„Versöhnung üben.“ Das klingt zunächst ein bisschen merkwürdig.
Man kann Klavier üben.
Man kann einen neuen Tanzschritt üben.
Man kann eine Sprache üben.
Man kann sogar Geduld üben – obwohl das manchmal schon ziemlich anspruchsvoll ist.
Aber Versöhnung? Kann man Versöhnung wirklich üben?
Ich glaube: Ja.
Denn Versöhnung ist nicht einfach etwas, das irgendwann plötzlich passiert. Sie ist nicht der magische Moment, in dem zwei Menschen einander anschauen, sich in die Arme fallen und alle Probleme sind verschwunden.
So funktioniert das Leben meistens nicht.
Versöhnung ist oft viel unspektakulärer.
Sie kann mit einem Satz beginnen.
Mit einem Anruf.
Mit dem Mut, zuzuhören.
Mit einem „Das habe ich so nicht gemeint.“
Oder mit einem „Da habe ich mich geirrt.“
Manchmal sogar mit einem Satz, der noch kleiner ist:
„Können wir noch einmal darüber reden?“
Der Hebräerbrief schreibt1:
„Darum strafft die erschlafften Hände und die erlahmten Knie und zieht eine gerade Spur mit euren Füssen, damit was lahm ist, sich nicht auch noch verrenkt, sondern vielmehr geheilt wird.“
Ich mag dieses Bild.
Denn es beginnt nicht mit Schuld.
Es beginnt mit Erschöpfung.
Da sind Hände, die erschlafft sind.
Da sind Knie, die nicht mehr tragen.
Da ist jemand vielleicht einfach müde geworden.
Müde vom Streit.
Müde vom Erklären.
Müde davon, immer wieder dieselbe Geschichte erzählen zu müssen.
Müde davon, auf einen Schritt des anderen zu warten.
Und vielleicht kennen wir das.
Manche Konflikte sind irgendwann gar keine heftigen Auseinandersetzungen mehr.
Man redet einfach nicht mehr miteinander.
Man setzt sich bei Familienfesten möglichst weit auseinander.
Man weiss genau, welche Themen man besser nicht anspricht.
Man hat gelernt, wo die unsichtbaren Minen liegen.
Und irgendwann nennt man das vielleicht Frieden.
Aber es ist eher ein Waffenstillstand.
Der Hebräerbrief sagt: Schaut hin.
„Was lahm ist, soll sich nicht auch noch verrenken, sondern vielmehr geheilt werden.“
Das ist ein erstaunlich behutsamer Satz.
Da wird nicht gesagt: Reiss dich zusammen!
Da wird nicht gesagt: Du musst jetzt endlich vergeben!
Da wird nicht gesagt: Wenn du nur genug glaubst, wird schon alles wieder gut.
Da steht:
Es soll geheilt werden.
Heilung ist etwas anderes als Zwang.
Und vielleicht ist das eine wichtige Botschaft für diesen Bettag.
Denn gerade das Wort „Busse“ kann uns Angst machen.
Busse.
Manche hören darin noch immer eine Stimme, die sagt:
Du hast etwas falsch gemacht.
Du bist schuld.
Du musst es bereuen.
Du musst dich ändern.
Du musst es wiedergutmachen.
Und wenn du das nicht tust, dann …
Aber so möchte ich heute nicht über Busse sprechen.
Vielleicht können wir Busse einmal anders verstehen.
Nicht als Selbstbestrafung.
Sondern als Umkehr.
Im Judentum gibt es dafür das Wort Teshuvah. Es kommt von shuv – sich wenden, umkehren, zurückkehren.
Das gefällt mir an diesem Wort: Es beschreibt zunächst eine Bewegung. Eine Richtung.
Teshuvah bedeutet nicht zuerst:
Ich muss mich jetzt lange genug schuldig fühlen.
Sondern:
Ich kann mich wenden. Ich kann einen anderen Weg einschlagen.
Vielleicht habe ich mich verrannt.
Vielleicht habe ich jemanden verletzt.
