Die Stille nach der Diskussion: Über «NAZA», politische Gewissheiten und die Frage, ob wir einander noch zuhören

Am 27. Oktober 2026 veröffentlichte Johanna Di Blasi auf RefLab ihren Artikel «Die Stille nach dem Film – zur Dokumentation ‹NAZA›». Am selben Tag wurde in Israel gewählt. Di Blasi schrieb über die Stille, die nach dem Ansehen des Films bleibt, über das Verstummen angesichts des Leids in Gaza und über die Schwierigkeit, angesichts dessen einfach zur Tagesordnung überzugehen. Ihr Satz «Über Gaza kann eigentlich niemand länger schweigen» ist eine deutliche Aufforderung, hinzusehen und Stellung zu beziehen.

Ich verstehe diesen Impuls. Das Leid der Menschen in Gaza ist real. Die Bilder zerstörter Häuser, getöteter Zivilistinnen und Zivilisten und traumatisierter Kinder lassen sich nicht einfach wegdiskutieren. Wer darüber spricht, muss sich nicht erst rechtfertigen, warum ihn dieses Leid beschäftigt. Und selbstverständlich darf Johanna Di Blasi ihre Eindrücke eines Films schildern und ihre politische Haltung dazu ausdrücken.

Meine Fragen beginnen an einer anderen Stelle: bei der Rahmung, bei der Wortwahl, bei dem, was in der Diskussion sichtbar wird und was nicht. Und bei der Frage, ob eine Debatte über ein derart komplexes Thema noch offen genug ist, um mehr als eine Perspektive auszuhalten.

Regimewechsel oder Regierungswechsel?

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Am Wahltag schrieb Johanna Di Blasi auf Instagram, die israelische Bevölkerung entscheide, ob es einen «Regimewechsel» gebe oder nicht.

Ich fragte nach, weshalb sie diesen Begriff gewählt hatte. Denn «Regime» ist für mich nicht einfach ein anderes Wort für «Regierung». Im alltäglichen Sprachgebrauch klingt darin etwas deutlich Negatives an: Wir sprechen vom NS-Regime, vom Mullah-Regime im Iran oder von autoritären und diktatorischen Herrschaftssystemen. Natürlich kann der Begriff in der Politikwissenschaft auch neutraler verwendet werden. Aber die meisten Menschen lesen einen Instagram-Beitrag nicht mit einem politikwissenschaftlichen Wörterbuch in der Hand.

Wenn am Wahltag von einem möglichen «Regimewechsel» in Israel die Rede ist, schwingt deshalb etwas anderes mit als bei einem «Regierungswechsel». Eine Regierung kann abgewählt und durch eine andere ersetzt werden. Das ist ein normaler demokratischer Vorgang. Das Wort «Regimewechsel» hingegen legt für viele Menschen die Assoziation mit einem grundlegenderen Bruch nahe – mit dem Ende einer politischen Ordnung, die als autoritär oder illegitim verstanden wird.

Johanna Di Blasi antwortete zunächst, man könne durchaus «Regierungswechsel» sagen; sie habe mit «Regimewechsel» auf eine mögliche Veränderung der politischen Machtverhältnisse und der politischen Ausrichtung hinweisen wollen. «Regierungswechsel» sei hier wohl der präzisere Begriff. Später ergänzte sie, sie habe «Regimewechsel» bewusst und mit all seinen Implikationen gewählt.

Genau das machte meine Nachfrage für mich relevant. Wenn ein Wort solche Assoziationen weckt, dann ist seine Wahl nicht nebensächlich. Man kann bewusst provozieren, man kann einen Begriff bewusst zuspitzen. Aber dann darf man auch fragen, was diese Zuspitzung bewirkt.

Mir ging es nicht darum, Johanna Di Blasi die Verwendung eines politikwissenschaftlich möglichen Begriffs zu verbieten. Ich wollte wissen, weshalb sie ausgerechnet an diesem Tag dieses Wort wählte.

Natürlich kann man über Begriffe diskutieren. Und selbstverständlich darf eine Autorin bewusst ein stärkeres Wort wählen, um eine politische Veränderung zu beschreiben. Aber genau deshalb darf man doch fragen, welche Wirkung ein solches Wort entfaltet – gerade an einem Wahltag, an dem die Bevölkerung eines Landes über ihre politische Führung entscheidet.

