Zeit fühlen – oder Zeit bauen? Liturgie, Autismus und eine andere Weise, im Gottesdienst Zeit zu gestalten

Dieser Text ist aus einer persönlichen Beobachtung entstanden, die sich über Jahre verdichtet hat: Ich habe kein ausgeprägtes Gefühl für vergehende Zeit. Ich kann oft nicht intuitiv sagen, wie lange etwas her ist oder wie lange etwas noch dauern wird. Zeit zeigt sich mir weniger als Fluss, sondern eher als Abfolge von Ereignissen und Strukturen. Gleichzeitig arbeite ich als Pfarrerin mit Liturgie – mit Gottesdiensten, die eine bestimmte Dauer haben, mit festen Abläufen, mit wiederkehrenden Formen. Dabei ist mir im Laufe der Zeit aufgefallen, dass ich Zeit nicht „fühle“, sondern konstruiere: durch Texte, durch Elemente, durch Rhythmus.

Dieser kurze Text ist ein Versuch, eine Form von Liturgie zu beschreiben, in der Struktur nicht Einschränkung ist, sondern Möglichkeit. Vielleicht ist er auch eine Einladung, Gottesdienst nicht nur als zeitlichen Ablauf zu verstehen, sondern als einen Raum, der Zeit trägt – unterschiedlich für verschiedene Menschen, aber gemeinsam getragen.

Ich sage das manchmal halb im Scherz. Aber ganz ehrlich: Es ist nicht nur ein Witz. Zeit ist für mich etwas, das sich nicht zuverlässig anfühlt. Ich kann oft nicht sagen, ob etwas vor einer Woche oder vor mehreren Monaten war. Auch Zukunft ist schwer zu greifen. Wie lange etwas dauert, bleibt selten wirklich spürbar.

Zeit ist für mich kein Fluss. Eher etwas, das aus einzelnen Punkten besteht, aus Ereignissen, die nebeneinander stehen und sich nicht sauber zu einer Linie verbinden.

Und trotzdem schreibe ich Liturgie.

Ich plane Gottesdienste, die ungefähr fünfzig bis sechzig Minuten dauern sollen. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich diese Zeit nicht innerlich „spüre“. Ich arbeite nicht mit einem Gefühl für Dauer, sondern mit Struktur. Mit Texten. Mit Formen. Mit einer Abfolge von Elementen, die zusammen einen Raum ergeben.

Ein Psalm. Ein Lied. Eine Lesung. Ein Gebet. Noch ein Lied. Wieder ein Text. Und so weiter.

Zeit entsteht für mich nicht als etwas, das einfach vergeht. Sie entsteht dadurch, dass etwas nacheinander geschieht. Dass es eine erkennbare Ordnung gibt, die mich durch den Gottesdienst trägt, auch wenn ich die Dauer selbst nicht intuitiv einschätzen kann.

Liturgie ohne Zeitgefühl

Ich spüre die Zeit nicht – aber ich kann sie bauen. Und irgendwann wurde mir klar: Das ist nicht einfach ein persönlicher Trick. Das ist eine eigene Weise, Liturgie zu verstehen.

Lange habe ich gedacht, das sei ein Defizit. Dass mir etwas fehlt, was andere scheinbar selbstverständlich haben: ein Gefühl dafür, wie lange etwas dauert, wann etwas „genug“ ist, wann ein Moment sich verändert.

Aber in der liturgischen Praxis hat sich das verschoben. Ich merke: Ich kompensiere nicht nur, ich arbeite mit einer eigenen Logik. Ich baue Zeit.

Ich weiß zum Beispiel, wie viel Raum ein Psalm braucht. Ich weiß, wann ein Gebet zu lang wird, nicht weil ich es spüre, sondern weil die Struktur kippt. Ich weiß, wie viele Liedstrophen einen Übergang tragen, ohne dass er bricht. Das ist keine intuitive Zeitwahrnehmung. Es ist eine Art architektonisches Arbeiten.

Und vielleicht ist das gar nicht so weit entfernt von dem, was Liturgie ohnehin ist.

Zeit als etwas, das getragen wird

In meiner Arbeit entsteht Zeit nicht durch ein inneres Gefühl, sondern durch Wiederholung und Form. Durch die Tatsache, dass bestimmte Elemente zuverlässig wiederkehren und sich in eine Ordnung fügen.

Ein Gottesdienst ist für mich deshalb nicht einfach eine Stunde, die gefüllt wird. Er ist ein Raum, der sich entfaltet, Schritt für Schritt. Und diese Schritte sind nicht zufällig. Sie tragen etwas.

Ich habe dabei gelernt, dass Wiederholung nicht langweilig ist. Im Gegenteil. Sie schafft eine Art Sicherheit, in der Inhalt überhaupt erst hörbar wird. Wenn ich weiß, was kommt, kann ich mich auf das konzentrieren, was gesagt wird. Die Form wird nicht zur Einschränkung, sondern zur Bedingung von Freiheit.

Zeit entsteht durch Abfolge

In meiner Praxis entsteht Zeit nicht primär durch Dauer, sondern durch Abfolge.

Eine Lesung.
Ein Lied.
Eine Predigt.
Ein Gebet.

Und wieder.

Diese Struktur ist nicht nur inhaltlich sinnvoll. Sie trägt die Zeit.
Der Gottesdienst „dauert“ nicht einfach – er entfaltet sich Schritt für Schritt.

Das ist eigentlich zutiefst liturgisch:
Wiederholung. Rhythmus. Verlässlichkeit.

Aber vielleicht wird hier etwas sichtbar, das oft übersehen wird:
Zeit im Gottesdienst ist nicht nur etwas, das vergeht.
Sie ist etwas, das gestaltet wird.

