Die Bilder der feiernden Menschen im Iran sind bewegend — und doch darf diese Euphorie nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stimmen von Minderheiten wie den Kurden oft ungehört bleiben. Was bedeutet „Freiheit“ für Menschen, die über Generationen diskriminiert wurden? Warum reicht ein Regimewechsel allein nicht aus? Dieser Artikel geht den Fragen nach, die in vielen Medien nicht gestellt werden: Wer spricht wirklich für alle? Und welche Vision braucht ein neuer Iran, damit Demokratie auch für die Kurden, Belutschen, religiöse Minderheiten und alle anderen nichts Bedeutungsleeres bleibt?
Biji Kurdistan!
Inmitten der aktuellen Umbrüche im Iran hat sich die Lage grundlegend verändert. Der Tod von Ali Khamenei wurde inzwischen auch von iranischer Seite bestätigt. In iranischen Städten wie auch in der Diaspora weltweit tanzen Menschen auf den Straßen – aus Erleichterung, aus Freude, aus Hoffnung. Der Mann, der über Jahrzehnte als oberster Repräsentant eines repressiven Systems galt, ist tot. Die Hoffnung, dass die Islamische Republik ihrem Ende entgegengeht, ist so greifbar wie lange nicht mehr.
Doch diese Euphorie trägt ein erhebliches Risiko der Verkürzung in sich. Denn ein möglicher Zusammenbruch des bestehenden Regimes beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Was folgt danach – und für wen? Gerade aus der Perspektive der Kurden und anderer nicht-persischer Minderheiten ist der Moment weniger ein Schlusspunkt als ein offener Übergang.
Für die kurdische Bevölkerung geht es nicht nur um einen Machtwechsel in Teheran, sondern um die grundlegende Struktur des Staates. Seit der Zeit Reza Shah Pahlavi wurde eine radikale Zentralisierung durchgesetzt, verbunden mit einer perserzentrierten Nationsvorstellung, die ethnische, sprachliche und kulturelle Vielfalt als Bedrohung behandelte. Kurdische Sprache, Kleidung und politische Organisation wurden systematisch unterdrückt. Die Ermordung Shiro Shikaks, die Hinrichtung Qazi Muhammad, Präsident der Republik Mahabad, oder die kollektive Erfahrung von Repression durch den Geheimdienst SAVAK sind bis heute tief im kurdischen Gedächtnis verankert. Autonomie galt – und gilt – als Separatismus, Selbstorganisation als Hochverrat.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass kurdische politische Akteure aktuell betonen, dass ein „post-islamischer Iran“ nicht automatisch ein demokratischer oder pluralistischer Iran sein wird. Siyar Berxwedan hält fest, dass die Koalition der politischen Kräfte Kurdistans in Iran weiterhin eine klare Linie verfolgt: kompromisslose Ablehnung des Regimes, Unterstützung landesweiter Proteste und das Eintreten für eine demokratische, dezentrale Ordnung mit garantierter kurdischer Selbstbestimmung. Der Tod Khameneis wird dabei nicht als Endpunkt verstanden, sondern als eine gefährliche Zwischenphase, in der alte Machtstrukturen versuchen könnten, sich neu zu formieren.
Auch außerhalb kurdischer Kontexte wird diese Ambivalenz benannt. Ahmed Fouad Alkhatib beschreibt den Tod Khameneis als schweren Schlag für die Islamische Republik und für die Ideologie der Wilayat al-Faqih (Wilayat al-Faqih: schiitische Staatsdoktrin, die einem obersten Rechtsgelehrten umfassende politische und religiöse Macht zuschreibt. Im Fall des iranischen Regimes: iranische Staatsdoktrin, nach der ein schiitischer Rechtsgelehrter als „Oberster Führer“ die höchste politische Autorität innehat), warnt jedoch zugleich davor, die strategische Vorbereitung des Regimes zu unterschätzen. Die Herrschaft der Ayatollahs war nie auf eine einzelne Person reduziert; sie ist institutionell, militärisch und ökonomisch tief verankert. Gerade in einer existenziellen Krise ist mit Eskalation, nicht mit freiwilligem Rückzug zu rechnen.
