Eine Kathedrale, eine Plakette – und Kommentarspalten, in denen alte antijüdische Deutungsmuster erneut sichtbar werden
Eine Kathedrale in Brüssel bringt ihre eigene Geschichte ins Gespräch: Eine neue Plakette erklärt mittelalterliche Darstellungen von angeblichen Hostienwundern – und benennt ihren antisemitischen Hintergrund.
Doch während Geschichte aufgearbeitet wird, zeigen die Reaktionen darunter etwas anderes: alte Deutungsmuster, die keineswegs verschwunden sind.
Die Kathedrale und die Erinnerung
In der Kathedrale Saints-Michel-et-Gudule in Brüssel hängen mittelalterliche Glasfenster, die lange Zeit einfach Teil der liturgischen und kunsthistorischen Kulisse waren. Szenen aus einer anderen Zeit, farbiges Licht, das durch Jahrhunderte fällt.
Eines dieser Fenster zeigt eine Erzählung, die im 14. Jahrhundert in Brüssel verortet wird: die Geschichte sogenannter „geschändeter Hostien“. In dieser Darstellung wird erzählt, jüdische Bewohner der Stadt hätten geweihte Hostien entwendet und mit Messern verletzt. Aus den Hostien sei daraufhin Blut geflossen – ein sogenanntes „eucharistisches Wunder“.
Im Bildprogramm des Fensters bleibt diese Deutung nicht ohne Folgen. Die Erzählung führt weiter zu einem Strafgeschehen: jüdische Menschen werden für diese angebliche Tat verurteilt und hingerichtet, dargestellt als Vollstreckung göttlicher Gerechtigkeit.
Solche Darstellungen waren im Mittelalter keine Ausnahme. Sie verbanden religiöse Vorstellungen mit konkreten Schuldzuweisungen – und sie prägten über Jahrhunderte das Bild jüdischer Gemeinden im christlichen Europa.
Im Rahmen einer historischen Aufarbeitung wurde in der Kathedrale nun eine neue Plakette angebracht. Sie erklärt den Hintergrund dieser Darstellungen, ordnet sie historisch ein und benennt offen, dass solche Bilder in der Vergangenheit zur Stigmatisierung jüdischer Gemeinden beigetragen haben.
Die Einweihung dieser Kontextualisierung geschah nicht im Stillen. Vertreter der Kirche und der jüdischen Gemeinde standen gemeinsam an diesem Ort. Es wurde gesprochen, erinnert, benannt – und auch um Vergebung gebeten.
So entsteht ein anderes Bild von Erinnerung: nicht durch das Entfernen von Geschichte, sondern durch das Sichtbarmachen dessen, was lange unkommentiert geblieben ist.
Warum solche Darstellungen ein Problem sind
Auf den ersten Blick mag sich die Frage stellen: Wo liegt das Problem? Eine Wundergeschichte, ein Ausdruck von Frömmigkeit, eingebettet in die Bildwelt des Mittelalters.
Doch diese Erzählungen stehen nicht für sich.
Geschichten von angeblichen Hostienschändungen gehörten zu einem ganzen Komplex von Legenden, die sich im mittelalterlichen Europa verbreiteten. Immer wieder wurde jüdischen Gemeinden unterstellt, sie würden christliche Heiligtümer entweihen, Hostien stehlen, sie quälen, durchbohren – und damit den Leib Christi selbst angreifen. Ähnliche Motive finden sich auch in den sogenannten Ritualmordlegenden, in denen Juden beschuldigt wurden, christliche Kinder zu töten.
Diese Geschichten waren nicht harmlos. Sie wurden geglaubt. Und sie hatten Folgen.
Auf solche Anschuldigungen folgten Pogrome, Vertreibungen, Hinrichtungen. Ganze Gemeinden wurden ausgelöscht – nicht trotz dieser Erzählungen, sondern oft gerade ihretwegen. Die Bilder, die in Kirchen zu sehen waren, standen dabei nicht am Rand, sondern im Zentrum religiöser Deutung: Sie machten sichtbar, was geglaubt wurde, und bestätigten es zugleich.
Was heute wie eine ferne, vielleicht sogar fremde Bildwelt erscheinen mag, war damals Teil einer Wirklichkeit, in der religiöse Vorstellungen und soziale Gewalt eng miteinander verflochten waren.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum eine bloße Betrachtung als „Wundergeschichte“ zu kurz greift. Es geht nicht nur um das, was dargestellt ist – sondern um das, was diese Darstellungen bewirkt haben.
Und genau deshalb braucht es heute Orte, an denen diese Geschichte nicht nur gezeigt, sondern auch erklärt wird.
Der Versuch einer Korrektur: Seelisberg und danach
Nach der Katastrophe der Shoah wurde in den Kirchen zunehmend die Frage gestellt, die lange ausgeblendet worden war: Welche Rolle hat die eigene Lehre gespielt? Welche Bilder, welche Worte, welche Deutungen haben über Jahrhunderte dazu beigetragen, dass Judenfeindschaft religiös begründet und weitergegeben werden konnte?
1947 trafen sich in der Schweiz Vertreterinnen und Vertreter aus jüdischen und christlichen Kontexten zu einer internationalen Konferenz gegen Antisemitismus in Seelisberg. Dort wurde etwas formuliert, das im Rückblick kaum hoch genug eingeschätzt werden kann: der Versuch, die eigene religiöse Sprache zu prüfen – und zu verändern.