Vielleicht habe ich mich selbst verletzt.
Vielleicht habe ich etwas immer wieder getan, obwohl ich längst gemerkt habe, dass es mir und anderen nicht guttut.
Und vielleicht darf ich dann die Richtung verändern.
Nicht aus Angst.
Sondern weil ein anderer Weg möglich ist.
Der Hebräerbrief sagt:
„Zieht eine gerade Spur mit euren Füssen.“
Das ist für mich eines der schönsten Bilder dieses Textes.
Wir können nicht immer bestimmen, was hinter uns liegt.
Aber wir können beeinflussen, welchen Schritt wir als Nächstes tun.
Und das ist vielleicht überhaupt das Wichtigste an Versöhnung:
Wir müssen nicht heute unser ganzes Leben in Ordnung bringen.
Wir müssen nicht jeden alten Konflikt lösen.
Wir müssen nicht mit allen Menschen wieder gut Freund werden.
Wir müssen nicht einmal jede Beziehung retten.
Aber wir können uns fragen:
Was ist mein nächster Schritt?
Vielleicht ist es ein Gespräch.
Vielleicht ist es eine Entschuldigung.
Vielleicht ist es ein ehrliches Eingeständnis:
„Ich weiss nicht, wie wir das lösen können.“
Vielleicht ist es auch eine Grenze.
Denn Frieden bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen.
Versöhnung bedeutet nicht, dass Unrecht plötzlich kein Unrecht mehr ist.
Und Vergebung bedeutet nicht, dass wir so tun müssen, als sei nichts geschehen.
Manchmal kann der friedliche Schritt sogar darin bestehen, Abstand zu halten.
Manchmal ist es nicht gut, eine Tür wieder zu öffnen.
Manchmal ist der erste Schritt zur Heilung gerade der, sich selbst zu schützen.
Auch das kann eine gerade Spur sein.
Der Hebräerbrief sagt:
„Dem Frieden jagt nach mit allen.“
Dem Frieden nachjagen.
Auch das ist ein interessantes Bild.
Frieden sitzt nicht gemütlich auf dem Sofa und wartet darauf, dass wir irgendwann vorbeikommen.
Man muss ihm nachgehen.
Manchmal hinterherlaufen.
Und manchmal ist er verdammt schnell.
Aber Frieden ist hier nicht einfach ein Gefühl.
Frieden ist eine Haltung.
Eine Praxis.
Etwas, das wir einüben.
Und hier lohnt sich noch ein Blick auf das hebräische Wort für Frieden:
Schalom.
Schalom meint viel mehr als das Schweigen der Waffen.
Und auch mehr als das Ende eines Streits.
Schalom meint umfassendes Wohlergehen, Ganzheit und Heilsein. Dass Beziehungen ihren guten Ort finden. Dass Menschen sicher leben können. Dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammengehören. Dass Menschen genug zum Leben haben und nicht auf Kosten anderer leben müssen.
Darum ist Frieden nicht einfach:
Wir streiten nicht mehr.
Frieden ist die Frage:
Wie können wir so miteinander leben, dass Leben aufblühen kann?
Das macht die Sache anspruchsvoller.
Aber auch schöner.
Denn dann können wir Frieden nicht nur dort suchen, wo gerade ein Streit eskaliert.
Wir können ihn überall dort suchen, wo Leben gelingen soll.
In unseren Familien.
In unserer Gemeinde.
In unseren Nachbarschaften.
In unserem Land.
In unserem Umgang mit Menschen, die anders denken, anders leben oder andere Erfahrungen gemacht haben als wir.
Wir üben, zuzuhören.
Wir üben, nicht jedes Wort sofort zurückzugeben.
Wir üben, einen Menschen nicht auf seinen schlimmsten Moment festzulegen.
Wir üben, unsere eigenen Fehler anzuschauen, ohne uns selbst dafür zu verachten.
Wir üben, eine Grenze zu ziehen, ohne den anderen zum Monster machen zu müssen.
