber berichtet?

Am Tag nach der Veranstaltung erschien im Pfarrblatt Bern ein Bericht unter dem Titel „Kultur als Raum zum Atmen“. Pfarrblatt Bern: „Kultur als Raum zum Atmen“

Der Artikel zeichnet das Bild eines engagierten palästinensischen Theologen, der über Bethlehem, seine Universität, Bildung, Kunst und Frauenfussball spricht. Raheb wird ausführlich und wohlwollend vorgestellt. Seine politische Positionierung kommt ebenfalls zur Sprache: Er bezeichnet die israelische Politik als „Siedlerkolonialismus“ und versteht Kunst als „Form des Widerstands“.

Was fehlt, ist die Einordnung.

Kein Wort über Rahebs seit Jahren dokumentierte Aussagen zur jüdischen Identität und Kontinuität. Kein Wort über seine Behauptung, die palästinensischen Christen seien die eigentlichen Erben der biblischen Vorfahren. Kein Wort über „Israel verkörpert Rom“. Kein Wort über seine rassistische DNA-Konstruktion, mit der er die jüdische Abstammung von David und Jesus bestreitet. Kein Wort über die von ihm propagierte „Entjudung“ Jesu. Kein Wort über seine Aussagen zur Hamas oder über seine Bezeichnung des 7. Oktober als „kreativen Widerstand“ und „Tapferkeit“.

Stattdessen berichtet das Pfarrblatt von Rahebs Dank an die Menschen in der Schweiz, die sich „mit Demonstrationen und anderen Initiativen für Palästina engagieren“. Und es zitiert seine Aufforderung:

„Wir geben nicht auf, dann dürfen Sie auch nicht aufgeben.“

Das ist bemerkenswert.

Denn diese Demonstrationsbewegung existiert nicht nur als abstraktes „Engagement für Palästina“. Ihre Erscheinungsformen sind öffentlich sichtbar: das Benutzen des roten Hamas-Dreiecks zur Zielmarkierung von Feinden, Ausschreitungen, ständige Einschüchterungen und Drohungen gegen die jüdische Bevölkerung, verletzte Polizisten, massive Sachbeschädigungen -darunter ein angezündetes Restaurant letztes Jahr in Bern-, antisemitische Parolen wie „Kill your local Zionist“ und – aktuell – ein Demonstrationsaufruf in Basel unter dem Motto „Death to Zionism“ der mindestens eine Strafanzeige nach Art. 261bis StGB nach sich zog.

Raheb dankt den Menschen, die sich mit Demonstrationen engagieren, und fordert sie zum Weitermachen auf.

Welche Formen dieses Engagements damit gemeint sind, fragt das Pfarrblatt nicht.

Und auch sonst findet sich im Bericht keine kritische Nachfrage, keine theologische Gegenposition, keine historische Einordnung und keine jüdische Gegenstimme.

Das ist besonders bemerkenswert, weil die EKS erst wenige Monate zuvor ausdrücklich festgehalten hat, dass die Kirche bei konflikthaften Themen auf „Sachkenntnis, historische Sensibilität und das hörbare Mitbedenken jüdischer Perspektiven“ achten muss. Sie fordert nicht bloß Meinungsvielfalt. Sie fordert Prüfung, Einordnung und gegebenenfalls Widerspruch.

Nichts davon ist in der Darstellung dieses Abends erkennbar.

Der Bericht bestätigt damit unfreiwillig genau das Problem, um das es hier geht: Mitri Raheb wurde nicht als Theologe vorgestellt, dessen Positionen einer kritischen Auseinandersetzung bedürfen, sondern als engagierter palästinensischer Pfarrer, dessen politische Aussagen weitgehend unkommentiert stehen bleiben.

Das ist keine theologische Auseinandersetzung.

Das ist unkritische kirchliche Öffentlichkeitsarbeit.

Und damit sind wir wieder bei der eigenen Erklärung der reformierten Kirche:

„Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.“

Dann muss die Frage erlaubt sein:

Wo war der Widerspruch?

Ich schreibe das als Jüdin und als Pfarrerin

Ich schreibe diesen Text nicht als unbeteiligte Beobachterin.

Ich bin Jüdin. Und ich bin Pfarrerin.

Ich gehöre damit zu genau jener Kirche, die sich im Mai 2026 zu einer besonderen Verantwortung gegenüber Antisemitismus bekannt hat.

Diese Verantwortung ist nach der eigenen Erklärung der Kirche geistlich, theologisch, pädagogisch und institutionell.

Das bedeutet für mich: Ich kann nicht einfach akzeptieren, dass jüdische Geschichte aus christlicher Theologie herausgeschrieben wird, nur weil diese Theologie aus einem palästinensischen Kontext kommt.

