איזה בלאגן – Oder: Dann tanzen wir eben darin
Manchmal muss man einfach sagen:
איזה בלאגן.
Was für ein Chaos.
Das Leben ist kompliziert, widersprüchlich, schön, traurig, absurd, manchmal zum Lachen und manchmal überhaupt nicht zum Lachen. Menschen lieben sich und verletzen einander. Geschichte holt einen ein. Alte Vorurteile tauchen in neuen Kleidern wieder auf. Man plant einen Urlaub und fragt sich plötzlich nicht mehr nur, wie das Wetter wird, sondern ob man dort als Jüdin sichtbar sein kann. Man liest Kommentare im Internet und fragt sich, wo eigentlich die Menschlichkeit geblieben ist.
Und dann steht man irgendwann da, trinkt seinen Kaffee, hört Musik und denkt:
Na gut.
Dann machen wir eben einen guten Balagan daraus.
Das ist die Grundstimmung meines anderen neuen Albums איזה בלאגן (Eize Balagan).

Vierzehn Songs, zwischen Electronic, Dance, House, Reggaeton und verschiedenen World-Einflüssen. Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch, Kurdisch, ein bisschen Yiddish – auch sprachlich darf es ordentlich durcheinandergehen.
Denn genau das ist dieser Balagan: bunt, widersprüchlich und lebendig.
Erst einmal: der ganz normale Balagan
Der erste Song beginnt ganz unspektakulär:
You get up in the morning
Grab a coffee and get dressed
Man steht auf. Man trinkt Kaffee. Man zieht sich an. Das Leben geht los.
Und dann:
Life is such a mess
Such a beautiful colorful mess
Ich mag diesen Gedanken sehr: Das Ziel ist nicht, das Leben endlich ordentlich zu bekommen.
Vielleicht ist das gar nicht möglich.
Vielleicht müssen wir lernen, mit dem Durcheinander zu leben – und trotzdem dafür zu sorgen, dass es ein guter Balagan wird.
Deshalb gibt es im ersten Song auch den kleinen „Troublemaker“:
A little mischief
As long as it doesn’t hurt anyone
Ein bisschen Unordnung darf sein. Ein bisschen Widerspruch vielleicht auch. Man muss nicht immer brav sein.
Aber die Grenze ist klar: Es darf anderen nicht schaden.
Und so beginnt das Album mit einer Einladung:
Schauen wir doch einfach einmal hin.
Schauen wir uns den Balagan an.
Denn manchmal ist der Balagan nicht lustig
Schon der zweite Song, „Das grosse Schweigen“, zieht einem den Boden unter den Füssen weg.
Ein Hakenkreuz in einer Unterführung. Ein antisemitischer Spruch über einem Plakat für Kinderferien. Kommentare im Internet, in denen Menschen zu Zahlen, Feindbildern und Hassobjekten werden.
Das Lied erzählt nicht von Geschichte im luftleeren Raum. Es erzählt davon, wie sich Geschichte in den Alltag schiebt.
In die Unterführung.
In die Kommentarspalte.
In die Frage, ob man den Davidstern trägt.
Ob man Hebräisch spricht.
Ob man eine Kippah trägt.
Und plötzlich wird etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte – einfach jüdisch zu leben – zu einer Frage der Abwägung.
Der Refrain antwortet darauf nicht mit Gegenhass:
Wir geben nicht auf
Wir werden nicht klein
Wir lieben unser Leben mehr
Als andere uns hassen
Das ist ein wichtiger Satz für das ganze Album.
Denn dieses Album will sich nicht von dem definieren lassen, was andere Juden antun oder über Juden sagen.
Es will wissen:
Wie leben wir selbst?
Namen statt Zahlen
„Beautiful Six“ nimmt diese Frage auf und gibt der Erinnerung Namen und Gesichter.
Der Song erinnert an Eden Yerushalmi, Hersh Goldberg-Polin, Carmel Gat, Almog Sarusi, Alexander Lobanov und Ori Danino – und zugleich an die vielen anderen Menschen und Familien, deren Leben vom 7. Oktober und den folgenden Ereignissen geprägt wurden.