Eine andere Zeitwahrnehmung

Ich bin Autistin. Und vieles, was in Gottesdiensten oft unausgesprochen vorausgesetzt wird, ist für mich nicht intuitiv zugänglich: das Gefühl für soziale Dynamik, für Übergänge, für die „richtige“ Länge eines Moments, für das, was gerade atmosphärisch passiert.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht teilnehmen kann. Aber es bedeutet, dass ich andere Anker brauche. Klarheit. Struktur. Wiedererkennbare Formen. Und genau diese Dinge sind es, die mir ermöglichen, Liturgie überhaupt zu gestalten. In diesem Sinn ist Liturgie für mich nicht weniger lebendig, sondern anders gebaut.

Aber was, wenn man das nicht spürt? Dann wird Liturgie schnell anstrengend oder unübersichtlich. Nicht, weil sie zu komplex ist – sondern weil sie zu viel implizit lässt. Was dann hilft, ist nicht weniger Liturgie, sondern eine andere:

  • klare Übergänge
  • erkennbare Struktur
  • wiederkehrende Formen

Nicht als Vereinfachung.
Sondern als Voraussetzung dafür, überhaupt teilnehmen zu können.

Liturgie als Raum, der trägt

Ein Gedanke, der mich dabei begleitet hat, kommt von John Swinton. Er kritisiert eine Kultur, die Zeit vor allem als etwas Messbares versteht: als Ablauf, als Effizienz, als zu füllende Minuten. Dagegen stellt er die Idee einer Zeit, die nicht nur vergeht, sondern erfüllt ist – eine Zeit, die sich in Gegenwart und Beziehung verdichtet.

Wenn ich das auf Liturgie übertrage, wird etwas sichtbar: Ein Gottesdienst ist nicht einfach ein Zeitabschnitt. Er ist ein Raum, in dem Zeit unterschiedlich erlebt werden kann. Manche Menschen tragen ihn intuitiv. Andere brauchen Struktur, um sich darin zu bewegen.

Für manche bedeutet das: mitgehen, spüren, sich treiben lassen.
Für andere – und dazu gehöre ich – bedeutet es: sich orientieren können, wissen, wo man ist, sich an Formen festhalten können. Struktur ersetzt nicht Spiritualität. Sie ermöglicht sie.

Beides ist nicht gegeneinander gestellt. Es ist Teil desselben Geschehens.

Ein Beispiel aus der Praxis

Meine Tagzeitengebete folgen einer festen Grundstruktur. Zum Beispiel am Morgen:

  • Eröffnungsvers
  • Psalm
  • Lied
  • Torah-Text
  • Gebet
  • Evangelium
  • Fürbitten
  • Vaterunser
  • Schlussgebet
  • Segen

Diese Abfolge ist nicht zufällig. Sie schafft Orientierung.
Ich weiß beim Schreiben:

  • Der Psalm gibt einen ersten Raum – Ankommen, Einstimmen.
  • Das Lied markiert einen Übergang – wir sind jetzt gemeinsam da.
  • Die Lesungen öffnen den Text – in Schichten.
  • Das Gebet antwortet darauf.
  • Die Fürbitten weiten den Blick.
  • Das Vaterunser sammelt alles.

Ich muss nicht „spüren“, wie viel Zeit vergangen ist.
Ich bewege mich durch diese Struktur – und mit mir diejenigen, die anwesend sind.

Zeit entsteht hier nicht als Gefühl, sondern als Rhythmus von Bedeutung.

Wiederholung ist kein Mangel

Viele moderne Gottesdienste versuchen, möglichst abwechslungsreich zu sein. Überraschend. Anders.
Aber aus meiner Perspektive hat Wiederholung eine eigene Qualität:

Sie entlastet.
Sie schafft Verlässlichkeit.
Sie ermöglicht Tiefe.

Wenn ich weiß, was kommt, kann ich mich auf den Inhalt konzentrieren.
Wenn ich die Form kenne, kann ich freier darin sein.

Wiederholung ist nicht das Gegenteil von Lebendigkeit.
Sie ist eine ihrer Bedingungen.

Zeit bauen

Ich habe lange gedacht, mein Umgang mit Zeit sei ein Mangel. Etwas, das ich ausgleichen muss.

Inzwischen sehe ich eher etwas anderes: Ich spüre Zeit nicht, aber ich kann sie gestalten. Und vielleicht ist genau das eine Form von liturgischem Wissen – Zeit nicht nur zu erleben oder zu messen, sondern sie so zu bauen, dass sie bewohnbar wird.

Für mich. Und auch für andere.

Denn am Ende geht es im Gottesdienst nicht darum, dass alle Zeit gleich empfinden. Sondern darum, dass etwas entsteht, das trägt – auch durch die Zeit hindurch.

Eine offene Frage

Was würde sich verändern, wenn wir Gottesdienste nicht nur für die gestalten, die Zeit intuitiv fühlen –
sondern auch für die, die sie brauchen, um getragen zu werden?

Vielleicht würden sie klarer werden, weil weniger vorausgesetzt wird.
Vielleicht verlässlicher, weil Struktur nicht versteckt, sondern bewusst getragen wird.
Vielleicht zugänglicher, weil nicht alle denselben inneren Zugang zur Zeit mitbringen müssen.

Und vielleicht auch ehrlicher – weil sie dann nicht mehr stillschweigend voraussetzen, dass alle Zeit auf die gleiche Weise erleben.

Denn am Ende gilt für uns alle:
Wir sind darauf angewiesen, dass uns etwas trägt –
auch durch die Zeit.

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