Wir üben, miteinander zu reden, auch wenn wir verschiedener Meinung sind.
Und manchmal üben wir sogar das Schwerste:
Wir üben, nicht alles sofort lösen zu müssen.
Denn manche Wunden brauchen Zeit.
Manche Beziehungen brauchen Abstand.
Manche Entschuldigungen brauchen Jahre.
Und manche Dinge werden in diesem Leben vielleicht nicht mehr vollständig heil.
Auch das gehört zur Wahrheit.
Der Text spricht dann von einem „bitteren Schössling“, der aufschiesst und viele anstecken kann.
Bitterkeit beginnt oft ganz klein.
Ein Satz.
Eine Enttäuschung.
Eine Ungerechtigkeit.
Ein Gefühl von:
Das werde ich dir niemals vergessen.
Und wenn wir nicht aufpassen, wächst daraus etwas.
Es wächst in uns.
Und irgendwann sprechen wir vielleicht gar nicht mehr nur über das, was uns geschehen ist.
Wir beginnen, aus unserer Verletzung heraus andere Menschen zu sehen.
Nicht mehr als einzelne Menschen, sondern als Vertreterinnen und Vertreter dessen, was uns verletzt hat.
Dann wird aus einer Wunde eine Weltanschauung.
Aus einer Enttäuschung wird Misstrauen.
Aus einem Streit wird Feindschaft.
Und aus einem Menschen, der uns verletzt hat, wird irgendwann „die andere Seite“.
Das ist der bittere Schössling.
Aber auch hier sagt der Text nicht:
Schämt euch, wenn ihr bitter seid!
Denn Bitterkeit entsteht nicht aus dem Nichts.
Sie hat oft eine Geschichte.
Manche Menschen sind bitter geworden, weil sie sehr viel ertragen mussten.
Manche, weil ihnen Unrecht geschehen ist.
Manche, weil sie immer wieder enttäuscht wurden.
Deshalb dürfen wir auch hier nicht mit dem Zeigefinger kommen.
Wir können vielmehr fragen:
Was mache ich mit dem, was mir geschehen ist?
Kann ich verhindern, dass meine Verletzung das nächste Opfer sucht?
Kann ich dafür sorgen, dass das, was mir wehgetan hat, nicht einfach durch mich weiterwandert?
Vielleicht ist auch das eine Form von Versöhnung.
Nicht unbedingt mit dem Menschen, der mich verletzt hat.
Sondern mit meinem eigenen Leben.
Damit das, was geschehen ist, nicht für immer bestimmen muss, wie ich auf die Welt schaue.
Und dann kommt in unserem Text Esau.
Eine ziemlich komplizierte Geschichte.
Esau und Jakob – zwei Brüder, zwischen denen Betrug, Konkurrenz und Verletzung stehen.
Und der Hebräerbrief erzählt diese Geschichte ziemlich hart.
Doch wenn wir die Geschichte im Buch Genesis lesen, merken wir:
So einfach ist sie nicht.
Jakob ist nicht einfach der Gute.
Esau ist nicht einfach der Böse.
Beide sind Menschen.
Beide sind verletzt.
Beide haben einander etwas angetan.
Und irgendwann begegnen sie sich wieder.
Ich finde gerade das interessant.
Denn Versöhnung in der Bibel bedeutet nicht immer:
Alle haben alles richtig gemacht.
Alle verstehen sich wieder.
Alle vergessen, was gewesen ist.
Es kann auch bedeuten:
Wir begegnen einander neu.
Mit unserer Geschichte.
Mit unseren Wunden.
Mit dem, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Und vielleicht ist das näher an unserem Leben als die Vorstellung einer perfekten Versöhnung.
Wir alle kennen Dinge, die wir nicht mehr ändern können.
Worte, die gesagt wurden.
Entscheidungen, die getroffen wurden.
Menschen, die wir verletzt haben.
Menschen, von denen wir verletzt wurden.
Wir können die Vergangenheit nicht zurückholen.
Aber vielleicht können wir verhindern, dass sie unsere Zukunft vollständig bestimmt.