Mich interessiert, was Sprache mit unseren Wahrnehmungen macht. Wörter beschreiben nicht einfach die Wirklichkeit. Sie rahmen sie, setzen Akzente und wecken Assoziationen. Wer sich öffentlich mit Politik beschäftigt, sollte sich dieser Wirkung bewusst sein. Das ist keine Unterstellung einer bösen Absicht. Es ist eine Frage journalistischer und sprachlicher Verantwortung.

Ein Film, mehrere Perspektiven – und die Frage nach dem, was fehlt

Die Dokumentation «NAZA» von Yuval Abraham und Rachel Szor beschäftigt sich mit der israelischen Militärführung und dem Einsatz technischer Systeme zur Zielauswahl im Gazastreifen. Sie stellt Fragen nach künstlicher Intelligenz, militärischen Entscheidungsprozessen, den dabei in Kauf genommenen zivilen Opfern und der Verantwortung für die Folgen dieser Entscheidungen.

Das sind wichtige Fragen. Sie müssen gestellt werden. Dass israelische Stimmen Vorgänge innerhalb des israelischen Militärs kritisieren und öffentlich machen, ist dabei von besonderer Bedeutung. Aber eine Dokumentation ist immer auch eine Auswahl: Sie entscheidet, welche Menschen sprechen, welche Fragen gestellt werden, welche Zusammenhänge sichtbar werden und welche Perspektiven fehlen.

In der Diskussion wurde auch die Gegendarstellung «NAZA: The Real Story» ins Spiel gebracht. Es wurde auf diesen Gegenfilm verwiesen, der Aussagen und Darstellungen aus «NAZA» infrage stellt und andere Sichtweisen auf das militärische Geschehen präsentiert. Daraus entwickelte sich eine Auseinandersetzung darüber, wer eigentlich das Recht oder die nötige Kenntnis habe, über diesen Krieg zu sprechen, und wessen Darstellung glaubwürdig sei.

Luca Di Blasi wandte ein, dass in «NAZA» ausschliesslich Israelis zu Wort kämen. Wenn man eine einzelne Perspektive kritisiere, müsse man doch auch fragen, wo die palästinensischen Stimmen blieben.

Grundsätzlich halte ich diese Frage für berechtigt. Wer über Gaza spricht, sollte Palästinenserinnen und Palästinenser nicht bloss als Opfer darstellen, über die andere sprechen, sondern ihnen selbst zuhören. Doch eine Perspektive allein aufgrund der Staatsangehörigkeit der Sprechenden zu bestimmen, ist mir zu wenig. Israel ist keine homogene Gesellschaft. Es gibt dort sehr unterschiedliche politische Positionen, auch unter Jüdinnen und Juden, auch innerhalb des Militärs und auch unter Menschen, die den Krieg kritisieren.

Wenn eine israelische Stimme die eigene Regierung oder das eigene Militär kritisiert, ist das nicht automatisch die Stimme Israels insgesamt. Ebenso wenig gibt es eine einzige jüdische Perspektive. Man muss nicht lange suchen, um jüdische Menschen und Organisationen zu finden, die sich entschieden gegen die Politik der israelischen Regierung stellen. Norman Finkelstein oder Jewish Voice for Peace sind nur zwei Beispiele für unterschiedliche jüdische Stimmen und Positionen – würde man diese zwei als «die israelische/jüdische Position» rahmen, dürfte es Israel gar nicht geben.

Die Frage nach fehlenden palästinensischen Perspektiven ist wichtig. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass die israelischen Stimmen in «NAZA» als eine Art einheitliche nationale Perspektive behandelt werden. Und sie beantwortet noch nicht die Frage, welche palästinensischen Stimmen wir hören wollen – und welche wir möglicherweise lieber nicht hören.

Welche palästinensischen Stimmen passen in unser Bild?

Bei meiner Beschäftigung mit der Diskussion bin ich auf die öffentlichen Beiträge von Ahmed Fouad Alkhatib und Hamza Howidy gestossen. Beide äussern sich zur Situation der Palästinenserinnen und Palästinenser, beide kritisieren israelische Politik und Gewalt, und beide setzen sich zugleich kritisch mit Hamas auseinander.