So markiert dieser Moment zweifellos einen historischen Einschnitt – aber keinen sicheren Neubeginn. Für Minderheiten im Iran entscheidet sich jetzt, ob die Zukunft erneut von einem starken Zentrum definiert wird oder ob erstmals Raum entsteht für föderale, plurale und gerechte Strukturen. Die Freude über den Tod eines Tyrannen ist real. Doch die eigentliche Auseinandersetzung um Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung beginnt erst.
Reza Pahlavi und die aktuelle Opposition
Sein Sohn, Reza Pahlavi, tritt heute als Hoffnungsträger auf, doch seine öffentliche Rhetorik lässt viele Kurden skeptisch bleiben. In seinen Reden auf Facebook, Twitter und in Presseinterviews spricht er kaum die Kurden an. Er vermeidet die Worte „Kurden“ oder „Kurdistan“; maximal taucht einmal die Formulierung „Iranian Kurds“ auf. Seine Ansagen betonen territorialen Schutz und militärische Durchsetzung, während konkrete politische Garantien für Minderheiten fehlen.
Kurdische Stimmen warnen davor, dass Pahlavi zwar einen demokratischen Iran propagiert, aber gleichzeitig die strukturelle Zentralisierung und die perserzentrierte Politik seines Vaters fortsetzt. Historische Grausamkeiten bleiben ungeklärt. Wer das kurdische Blut und Leiden unter beiden Regimen ignoriert, bietet keine Neutralität, sondern Legitimation der Vergangenheit.
Historische Verantwortung und problematische Allianzen
Die Vergangenheit des Schahs zeigt zudem eine weitere Facette: Reza Shahs Allianz mit Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs war eine moralische und ethische Katastrophe. Für Juden, Kurden und andere Minderheiten war diese politische Opportunität besonders problematisch. Es verdeutlicht, dass Modernisierung und Zentralisierung nicht nur autoritär, sondern auch opportunistisch und fragwürdig in moralischer Hinsicht waren. Die Erinnerung an diese Allianzen, an SAVAKs Verbrechen und an die Unterdrückung von Minderheiten bleibt relevant, um die heutige Skepsis gegenüber der Pahlavi-Opposition zu verstehen.
Kurdische Perspektive
Die kurdische Perspektive ist nicht homogen, aber einige zentrale Forderungen wiederholen sich: demokratischer Iran, echte Partizipation aller Minderheiten, Autonomie für kurdische Regionen, Respekt für Sprache, Kultur und historische Erfahrungen mit Gewalt und Marginalisierung. Kurden haben sowohl unter der Monarchie als auch unter der Islamischen Republik geblutet – ihre Loyalität ist nicht an Thron oder Theokratie gebunden, sondern muss verdient werden: durch Gerechtigkeit, Anerkennung und Garantie von Rechten.
Ein Blick auf die jüngsten Protestbewegungen zeigt, dass Kurden im Iran oft eine zentrale Rolle beim Anstoßen von Widerstand gespielt haben. Bereits 2022 waren es kurdische Aktivist:innen und Bürger:innen, die die Proteste rund um die Kurdin Jina Amini – deren Name bis heute in offiziellen Darstellungen und von vielen persischen Iraner:innen häufig verschwiegen wird – entscheidend geprägt haben. Die initiale Dynamik, die landesweit zu Demonstrationen führte, geht auf diese kurdischen Impulse zurück. Das verdeutlicht: Kurdische Stimmen sind nicht nur Betroffene, sondern aktive Initiator:innen gesellschaftlicher Veränderung, die trotz systematischer Marginalisierung sichtbare Spuren hinterlassen.
Die Gründung der Koalition kurdischer Parteien im Februar 2026 ist ein Ausdruck dieser Forderungen. Sie betont, dass Kurden keine „Gelegenheitsunterstützer“ sind, sondern aktive, kritische Akteure. Jede politische Initiative, die sie ignoriert, gefährdet nicht nur die kurdische Zustimmung, sondern die Legitimität eines neuen Regimes selbst.
