„Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Röm 11,18)
Ich bin nicht Israelin im Sinne eines Passes – aber ich bin Teil von Am Yisrael. Ani bat Yisrael. Ich bin Jüdin mütterlicherseits, und nun in der reformierten Kirche: mit dieser Kirche verbunden und zugleich immer wieder irritiert. Ich bin Jüdin in einer christlichen Gemeinschaft, die mir immer wieder zur Heimat wurde – und mich ebenso oft ins Exil stellte.
Als Jüdin in der reformierten Kirche frage ich mich immer wieder: Was mache ich hier? Was gibt mir Halt, was raubt mir Vertrauen? Und dann veröffentlicht der Ökumenische Rat der Kirchen ein Dokument wie das aktuelle Statement zu Israel und Gaza – und es fällt mir wieder schwerer, Teil dieser Kirche zu sein.
Darum schreibe ich diesen Text. Aus theologischer Verantwortung. Aus intellektuellem Widerstand. Und aus persönlichem Schmerz.
1. Das Problem mit dem Schweigen: einseitige Moral unter frommen Vorzeichen
Das Dokument des ÖRK nennt vieles – aber eines nennt es nicht: den Terror der Hamas vom 7. Oktober. Nicht beim Namen, nicht in der Schwere, nicht in der Einordnung. Und damit beginnt das Problem. Wer einen solchen Angriff als „Kontext“ beschreibt, als „Ausbruch der Gewalt“ oder „Eskalation“, verschleiert die Realität: Der 7. Oktober war kein Kriegsausbruch. Er war ein Pogrom. Ein Angriff auf Zivilist:innen, verübt mit dem erklärten Ziel, Jüdinnen und Juden zu töten – nicht als Kollateralschaden, sondern als Programm.
Dass dieses Ereignis im Statement kaum Gewicht erhält, ist keine bloße redaktionelle Schwäche. Es ist Ausdruck eines theologischen und moralischen Defizits. Eine Kirche, die sich einseitig auf das Leiden der einen Seite konzentriert und das Leiden der anderen relativiert oder gar verschweigt, verliert ihre Glaubwürdigkeit – und steht weder auf der Seite der Opfer noch auf der der Gerechtigkeit.
2. Der Begriff der Besatzung: historisch unpräzise, politisch aufgeladen, theologisch verengt
Das Statement des ÖRK spricht von einer „anhaltenden israelischen Besatzung“. Dieser Begriff ist nicht nur politisch umkämpft – er ist auch theologisch problematisch, wenn er in dieser Undifferenziertheit verwendet wird. Gaza wird seit 2005 nicht mehr von Israel verwaltet, die israelische Armee ist vollständig abgezogen. Dass dennoch von „Besatzung“ die Rede ist, verkennt grundlegende Fakten. Und selbst im Westjordanland ist die Realität komplexer als eine simple Täter-Opfer-Zuordnung.
Theologisch gesehen geht es um mehr: Der Begriff „Besatzung“ wird in kirchlichen Kreisen oft zur Chiffre – nicht für konkrete politische Maßnahmen, sondern für ein umfassendes moralisches Urteil über Israel als Staat. Diese Pauschalisierung blendet die komplexe Geschichte und das existenzielle Trauma jüdischer Selbstbehauptung aus. Wer von „Besatzung“ spricht, muss auch über Sicherheitsbedenken, jüdische Lebensrealitäten, über arabische Staaten, den Rückzug aus Gaza und die Verweigerung der Zwei-Staaten-Lösung durch palästinensische Akteure sprechen. Tut man das nicht, wird der Begriff zum Instrument einseitiger Schuldzuweisung – und damit theologisch unbrauchbar.
3. Der Verlust theologischer Tiefe: Israel als Chiffre, nicht als Verheißung
Was in diesem Dokument des ÖRK auffällt, ist das völlige Fehlen einer ernsthaften theologischen Reflexion über die Bedeutung Israels in biblischer und nachbiblischer Perspektive. „Israel“ ist nicht bloß ein Staat – es ist ein Volk, eine Verheißung, ein Ringkampf mit Gott, eine bleibende Spur im göttlichen Geschichtsweg.
Wenn Kirchen Israel einzig als „staatlichen Akteur“ betrachten, verlieren sie den spirituellen Boden unter den Füßen. Dann wird Israel nur noch zum Adressaten politischer Kritik – und nicht mehr als Träger der biblischen Verheißung verstanden. Das muss nicht unkritische Zustimmung zu politischen Maßnahmen bedeuten – aber es verlangt Respekt vor der Tiefe und Würde jüdischer Geschichte.
Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, hat genau diesen Punkt in ihrer öffentlichen Reaktion klug benannt: „Wir dürfen den Staat Israel nicht auf seine Fehler reduzieren – und schon gar nicht dürfen wir vergessen, warum es diesen Staat überhaupt gibt: als Schutzraum für ein traumatisiertes, verfolgtes Volk.“ Solche Worte sind nicht nur klug – sie sind theologisch notwendig. Ich bin dankbar für ihre Stimme.
4. Die Verkürzung von Gewalt: Täter-Opfer-Dualismus statt Realität
Das ÖRK-Dokument reproduziert ein vereinfachtes Bild der Gewalt: Israel als Aggressor, Gaza als Opfer. Dabei wird nicht nur die Geschichte des 7. Oktober ausgeblendet, sondern auch die jahrzehntelange Praxis des palästinensischen Raketenbeschusses, der Einsatz menschlicher Schutzschilde durch die Hamas und deren erklärte Vernichtungsabsicht gegenüber Israel. Auch hier gilt: Wer sich mit prophetischem Ernst auf die Seite der Opfer stellen will, muss zuerst anerkennen, dass Opfer auf beiden Seiten existieren.