Alkhatib schreibt über die israelische Demokratie, ihre Widersprüche und ihre erheblichen Probleme. Er verschweigt weder Rassismus noch die Fehler und Ungerechtigkeiten, die es in Israel gibt. Zugleich hält er daran fest, dass Israel innerhalb seiner international anerkannten Grenzen eine lebendige Demokratie mit Bürgerinnen und Bürgern unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft ist und dass die Vorstellung eines jüdischen und demokratischen Israel grundsätzlich legitim ist.

Das ist eine Position, die sich nicht einfach in die Schublade «pro-israelisch» oder «pro-palästinensisch» stecken lässt. Sie verbindet Kritik mit der Anerkennung politischer Realitäten, die in manchen Debatten kaum noch gemeinsam gedacht werden.

Alkhatib kritisiert auch die Gewalt von Hamas und die Vorstellung, bewaffneter Widerstand sei unabhängig von seinen Folgen grundsätzlich eine Form der Befreiung. In seinen Beiträgen beschreibt er, wie Angriffe auf israelische Zivilisten und Soldaten weitere militärische Gewalt gegen Palästinenser nach sich ziehen können. Zugleich verurteilt er es ausdrücklich, wenn ganze Bevölkerungsgruppen für die Taten Einzelner bestraft werden. Dass Israel auf einen Angriff reagiert, bedeutet für ihn nicht, dass jede Reaktion gerechtfertigt wäre.

Er berichtet ausserdem über Einschüchterung, Misshandlung und Unterdrückung von Menschen in Gaza, die Hamas kritisieren. In anderen Beiträgen beschäftigt er sich mit der Frage, weshalb palästinensische Stimmen, die sich gegen Hamas wenden, im westlichen Diskurs weniger Gehör finden als israelische Stimmen, die das eigene Militär kritisieren.

Besonders nachdenklich machte mich ein Beitrag, in dem er eine Art Gegenstück zu «NAZA» vorschlägt: eine palästinensische Dokumentation über Hamas, über den Einsatz ziviler Infrastruktur für militärische Zwecke, über den Umgang mit Hilfsgütern, über Folter und über die Folgen der Kriegsführung für die Menschen in Gaza. Er fragt, ob diejenigen, die eine israelische Dokumentation über das eigene Militär begrüssen, einer solchen palästinensischen Dokumentation mit derselben Offenheit begegnen würden. Würden sie palästinensischen Stimmen, die Hamas kritisieren, ebenso bereitwillig glauben wie israelischen Stimmen, die das israelische Militär kritisieren?

Alkhatib stellt selbst klar, dass es ihm nicht darum geht, «NAZA» und einen hypothetischen Film über Hamas eins zu eins gleichzusetzen. Sein Punkt ist vielmehr die Frage, welchen Stimmen wir Glaubwürdigkeit zugestehen und welche Kritik in unsere politischen Deutungsmuster passt.

Ich bin natürlich keine Hellseherin. Aber ich habe das Gefühl, dass ein solcher Film auf weit weniger Enthusiasmus stossen würde als «NAZA». Die israelische Armee ist in der gegenwärtigen Stimmung ein «besseres» Ziel: Ihre Kritik lässt sich in bestimmten politischen Milieus leichter in ein bestehendes Weltbild einordnen. Eine palästinensische Stimme, die sich gegen Hamas richtet, kann dagegen unbequem werden, gerade wenn sie nicht zugleich die erwartete politische Erzählung bestätigt.

Das bedeutet nicht, dass niemand einen solchen Film sehen oder ernst nehmen würde. Es ist eine Frage, die ich mir stelle: Sind wir wirklich gleichermassen bereit, auch jenen Menschen zuzuhören, deren Erfahrungen und Aussagen unsere eigenen Überzeugungen infrage stellen?

Auch Hamza Howidy, ein palästinensischer Aktivist, spricht über die Lebensbedingungen in Gaza und im Westjordanland, über Siedlergewalt, Vertreibung und die schwierige humanitäre Lage. Er fordert, dass Deutschland seinen politischen Einfluss nutzt, um Gewalt und Besatzung entgegenzutreten. Zugleich begrüsste er einen Wahlprozess in Deir al-Balah, bei dem eine alternative Liste erfolgreich war. Er deutete das Ergebnis als Zeichen dafür, dass Menschen in Gaza nach politischen Alternativen zu Hamas suchen, die ihr Leben verbessern, statt sie immer wieder zu Opfern einer politischen und militärischen Strategie zu machen.