Stimmen aus der Praxis
- Tobias Huch, Journalist & politischer Analyst: „Kurden bilden trotz politischer Unterschiede eine Front. Pahlavi ignoriert sie konsequent.“
- Dr. Dastan Jasim, Expertin Politikwissenschaft Nahost & kurdische Diaspora-Aktivistin: „Die Opposition folgt oft völkischen Logiken, interne Konflikte und messianische Pipeline-Ideen verhindern echte Solidarität. Kurden wollen keine neuen Könige, sondern Freiheit und demokratische Teilhabe.“
Diese Stimmen zeigen, dass kurdische Perspektiven aktiv, kritisch und handlungsfähig sind. Es geht nicht nur um Symbolik oder nostalgische Erwartungen an den Monarchen.
Konkrete Folgen einer einseitigen Heroisierung
Die Vernachlässigung kurdischer Interessen durch monarchistische Kreise führt zu Diffamierungen: Kurden werden als Separatisten, Fantasieland-Bewohner oder Terroristen dargestellt. Solche Narrative beeinflussen die mediale Darstellung, Diaspora-Diskurse und internationale Wahrnehmung. Ein Regimewechsel, der die alte Unterdrückung auf neue Gruppen verlagert, wäre ein erneuter Verrat an der kurdischen Bevölkerung.
Eigene Motivation und Reflexion
Als Jüdin und Teil verschiedener Minderheiten sehe ich Parallelen zwischen historischen und aktuellen Unterdrückungen. Ich schreibe diesen Artikel nicht gegen Reza Pahlavi persönlich, sondern gegen die Ignoranz gegenüber Minderheiten. Die moralische und politische Verantwortung, die Stimmen der Kurden sichtbar zu machen, ist zentral.
Messianische Erwartungen und die Heroisierung einzelner Personen bergen die Gefahr, dass ein Regimewechsel nicht die Freiheit aller bringt. Demokratie muss alle einschließen, nicht nur die sichtbaren oder die lautstärksten Gruppen.
Ausblick und Appell
Der mögliche Zusammenbruch der Islamischen Republik – so sehr er Hoffnung weckt – ist kein Endpunkt, sondern ein gefährlicher Übergang. Geschichte lehrt, dass Euphorie ohne politische Klarheit rasch in neue Formen der Unterdrückung umschlagen kann. Gerade in Momenten, in denen internationale Aufmerksamkeit, militärische Dynamiken und mediale Narrative dominieren, drohen die Stimmen derjenigen überhört zu werden, die seit Jahrzehnten zwischen allen Fronten stehen: Kurden, Belutschen, Aserbaidschaner:innen und andere marginalisierte Gemeinschaften im Iran.
Zu dieser Vielfalt gehören nicht nur unterschiedliche ethnische Gruppen, sondern auch kleine, oft übersehene religiöse Minderheiten: Jesiden, die ihren Glauben im Iran meist im Verborgenen leben müssen, ebenso wie Jüdinnen und Juden, deren jahrtausendealte Präsenz durch Revolution, Repression und Auswanderung stark geschrumpft ist. Auch für sie wird sich die Frage stellen, ob ein postislamischer Iran Schutz, rechtliche Gleichstellung und reale Sicherheit bieten kann – oder ob sie erneut zu stillen Randfiguren eines politischen Umbruchs werden, der andere in den Mittelpunkt stellt.
Eine wirkliche demokratische Zukunft kann nicht aus der Wiederherstellung alter Machtstrukturen entstehen – weder aus religiöser Vormundschaft noch aus monarchischer Nostalgie. Entscheidend ist nicht allein, wer das Regime ersetzt, sondern wie der Staat neu gedacht wird. Zentralismus, persische Dominanz und die systematische Delegitimierung von Autonomie haben unter verschiedenen Herrschaftsformen Leid produziert. Ein Iran der Zukunft muss diese Kontinuitäten durchbrechen, statt sie lediglich neu zu verpacken.
Die kurdische Bewegung im Iran – in ihrer politischen Vielfalt, ihrem organisatorischen Zusammenschluss und ihrer klaren Ablehnung des Regimes – zeigt, dass demokratischer Wandel nicht von oben gewährt, sondern von unten erkämpft wird. Ihre Forderungen nach Dezentralisierung, Selbstbestimmung und pluraler Ordnung sind kein Sonderinteresse, sondern ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit jedes demokratischen Projekts. Wer diese Forderungen ignoriert oder relativiert, kündigt faktisch an, alte Gewaltverhältnisse fortzuschreiben.