Eine Theologie, die sich dem „Einfühlen in den Anderen“ verweigert, verfehlt ihren Auftrag. Es reicht nicht, Leid zu benennen – man muss es verstehen. Und man muss es einordnen. Nur so kann man dem Frieden dienen, von dem die Kirchen so oft sprechen.
5. Die ethische Blindstelle: kein Wort zum Antisemitismus
Was ebenfalls fehlt, ist ein klares Wort zum Antisemitismus. Nicht als abstraktes Problem – sondern als reale, eskalierende Bedrohung für Jüdinnen und Juden weltweit. Die Terrorangriffe vom 7. Oktober wurden vielerorts gefeiert – auf europäischen Straßen, in Universitäten, auf Social Media. Die jüdische Gemeinschaft lebt seither in Angst, in Zürich wie in Paris, in New York wie in Berlin.
Und die Kirchen? Schweigen. Das ist nicht nur beschämend – es ist gefährlich. Wer zu Gaza spricht, aber nicht zu den brennenden Synagogen in Berlin, zu den angegriffenen Jüdinnen in Paris, zu den stummen und gleichzeitig feindseligen Universitäten in den USA, macht sich mitverantwortlich. Antisemitismus ist keine Nebensache. Er ist das Gift, das alles durchdringt – auch Theologie.
6. Die Aufgabe der Unterscheidung: Delegitimierung statt Kritik
Es ist legitim, den Staat Israel zu kritisieren. Wie jede Demokratie ist Israel auf Kritik angewiesen. Aber die Grenze zur Delegitimierung ist dann überschritten, wenn Israel systematisch anders behandelt wird als andere Staaten – und wenn sein Existenzrecht nur noch in Klammern gedacht wird.
Hier liegt die tiefste theologische Verfehlung des ÖRK-Dokuments: Es verliert die Unterscheidungskraft. Zwischen Regierungspolitik und Staat, zwischen militärischer Maßnahme und Vernichtungsdrohung, zwischen legitimer Kritik und antisemitischer Narration. Eine Kirche, die nicht mehr unterscheiden kann, wird Teil des Problems – und nicht Teil der Lösung.
In diesem Punkt hat sich Kirchenratspräsident Lukas Kundert in Basel mehrfach klug geäußert – auch wenn nicht direkt zu diesem Dokument. Er hebt immer wieder hervor, wie wichtig es sei, Israel als Realität und als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden zu achten – auch bei politischer Kritik. Dass solche Stimmen heute nicht lauter gehört werden, ist ein Verlust für den ökumenischen Diskurs.
7. Mein persönliches Wort: Warum ich bleibe – und streite
Ich bin Jüdin in einer Kirche, die mich oft verstummen lässt – und trotzdem bleibe ich. Ich bleibe, weil ich glaube, dass es Räume geben muss, in denen Jüdinnen und Juden mit Christ:innen sprechen können, ohne Angst. Ich bleibe, weil ich glaube, dass Wahrheit mehr ist als politische Parteinahme. Ich bleibe, weil ich hoffe.
Aber ich bleibe nicht still. Ich erhebe meine Stimme gegen ein kirchliches Klima, das sich mit simplen Schwarz-Weiß-Zuschreibungen zufriedengibt. Ich widerspreche einer Theologie, die Israel nur als Problem begreift – nicht als bleibendes Gegenüber im göttlichen Bund. Und ich widerspreche einer Kirche, die meint, für Frieden zu sprechen, während sie sich in einseitiger Rhetorik verliert.
Denn „nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“. Und wer das vergisst, hat nicht nur Israel verraten – sondern auch sich selbst.
Literaturangaben & Quellen
Rita Famos – Blogbeitrag vom 3. Juli 2025 („Klarheit schaffen…“)
- Famos, Rita: „Klarheit schaffen: Zur Erklärung des ÖRK zu Israel und Palästina“, veröffentlicht auf dem offiziellen Blog der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) am 3. Juli 2025.
Dies ist die Quelle des angeführten Zitats:
„Wir dürfen den Staat Israel nicht auf seine Fehler reduzieren – und schon gar nicht dürfen wir vergessen, warum es diesen Staat überhaupt gibt: als Schutzraum für ein traumatisiertes, verfolgtes Volk.“
Dieses Statement findet sich direkt im Blogbeitrag auf der EKS-Website (evrefblog.ch).
Weitere relevante Quellen zur Thematik
- Sharansky, Natan: 3D-Test zur Abgrenzung legitimer Israelkritik von Antisemitismus (Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelte Standards). Vielfach zitiert in politischen und juristischen Diskursen zur Israel-Politisierung.
- Goldschmidt, Pinchas: Gastbeitrag in Welt am Sonntag zu den Gefahren der Apartheidvorwürfe. Zu finden auch über die Webseite der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER).
- Grözinger, Albrecht: Kritische Kommentare zur Position des ÖRK im Kontext mitteleuropäischer Theologie. Zitiert in theologischen Foren und Interviews.
Quellen zur Haltung von Lukas Kundert
- Evangelisch‑reformierte Kirche Basel‑Stadt (erk-bs.ch): Interviewbeitrag zu EAPPI & Israelkritik (2013), u.a. Argumente zur Differenzierung.
- Medienberichte Basel (bzbasel.ch): Informationen zur Teilnahme Kunderts am „BringThemHome“-Projekt (2023).
- Reformiert.info & EKS-Archive: Aussagen zu Solidarität & Antisemitismus-Prävention (z. B. Kippa-Aufruf Okt. 2023).