Auch Howidy äussert sich kritisch über Missstände innerhalb der palästinensischen Gesellschaft und über Hamas. Seine Position ist deshalb nicht weniger palästinensisch. Seine Kritik an Hamas macht ihn nicht zum Verteidiger der israelischen Regierung. Umgekehrt macht die Kritik an Israel niemanden automatisch zum Unterstützer von Hamas.

Wenn wir wirklich an den Menschen interessiert sind, um die es in dieser Debatte geht, müssen wir auch jene Stimmen hören wollen, die nicht in unser politisches Raster passen.

Die Diskussion, die keine wurde

Unter Di Blasis Artikel und in den anschliessenden Diskussionen wurde viel geschrieben. Es gab Zustimmung, Widerspruch, persönliche Erfahrungen, politische Einordnungen und gegenseitige Vorwürfe. Einige Kommentierende lobten den Film und seine Darstellung der menschlichen Abgründe der IDF die sich im Krieg zeigen, und dass man nun die zivilen Opfer nicht mehr nur der Hamas in die Schuhe schieben konnte. Andere verwiesen auf die Verantwortung von Hamas, auf die Vorgeschichte des Krieges oder auf die Notwendigkeit, auch Gegenpositionen ernst zu nehmen.

Verena Mühlethaler, Pfarrerin an der Offenen Kirche St. Jakob in Zürich, betonte die Bedeutung interreligiöser Begegnungen und verwies auf Veranstaltungen, bei denen jüdische, muslimische und christliche Stimmen zu Wort gekommen seien. Als ich meine Wahrnehmung der Kirche ansprach, reagierte sie mit dem Vorwurf, ich verbreite haltlose Diffamierungen.

Meine Einschätzung der Kirche beruht nicht auf einer umfassenden eigenen Untersuchung ihrer Arbeit. Sie ist durch Berichte von anderen Pfarrpersonen sowie Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft geprägt, die mir von ihren Erfahrungen mit pro-palästinensischen Aktivistinnen und Aktivisten sowie mit bestimmten Veranstaltungen und Vorgängen in Zürich erzählt haben.

Dass Mühlethaler auf interreligiöse Veranstaltungen und Begegnungen verwies, beantwortete für mich nicht die Frage, die ich aufgeworfen hatte: Wie werden die Erfahrungen jüdischer Menschen wahrgenommen, die solche Zusammenhänge anders erlebt haben? Dass eine Institution Begegnungen ermöglicht, schliesst nicht aus, dass Menschen sich von bestimmten politischen Haltungen oder Umgangsformen ausgeschlossen, gar bedroht fühlen. Beides kann nebeneinander bestehen. Darüber müsste man sprechen können.

Auch Luca Di Blasi, den ich aus einem Pasolini-Seminar an der Universität kannte, erlebte ich in dieser Diskussion anders, als ich ihn in Erinnerung hatte. Damals hatte ich ihn als freundlichen, offenen Menschen wahrgenommen, der Diskussionen zuliess und sich auf unterschiedliche Perspektiven einliess.

Schon im vorherigen Verlauf der Facebook-Diskussion hatte mich sein Auftreten irritiert – auch in den Auseinandersetzungen mit anderen Beteiligten, darunter einem Freund von mir. Ich nahm ihn zunehmend als konfrontativ und auf formale Fragen konzentriert wahr. Es erschien mir wie ein Ausweichen, statt ein Eingehen auf die gestellten Fragen und Äusserungen. Was war geschehen?

Als ich mich selbst zu Wort meldete, war diese Irritation also bereits da. In unserem Austausch hatte ich zunehmend den Eindruck, dass sich die Diskussion an der Frage festmachte, ob ich richtig gelesen und argumentiert hätte, während mein eigentliches Anliegen aus dem Blick geriet.