Es geht um die Getöteten.
Um die Wiedervereinigten.
Um diejenigen, die hoffen.
Um diejenigen, deren Leben weitergeht, obwohl die Narben bleiben.
Um Familien, die zwischen Heilung und Schmerz leben.
Die sechs sind dabei nicht „die wichtigsten“. Sie stehen stellvertretend für eine Erinnerung, die sich nicht auf anonyme Zahlen reduzieren lässt.
Und vielleicht ist das überhaupt eine der menschlichsten Antworten auf Gewalt:
Wir erinnern uns an Menschen als Menschen.
Mit ihren Namen.
Mit ihren Geschichten.
Mit den Sternen über uns.
Wer bekommt eigentlich unsere Aufmerksamkeit?
Mit „No Jews, No News“ wird der Blick wieder weiter.
Der Song beginnt bei antisemitischer Berichterstattung und selektiver Aufmerksamkeit – und fragt dann, was eigentlich mit all den anderen Menschen geschieht, deren Leid ebenfalls kaum wahrgenommen wird.
Kurden und Jesiden.
Christen.
Kopten.
Kinder im Jemen.
Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden.
Palästinenserinnen und Palästinenser.
Die Liste ist bewusst unbequem.
Denn Solidarität kann merkwürdig selektiv werden. Manchmal interessieren wir uns für das Leid eines Menschen vor allem dann, wenn es in unsere politische Erzählung passt.
Und irgendwann kommt im Lied die vielleicht wichtigste Wendung:
I cannot change the whole world
I can only choose my part
Das ist keine Kapitulation.
Im Gegenteil.
Es ist die Entscheidung, Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich möglich ist:
Was trage ich weiter?
Was gebe ich weiter?
Welche Worte benutze ich?
Was mache ich mit dem, was mir begegnet?
Und dann kommt wieder der Tanz.
Natürlich.
We shall dance again
Das Gerücht
„Das Gerücht“ wird schärfer.
Hier geht es um die alten Bilder vom Juden, die sich verändern, verkleiden und an neue politische Sprachen anpassen.
Um die Frage, wann aus „Zionist“ ein Ersatzwort für „Jude“ wird.
Um historische Kontinuitäten.
Um Jean Améry.
Um Adornos berühmte Formulierung vom Antisemitismus als „Gerücht über den Juden“.
Und am Ende steht etwas, das für mich fast wichtiger ist als die ganze Argumentation davor:
Was ihr über uns sagt, interessiert mich nicht.
Das ist kein Satz, der die Welt plötzlich richtigstellt.
Er macht etwas anderes.
Er entzieht anderen die Macht, die eigene Identität zu definieren.
Und dann muss man irgendwann Urlaub machen
„Urlaubszeit“ bringt das Ganze zurück in den Alltag.
Koffer packen. Vorfreude. Wetterbericht. Essen. Synagoge. Minjan.
Und dann verändert sich die Urlaubsplanung.
Wo kann man hin?
Kann ich dort eine Kippah tragen?
Kann ich Hebräisch sprechen?
Wie ist es mit dem Davidstern?
Gibt es eine Synagoge – und gibt es dort auch Bewachung?
Das Absurde daran ist gerade, dass es eigentlich vollkommen normale Fragen sein sollten, die überhaupt keine Fragen sind.
Und trotzdem bleiben sie.
Aber auch hier weigert sich das Lied, beim Bedrohlichen stehenzubleiben:
Wir werden sie überleben
Übertanzen
Übersingen
Leben
Sein
Wir selbst
Und frei
Und da ist es wieder:
Tanzen.
Wenn wirklich alles der Mossad war
Nach all dem wird es Zeit für einen ziemlich schlechten Kaffee und eine noch schlechtere Verschwörungstheorie.
„Der Mossad“ ist das grosse jüdische Gegenmittel zur Verschwörungslogik:
Wenn der Wecker nicht klingelt – Mossad.