Und vielleicht ist genau das Busse:
Nicht:
Ich muss mich jetzt schuldig genug fühlen.
Sondern:
Ich darf einen neuen Schritt machen.
Einen Schritt in eine andere Richtung.
Einen Schritt weg von dem, was mich und andere immer wieder verletzt.
Einen Schritt hin zu mehr Wahrheit.
Mehr Barmherzigkeit.
Mehr Gerechtigkeit.
Mehr Frieden.
Das ist kein Zwang.
Es ist eine Einladung.
Und vielleicht ist das auch der Grund, warum wir heute Abendmahl feiern.
Wir kommen nicht an den Tisch, weil wir alles geklärt hätten.
Wir kommen nicht, weil wir perfekte Menschen wären.
Wir kommen nicht, weil wir unsere Schuld und unsere Konflikte bereits ordentlich aufgeräumt hätten.
Wir kommen mit dem, was ist.
Mit unseren Beziehungen.
Mit unseren Verletzungen.
Mit unserer Sehnsucht nach Frieden.
Mit dem, was wir nicht mehr reparieren können.
Und mit dem, was vielleicht doch noch möglich ist.
Wir empfangen Brot.
Wir empfangen Wein.
Wir empfangen Gottes Gnade.
Nicht als Belohnung für gelungene Versöhnung.
Sondern als Nahrung für den Weg.
Vielleicht ist das die schönste Antwort auf unseren Text:
Wir müssen nicht den ganzen Weg kennen.
Wir müssen nicht heute alles heilen.
Wir müssen nicht alles vergeben, weil jemand es von uns verlangt.
Wir dürfen den nächsten Schritt suchen.
Den einen Schritt.
Die gerade Spur.
Vielleicht einen Schritt auf einen Menschen zu.
Vielleicht einen Schritt von etwas weg.
Vielleicht einen Schritt auf Gott zu.
Vielleicht einfach einen Schritt aus der Erschöpfung heraus.
„Dem Frieden jagt nach mit allen.“
Schritt für Schritt.
Nicht perfekt.
Nicht immer erfolgreich.
Aber immer wieder.
Wir üben.
Und vielleicht ist das genug für heute:
Nicht alles versöhnen.
Nicht alles verstehen.
Nicht alles wiedergutmachen können.
Aber uns wenden.
Einen Schritt in eine neue Richtung.
Shuv.
Und dann weitergehen – auf einen Frieden zu, der mehr ist als die Abwesenheit von Streit.
Schalom.
Ein Frieden, in dem Leben Raum bekommt.
Ein Frieden, in dem Menschen aufatmen können.
Ein Frieden, den wir nicht herstellen müssen,
als läge alles an uns –
sondern den wir suchen, üben und empfangen dürfen.
Und vielleicht beginnt dieser Weg genau hier:
an diesem Tisch,
mit Brot und Wein,
mit offenen Händen,
und mit der Gewissheit:
Gottes Gnade ist grösser als das, was zwischen uns steht.
Amen.
- Hebräer 12, 12-17
12Darum strafft die erschlafften Hände und die erlahmten
Knie 13und zieht eine gerade Spur mit euren Füssen, damit
was lahm ist, sich nicht auch noch verrenkt, sondern
vielmehr geheilt wird.
14Dem Frieden jagt nach mit allen und der Heiligung, ohne
die niemand den Herrn schauen wird.
15Gebt acht, dass niemand hinter der Gnade Gottes
zurückbleibt, dass nicht ein bitterer Schössling
aufschiesst und eine Plage wird und viele durch ihn
angesteckt werden 16und, dass kein Unzüchtiger oder
Gottloser unter euch sei, einer wie Esau, der für ein
Einziges Essen sein Erstgeburtsrecht hergab.
17Ihr wisst ja, dass er verworfen wurde, als er hinterher den
Segen erben wollte, denn er fand keine Gelegenheit mehr
zur Umkehr, obwohl er sie unter Tränen suchte. ↩︎