Professor Luca Di Blasi warf mir vor, einen Strohmann zu konstruieren, unsauber zu lesen und rhetorische Tricks zu verwenden. Ich versuchte zu erklären, wie ich seine Aussage verstanden hatte: Wenn er schrieb, die Perspektive von «NAZA» sei die von Israelis, weil ausschliesslich Israelis zu Wort kämen, hatte ich das als eine grundsätzliche Einordnung des Films nach der Nationalität seiner Stimmen gelesen. Er erklärte daraufhin, dass er sich auf den Einwand bezogen habe, der Film zeige nur eine Perspektive: Wenn man das kritisiere, müsse man auch nach palästinensischen Stimmen fragen.

Als Luca Di Blasi mir vorwarf, einen Strohmann zu konstruieren, unsauber zu lesen und rhetorische Tricks anzuwenden, traf mich das auf eine Weise, die sich im Nachhinein nur schwer beschreiben lässt. Denn «unredlich» ist für mich kein harmloser Vorwurf. Das Wort liegt nahe an Lüge und Unwahrhaftigkeit. Wer unredlich argumentiert, verdreht nicht bloss etwas oder irrt sich. Wer rhetorische Tricks anwendet, erweckt den Eindruck, absichtlich mit unfairen Mitteln zu arbeiten. Bei mir kam deshalb nicht an: Du hast etwas falsch verstanden. Bei mir kam an: Du bist eine Schwindlerin, eine Schummlerin, eine Lügnerin. Du arbeitest mit Tricks, statt ehrlich zu argumentieren.

All das, was eine Pfarrerin nicht sein sollte.

Ich unterstelle Luca Di Blasi nicht, dass er mich tatsächlich für eine Lügnerin hielt oder mir all das bewusst sagen wollte. Ich beschreibe, was seine Vorwürfe bei mir auslösten. Und das war heftig.

Dazu kam seine Bemerkung, von jemandem, der studiert habe, müsse man doch erwarten können, richtig zu lesen. Auch hier weiss ich, was er wörtlich gesagt hat, und ich weiss, was ich darin gehört habe. Ich behaupte nicht, dass er mich ausdrücklich dumm genannt hat. Aber in meinem inneren Ohr klang die unausgesprochene Frage mit: Wie kann jemand wie du überhaupt studiert haben, wenn du nicht einmal richtig lesen kannst?

Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr einfach als jemand, der eine Aussage anders verstanden hatte und darüber diskutieren wollte. Ich fühlte mich gleichzeitig als intellektuell unfähig und als moralisch unredlich hingestellt. Dumm und unehrlich. Unsauber, ungehobelt, unfein. Als hätte ich nicht nur einen Fehler gemacht, sondern würde grundsätzlich nicht wissen, wie man sich anständig und redlich an einer Diskussion beteiligt.

Vielleicht hätte ich an einzelnen Stellen anders formulieren können. Vielleicht war ich zu scharf, zu spitz oder zu konfrontativ. Ich bin durchaus bereit, mir diese Fragen zu stellen. Aber ich möchte einen Unterschied machen dürfen zwischen einer Formulierung, die zu scharf geraten ist, einem Argument, das auf einem Missverständnis beruht, und dem Vorwurf, jemand argumentiere unredlich. Man kann sich irren, ohne zu lügen. Man kann etwas falsch lesen, ohne absichtlich zu verdrehen. Und man kann einen Gedanken zugespitzt formulieren, ohne jemanden täuschen zu wollen.

Was mich so verletzt hat, war deshalb nicht einfach der Widerspruch. Es war das Gefühl, dass nicht nur mein Argument zurückgewiesen wurde, sondern dass meine intellektuelle Fähigkeit und meine persönliche Redlichkeit infrage standen. Ich wollte über eine Aussage diskutieren. Am Ende hatte ich das Gefühl, mich gegen ein Urteil über meine Person verteidigen zu müssen.

Vielleicht hat mich das auch deshalb so getroffen, weil ich Luca Di Blasi aus einem anderen Zusammenhang kannte. Ich hatte ihn in einem Pasolini-Seminar als freundlichen, offenen Menschen erlebt, der Diskussionen zuliess und sich auf unterschiedliche Perspektiven einliess. Nun erlebte ich die Auseinandersetzung anders. Und ich hatte nicht nur das Gefühl, dass wir aneinander vorbeiredeten. Ich fühlte mich von oben herab behandelt – und verstand nicht, wie es zu dieser Veränderung meines Bildes von ihm gekommen war.