Wenn es regnet – Mossad.
Wenn die Schokolade ausverkauft ist – Mossad.
Wenn der Hund die Pantoffeln frisst – natürlich Mossad.
Und wenn jemand irgendwann auf dem Klo sitzt und beim Nachdenken plötzlich die grosse Erklärung für alles findet, dann ist die Sache ohnehin klar.
Der Mossad.
Das Lied macht sich über genau das lustig, was Verschwörungstheorien so verführerisch macht: Sie verwandeln Zufall und Komplexität in eine grosse Geschichte, in der irgendjemand hinter allem steckt.
Und natürlich ist es auch eine jüdische Form, einen antisemitischen Mythos einmal komplett gegen die Wand zu fahren.
Wenn uns ohnehin schon alle für die geheime Weltmacht halten, dann können wir wenigstens etwas damit anfangen.
Secret Jewish Space Laser Corps inklusive.
Mazel tough.
Raum schaffen
Mit „Room“ verändert sich die Bewegung des Albums.
Bis hierhin haben wir viel über das gesprochen, was Menschen einander antun.
Jetzt kommt eine andere Frage:
Was wäre, wenn wir einander Raum machen würden?
Der Song greift die jüdische Vorstellung des Zimzum auf: Gott schafft Raum für die Welt, indem Gott sich zurücknimmt.
Und daraus entsteht eine menschliche Frage:
Wenn Gott Raum macht – warum sollten wir Menschen das nicht auch können?
Nicht verschwinden.
Nicht sich selbst verleugnen.
Nicht alles aufgeben.
Sondern manchmal einfach ein wenig weniger Raum für das eigene Ich beanspruchen, damit jemand anderes überhaupt existieren kann.
Making room for one another.
Das wird zum Wendepunkt des Albums.
Zwei Geschichten, nicht eine
„Tikvah / Hêvî“ führt diesen Gedanken weiter – aber nicht als Auflösung aller Unterschiede.
Hier begegnen sich jüdische und kurdische Geschichten.
Negev und Zagros.
Tikvah und Hêvî.
Hebräisch und Kurdisch.
Am Yisrael Chai.
Biji Kurdistan.
Und mittendrin:
Bijî biratiya gelan
Die Geschwisterlichkeit der Völker.
Das Entscheidende dabei ist für mich: Die beiden Identitäten werden nicht miteinander verschmolzen.
Jüdische Geschichte wird nicht kurdische Geschichte.
Kurdische Geschichte wird nicht jüdische Geschichte.
Aber Menschen können einander in ihren Geschichten erkennen.
Und vielleicht ist genau das Solidarität: nicht zu behaupten, dass alles dasselbe ist, sondern Unterschiede auszuhalten und trotzdem die Hand auszustrecken.
Die ganze Regenbogenpalette
Dann kommt „Keshet“.
Und plötzlich bekommt der Regenbogen noch eine weitere Bedeutung.
Keshet ist der jüdische Regenbogen – und zugleich der Name der jüdischen LGBTQ-Organisation, die sich für queere jüdische Menschen einsetzt.
Denn manchmal verlangen Räume von Menschen, dass sie einen Teil von sich an der Garderobe abgeben.
Hier jüdisch.
Dort queer.
Hier sichtbar.
Dort lieber nicht.
„Keshet“ sagt: Nein.
Wir müssen uns nicht in Einzelteile zerlegen, damit andere mit uns zurechtkommen.
We don’t hide.
Unsere Farben verschwinden nicht.
Sie gehören zusammen.
Und dann: Honig
Nach all diesen Geschichten kommt „Honey“ fast wie ein Atemholen.
Call me a dreamer
Because I dream.
Call me a lover
Because I love.
Das Leben ist nicht immer einfach.
Aber man kann es in Honig tauchen.
Nicht, weil dadurch alles süss wird.
Sondern weil es auch in schwierigen Zeiten mehr zu entdecken gibt, als man manchmal denkt.
Dankbarkeit.
Liebe.
Musik.
Menschen.
Heute.