Ich kann das Leid von Palästinenserinnen und Palästinensern anerkennen, ohne eine Theologie zu akzeptieren, die dafür Israel zum neuen Rom erklärt.

Ich kann die Politik Israels kritisieren, ohne Juden ihre jüdische Identität abzusprechen.

Ich kann die palästinensische Geschichte hören wollen, ohne die jüdische Geschichte zum Schweigen zu bringen.

Und ich kann mich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, ohne die Ermordung israelischer Zivilisten als „kreativen Widerstand“ zu akzeptieren.

Das eine schliesst das andere nicht aus. Im Gegenteil. Gerade eine christliche Kirche müsste dazu fähig sein Denn sie hat selbst erklärt:

„Die Kirche lebt nicht gegen das Volk Israel, sondern aus den Verheissungen Gottes, die sie mit diesem verbindet.“

Wenn das mehr sein soll als eine schöne Formulierung, muss es Konsequenzen haben.

Eine Erklärung ist nur so viel wert wie ihre Anwendung

Ich erwarte von meiner Kirche nicht, dass sie Israel unkritisch unterstützt.

Ich erwarte auch nicht, dass sie palästinensisches Leid verschweigt.

Ich erwarte etwas viel Grundsätzlicheres:

Ich erwarte, dass sie Antisemitismus erkennt, auch wenn er sich als Befreiungstheologie präsentiert.

Ich erwarte, dass sie christlichen Antijudaismus nicht dadurch legitimiert, dass er aus einem anderen politischen Kontext kommt.

Ich erwarte, dass sie jüdische Perspektiven nicht als dekoratives Element eines „Dialogs“ behandelt.

Und ich erwarte, dass sie ihre eigenen Beschlüsse ernst nimmt.

Denn im Mai hat die reformierte Kirche geschrieben:

„Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.“

Dann widersprecht.

Nicht irgendwann.

Nicht erst, wenn eine jüdische Gemeinde protestiert.

Nicht erst, wenn eine Veranstaltung öffentliche Kritik hervorruft.

Sondern dort, wo die alten Muster auftauchen.

Eine Erklärung gegen Antisemitismus ist nur so viel wert wie ihre Anwendung in der Praxis.

Und genau daran muss sich die reformierte Kirche jetzt messen lassen.


Quellen und weiterführende Literatur

Primärquellen: Mitri Raheb

  • Raheb, Mitri: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1994.
  • Raheb, Mitri: Bethlehem Besieged: Stories of Hope in Times of Trouble. Minneapolis: Augsburg Fortress, 2004. Deutsche Ausgabe: Bethlehem hinter Mauern. Geschichten der Hoffnung aus einer belagerten Stadt. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2005.
  • Raheb, Mitri: Faith in the Face of Empire: The Bible through Palestinian Eyes. Maryknoll: Orbis Books, 2014.
  • Raheb, Mitri: Decolonizing Palestine: The Land, the People, the Bible. Maryknoll: Orbis Books, 2023.
  • Raheb, Mitri: Vortrag bei der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, Bethlehem, März 2010. Insbesondere die dort dokumentierten Aussagen zu „Israel represents Rome“, zur palästinensischen Identität Jesu sowie zur DNA von David, Jesus, Raheb und Netanjahu. Die DNA-Aussage ist unter anderem bei Tricia Miller dokumentiert.
  • Raheb, Mitri: The Way Forward: From Kairos Palestine to a Kairos Movement for Global Justice.
  • Raheb, Mitri: Call Things by Their Name, Kairos Palestine, 2019.

Kairos-Palästina und palästinensische Befreiungstheologie

  • Kairos Palestine: A Moment of Truth: A Word of Faith, Hope and Love from the Heart of Palestinian Suffering, Bethlehem, 2009. Mitri Raheb gehört zu den Autoren des Dokuments.
  • Miller, Tricia: Jews and Anti-Judaism in Esther and the Church. Cambridge: James Clarke & Co., 2015, insbesondere S. 163–164.
  • Wonnerth-Stiller, Livia: „Palästinensische Theologie als Streitkultur“, in: Uta Heil / Annette Schellenberg (Hg.), Theologie als Streitkultur, Göttingen 2021, S. 360–361.

Analysen und kritische Einordnungen zu Raheb

Kirchliche Grundlagen

  • Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS): Gegen Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft, verabschiedet im Mai 2026. Insbesondere die Abschnitte zur theologischen Verantwortung der Kirche, zum christlichen Antijudaismus, zur Delegitimierung jüdischen Lebens sowie zur Verantwortung für kirchliche Räume, Veranstaltungen, Podien und Kommunikationskanäle.

Aktueller Anlass

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