Die Stille ist nicht immer Schweigen

Was mich an diesem gesamten Verlauf am meisten beschäftigt, ist nicht, dass die Beteiligten unterschiedlicher Meinung waren. Das sollten sie sein dürfen. Es ist auch nicht, dass niemand meine Position übernehmen musste. Darum ging es mir nie.

Mich beschäftigte vielmehr der Eindruck, dass echtes Zuhören kaum stattfand. Bei Johanna Di Blasi hatte ich nicht das Gefühl, dass die Einwände und Fragen, die an sie gerichtet wurden, wirklich aufgenommen wurden. Bei Luca Di Blasi schien mir die Diskussion zunehmend auf Formalia und die Frage nach der korrekten Argumentationsweise auszuweichen. Bei Mühlethaler hatte ich den Eindruck, dass meine Kritik mit einem Verweis auf die eigene interreligiöse Arbeit und dem Vorwurf der Diffamierung abgewehrt wurde. Und dort, wo Menschen den Artikel ohnehin unterstützten, nahm ich eher gegenseitige Bestätigung als eine offene Auseinandersetzung wahr.

Das sind meine Wahrnehmungen. Ich kann nicht wissen, was die anderen innerlich bereit waren zu hören. Aber ich kann sagen, wie der Austausch bei mir ankam: Ich fühlte mich nicht wirklich gehört.

Dabei muss eine Diskussionsverweigerung nicht laut sein. Sie muss nicht in Beschimpfungen bestehen. Man kann höflich bleiben und trotzdem aneinander vorbeireden. Man kann lange antworten, ohne auf die eigentliche Frage einzugehen. Man kann sich an der Form einer Äusserung abarbeiten, während ihr Inhalt unbeantwortet bleibt. Und man kann sich gegenseitig bestätigen, ohne sich je ernsthaft mit den Einwänden der anderen Seite auseinanderzusetzen.

Ich kenne solche Erfahrungen auch aus anderen politischen Zusammenhängen, darunter pro-palästinensischen und linksrevolutionären Aktivistenkreisen in Zürich. Dort habe ich Beschimpfungen erlebt, die weit über eine sachliche Auseinandersetzung hinausgehen. Noch gestern oder vorgestern wurde ich als «Nazi-Schlampe» bezeichnet. In der Diskussion um Di Blasis Artikel ist mir das nicht passiert. Das ist ein Unterschied, und ich bin froh darüber.

Aber das bedeutet nicht, dass dort, wo keine solchen Beschimpfungen fallen, automatisch ein gutes Gespräch stattfindet. Wenn ich mich erklären muss, ohne dass meine Erklärung aufgenommen wird, wenn meine Einwände abgewehrt werden oder sich die Diskussion auf die Frage verengt, ob ich überhaupt richtig argumentiere, dann bleibt am Ende ebenfalls das Gefühl, nicht wirklich mit meinem Gegenüber in Kontakt gekommen zu sein.

Ich hatte gehofft, gerade in diesen Kreisen könne man kontrovers diskutieren. Dass Menschen, die sich mit Politik, Theologie und gesellschaftlicher Verantwortung beschäftigen, unterschiedliche Perspektiven nicht nur dulden, sondern sich tatsächlich mit ihnen auseinandersetzen. Dass man Widerspruch nicht sofort als Angriff auf die eigene moralische Integrität versteht. Dass man einander fragen kann: «Habe ich dich richtig verstanden?» – und die Antwort dann auch hören will.

Vielleicht war das eine zu grosse Erwartung.

Wenn man irgendwann nicht mehr weiterreden möchte

Ich bin müde. Nicht nur von dieser einen Diskussion, sondern von einer Art politischer Auseinandersetzung, in der man irgendwann kaum noch weiss, worüber man ursprünglich sprechen wollte.

Ich möchte nicht ständig beweisen müssen, dass ich es ernst meine, dass ich die richtigen Fragen stelle oder dass ich nicht absichtlich etwas verdrehe. Ich möchte nicht erst meine Zugehörigkeit zu einem politischen Lager klären müssen, bevor meine Argumente gehört werden. Und ich möchte nicht erleben, dass die Erfahrungen jüdischer Menschen in einer Diskussion über Israel und Palästina zwar dann willkommen sind, wenn sie ins eigene Bild passen, aber als Diffamierung gelten, sobald sie dieses Bild irritieren.