Denn morgen ist nicht gegeben.
Und deshalb:
So let us sing and dance today.
Morgen wird sein eigenes Lied haben.
Und seinen eigenen Tanz.
Das reicht für heute.
Das Wunder des ganz normalen Lebens
„Wonder“ nimmt diesen Gedanken auf und macht daraus beinahe ein Gebet:
I asked God for wonder
And God gave it to me.
Aber das Wunder ist nicht spektakulär.
Es sind die kleinen Dinge.
Singen.
Weinen.
Tanzen.
Gehen.
Rennen.
Fallen.
Wieder aufstehen.
Dazu kommt Kohelet:
לַכֹּל זְמָן וְעֵת לְכׇל־חֵפֶץ תַּחַת הַשָּׁמָיִם
Alles hat seine Zeit.
Und dann Kohelet 4:
טוֹבִים הַשְּׁנַיִם מִן־הָאֶחָד
Zwei sind besser als einer.
Denn wenn einer fällt, kann der andere ihn aufrichten.
Das ist vielleicht die schönste Entwicklung des Albums.
Am Anfang tanzt jemand allein durch den Tag.
Am Ende nehmen Menschen einander an der Hand.
For alone we will fall
But united we stand.
Nicht weil wir unverwundbar wären.
Sondern weil wir einander aufheben können.
Und dann geht alles wieder von vorne los
Eigentlich könnte das Album hier enden.
Mit Wunder.
Mit Hoffnung.
Mit ausgestreckten Händen.
Aber nein.
Der letzte Track ist wieder:
איזה בלאגן.
Nur diesmal als Live Mix.
Und das ist wichtig.
Denn jetzt wissen wir, was dieser Balagan alles enthält.
Wir wissen von den Hakenkreuzen.
Von den Namen.
Von den Familien.
Von den Gerüchten.
Von der Angst beim Reisen.
Von Verschwörungstheorien.
Von Zimzum.
Von jüdisch-kurdischer Solidarität.
Von queerer jüdischer Sichtbarkeit.
Von Liebe.
Von Honig.
Von Wundern.
Und jetzt stehen wir mitten in einem Konzert.
Menschen rufen:
בלאגן!
בלאגן!
איזה בלאגן!
Und plötzlich klingt der erste Song anders.
Denn aus
You get up in the morning
ist ein ganzes Album geworden.
Und aus dem kleinen „Troublemaker“ ist eine Haltung geworden.
Nicht: Alles ist gut.
Nicht: Alles wird gut.
Sondern:
Wir sind hier.
Wir leben.
Wir lieben.
Wir erinnern uns.
Wir streiten.
Wir lachen.
Wir weinen.
Wir machen Platz.
Wir nehmen einander an der Hand.
Wir träumen.
Wir staunen.
Und wir tanzen.
Gemeinsam.
Vielleicht ist das deshalb die eigentliche Bewegung von איזה בלאגן:
Es beginnt mit einem Menschen, der morgens aufsteht und Kaffee trinkt.
Es führt durch Geschichte, Gegenwart, Angst, Wut und Absurdität.
Es sucht nach Raum.
Nach Verbundenheit.
Nach Identität.
Nach Liebe.
Und am Ende steht kein fertiger Plan für die Welt.
Sondern ein Konzert.
Ein Ruf.
Ein Tanz.
Ein gemeinsames Lachen über den ganzen Wahnsinn.
Was für ein Chaos.
Was für ein wunderschönes, buntes Chaos.
Na gut.
Dann tanzen wir eben darin.
איזה בלאגן.
Eize Balagan.
איזה בלאגן (Eize Balagan) von AyLee erscheint am 9. Oktober 2026. Vierzehn Songs zwischen Electronic, Dance, House, Reggaeton und World Music – auf Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch und Kurdisch. Ein Album über jüdisches Leben, Erinnerung, Solidarität, Identität, Liebe, Hoffnung und den ganz normalen Wahnsinn des Lebens.
איזה בלאגן. Was für ein Chaos. Dann tanzen wir eben darin.