Solidarität bedeutet in dieser Situation mehr als wohlmeinende Parolen oder selektive Bündnisse. Sie verlangt historische Ehrlichkeit, politische Konsequenz und die Bereitschaft zuzuhören – auch dann, wenn das Gehörte bestehende Machtfantasien stört. Ein neuer Iran, der diesen Namen verdient, wird nur entstehen, wenn diejenigen, die den höchsten Preis gezahlt haben, nicht erneut unsichtbar gemacht werden. Demokratisierung ohne Anerkennung von Vielfalt ist keine Befreiung, sondern ein weiterer Aufschub von Gerechtigkeit.
Zitat zur Inspiration: „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frauen, Leben, Freiheit. Dieses Motto symbolisiert den Widerstand, das Streben nach Selbstbestimmung und die Notwendigkeit, dass alle Minderheiten in einem demokratischen Iran Gehör finden. Und dieses Motto ist kurdisch.
Quellen
Medien, Artikel, Analyse
- Jungle World – „Warum Kurden im Iran Teilen der Opposition misstrauen“
Artikel über historische Unterdrückung, Skepsis und interne Oppositionstrukturen
https://jungle.world/artikel/2026/07/kurden-iran-opposition-misstrauen-und-widerstand - Yisrael HaYom – „Der Höhepunkt des Bündnisses zwischen Kurden und Juden: ‚Sie standen immer auf unserer Seite‘“, 20. Februar 2026
Bericht über jüdisch‑kurdische Solidarität in Europa
https://www.israelhayom.co.il/news/worldnews/europe/article/19947668 - The Lion and the Sun – „The Shah, the Nazis and the Invasion: Impact of World War II on Iran“
Historische Untersuchung zu Reza Shahs Politik und Problematischer Allianz mit Nazi‑Deutschland
https://thelionandthesun.org/1126/the-shah-the-nazis-and-the-invasion-impact-of-world-war-ii-on-iran/
Social Media / Aktivismus
- Instagram: Kurdish Activism: Platform for Kurdish culture
https://www.instagram.com/p/DVMvEgnDDfw/ - Instagram: Kurdistani People News Outlet
https://www.instagram.com/p/DVMhG9VCPcB/ - Instagram: Kurdish‑Jewish Alliance (KJA)
https://www.instagram.com/p/DVB5YLIjAMR/ - Siyar Berxwedan, Statement zur „Koalition der politischen Kräfte Kurdistans in Iran“ (Instagram)
https://www.instagram.com/p/DVTUKjOjbNs/ - Ahmed Fouad Alkhatib, Statement zum Tod Khameneis und zu den regionalen Folgen (Facebook)
https://www.facebook.com/photo/?fbid=10165100841962868&set=a.10150395962967868
Persönliche Statements / Expertenbeiträge
- Offizielles Statement von Reza Pahlavi (Facebook / Twitter) – Territorialität als rote Linie
Originalpositionen, die im Artikel analysiert werden. - Kurdischer Bekannter – (Februar 2026) – Persönliche Perspektive zu Zentralismus, Repression und fehlender Anerkennung/persischem Rassismus gegenüber Kurden.
- Tobias Huch – Journalistische Analyse zu kurdischer Opposition und Pahlavi‑Rhetorik
Erfahrung mit kurdischen Bewegungen, marginalisierten Stimmen und kritischer Bewertung von Monarchist:innen. - Dr. Dastan Jasim – „Die Messianische Pipeline des Iran“ (Substack, Feb 2026)
Tiefgehende diasporische Perspektiven, kulturelle Erfahrungen, interne Konflikte und historische Einordnungen.
https://dastanj.substack.com/p/die-messianische-pipeline-des-iran
Vergesst nicht die Schwulenfrage! Auch die muss in einer neuen, liberalen Verfassung geregelt werden. (Nicht überprüfbares Zitat: Experten schätzen, dass seit der Islamischen Revolution von 1979 zwischen 4000 und 6000 Menschen wegen homosexueller Handlungen hingerichtet worden sind.)
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