Ich weiss, dass auch ich Teil solcher Dynamiken sein kann. Ich kann mich im Ton vergreifen, zu schnell einen Zusammenhang sehen oder eine Aussage anders verstehen, als sie gemeint war. Ich bin bereit, darüber nachzudenken. Aber diese Bereitschaft kann nicht nur von einer Seite verlangt werden.

Manchmal komme ich mir vor wie Data oder Spock: Ich nehme Aussagen ernst, versuche, sie logisch miteinander in Beziehung zu setzen, suche nach Widersprüchen und möchte verstehen, wie jemand zu einer Schlussfolgerung kommt. Das heisst nicht, dass meine Schlussfolgerungen deshalb immer stimmen. Aber wenn ich eine Aussage wörtlich nehme und daraus eine Frage entwickle, wünsche ich mir eine Antwort auf diese Frage – nicht zuerst eine Bewertung meiner Fähigkeit, überhaupt richtig zu lesen.

Ich habe keine Lust mehr, mich in jeder dieser Diskussionen aufzureiben. Ich werde unter diesem Artikel nicht weiter kommentieren. Ich werde mich auch nicht noch einmal erklären, nur um vielleicht doch noch zu erreichen, dass jemand versteht, was ich eigentlich sagen wollte.

Sie können ihre politische, doch sehr laute Stille pflegen, ihre Positionen bekräftigen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Das ist ihre Entscheidung. Ich muss daran nicht weiter teilnehmen.

Das bedeutet nicht, dass mir die Themen egal geworden wären. Es bedeutet auch nicht, dass ich keine Argumente mehr hätte. Es bedeutet, dass ich meine Kraft nicht endlos in Gespräche investieren kann, in denen ich keine wirkliche Gesprächsbereitschaft mehr erkenne.

Was bleibt?

Johanna Di Blasi schrieb über die Stille nach einem Film. Mich beschäftigt inzwischen auch die Stille nach einer Diskussion. Es ist eine andere Art von Stille. Nicht die Stille, die entsteht, weil einen Bilder sprachlos machen oder weil man angesichts menschlichen Leids keine angemessenen Worte findet. Sondern die Stille, die eintritt, wenn man gesprochen, erklärt, widersprochen und nachgefragt hat – und irgendwann nicht mehr weiss, was man noch sagen soll.

Ich möchte nicht behaupten, dass jede politische Diskussion in Verständigung enden muss. Manche Gegensätze sind real. Manche Positionen sind unvereinbar. Und es gibt Grenzen, an denen Widerspruch notwendig ist. Zuhören bedeutet nicht, alles gleich gültig zu finden. Es bedeutet nicht, Gewalt zu relativieren oder Verantwortung zu verwischen. Es bedeutet zunächst nur, den anderen Menschen und das, was er tatsächlich sagt, ernst zu nehmen.

Vielleicht beginnt eine ernsthafte Auseinandersetzung genau dort, wo wir aufhören, einander zuerst in Lager einzuteilen. Wo wir nicht nur nach Stimmen suchen, die unsere eigene Sicht bestätigen, sondern auch jenen zuhören, die uns irritieren. Wo wir nicht nur fragen, wer sprechen darf, sondern auch, was wir bereit sind zu hören.

Ich weiss nicht, ob diese Diskussion noch dorthin hätte führen können. Ich weiss nur, dass ich sie so nicht erlebt habe.

Und deshalb ziehe ich mich jetzt zurück. Nicht, weil ich nichts mehr zu sagen hätte. Sondern weil ich nicht mehr allein versuchen möchte, aus einer Reihe von Stellungnahmen ein Gespräch zu machen.

Die Stille, die danach bleibt, ist keine Zustimmung. Sie ist auch keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Grenze dessen, was ich in diesem Moment noch geben kann.

Und vielleicht ist das die traurigste Erkenntnis dieser ganzen Auseinandersetzung: dass Menschen so viel über Menschlichkeit, Gerechtigkeit und das Recht sprechen können, gehört zu werden – und trotzdem das Gefühl hinterlassen, dass für das wirkliche Zuhören kaum noch Platz ist.



So kann sich jeder selbst ein Bild machen davon, was ich gesagt, kommentiert habe – ja, vielleicht war ich zu spitz. Errare humanum est.

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