In den sogenannten „Zehn Thesen von Seelisberg“ wurde unter anderem festgehalten:
- dass Jesus Jude war und im jüdischen Volk verwurzelt ist,
- dass die ersten Jünger und die frühe Kirche aus Juden bestanden,
- dass es unzulässig ist, „die Juden“ pauschal für den Tod Jesu verantwortlich zu machen,
- und dass biblische Texte, insbesondere die Passionsgeschichte, nicht so ausgelegt werden dürfen, dass sie Hass gegen Juden nähren.
Damit wurde nicht nur ein historisches Problem benannt, sondern ein theologisches. Es ging um die Einsicht, dass bestimmte Auslegungen des eigenen Glaubens über Jahrhunderte hinweg zur Abwertung und Gefährdung jüdischen Lebens beigetragen hatten.
Diese Einsichten blieben nicht ohne Folgen. Sie fanden – in weiterentwickelter Form – Eingang in die Erklärung Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort wird unmissverständlich festgehalten, dass Juden nicht kollektiv für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden dürfen und dass das Judentum in einer bleibenden Beziehung zu Gott steht.
Es war ein tiefgreifender Schritt. Einer, der nicht einfach nur eine neue Formulierung bedeutete, sondern einen Perspektivwechsel: weg von der Abgrenzung, hin zur Anerkennung; weg von der Schuldzuschreibung, hin zu einer gemeinsamen Geschichte.
Und doch zeigt sich bis heute, dass solche Einsichten nicht automatisch in allen Köpfen und Herzen ankommen.
Der Sprung in die Gegenwart
Die Artikel, die von der Einweihung der Plakette berichten, erscheinen auf CathoBel – einem offiziellen katholischen Medienportal in Belgien. Kein Randforum, kein Ort kirchlicher Gegenöffentlichkeit, sondern ein journalistisches Angebot im Umfeld der Kirche selbst, geprägt von Information, Einordnung und – wie in diesem Fall – von dem Versuch, Verantwortung wahrzunehmen.
Gerade deshalb fällt auf, was sich unter diesen Artikeln findet.
In den Kommentarspalten verschiebt sich der Ton. Die historische Einordnung wird nicht aufgenommen, sondern zurückgewiesen. Stattdessen treten Formulierungen auf, die vertraut klingen – nicht aus der Gegenwart, sondern aus der langen Geschichte, die man gerade zu bearbeiten versucht.
Da ist von den „Gottesmördern“ die Rede.
Da wird gefragt, wann „die Juden“ sich endlich für die Kreuzigung Jesu entschuldigen würden.
Da wird der Begriff „Sionisten“ verwendet, verbunden mit der Behauptung, Juden seien fremd, gehörten nicht hierher, hätten Land „gestohlen“.
Andere sprechen von „Synagoge Satans“ oder stellen die Aufarbeitung selbst als Angriff auf den christlichen Glauben dar.
Neben offenen Beschuldigungen stehen Verschiebungen: historische Verantwortung wird relativiert, umgedeutet oder zurückgewiesen. Die Bitte um Vergebung erscheint dann nicht als Schritt der Einsicht, sondern als unzulässige Selbsterniedrigung. „Lasst uns unseren Glauben in Ruhe leben“, heißt es an einer Stelle – als stünde die Erinnerung an Gewalt in Konkurrenz zur eigenen Frömmigkeit.
Was sich hier zeigt, ist keine sachliche Auseinandersetzung mit Geschichte. Es ist ein Raum, in dem alte Deutungsmuster wieder auftauchen – oft unverändert in ihrer Sprache, manchmal vermischt mit modernen politischen Schlagworten.
Und das an einem Ort, an dem gerade das Gegenteil versucht wird: Einordnung, Differenzierung, Verantwortung.
Einige Stimmen aus den Kommentarspalten:
„Wann entschuldigen sich die Juden endlich für die Kreuzigung Jesu?“
„Man soll also die Wahrheit nicht mehr sagen dürfen? Sie haben Christus getötet.“
„Diese ganze Geschichte wird verdreht, um den Juden zu gefallen.“
„Die Kirche hat keinen Grund, um Vergebung zu bitten. Wenn jemand sich entschuldigen müsste, dann sie.“
„Die sogenannten Wunder werden jetzt plötzlich geleugnet, nur um dem ‚Volk der Gottesmörder‘ entgegenzukommen.“
„Immer wieder dieselben. Sie greifen unsere Religion an und dann sollen wir uns auch noch entschuldigen.“
„Man darf wohl noch sagen, wer Jesus ans Kreuz gebracht hat.“
„Diese ewige Schuldzuweisung an Christen ist unerträglich. Sie sollten lieber über ihre eigene Geschichte nachdenken.“
„Synagoge Satans – nichts hat sich geändert.“
Es sind Sätze, die nicht nur Meinungen ausdrücken, sondern ein ganzes Deutungsfeld sichtbar machen.
Solche Sätze stehen dort nicht vereinzelt. Sie bilden ein Muster.
Sie wirken vertraut – nicht, weil man sie oft hört, sondern weil sie aus einer langen Geschichte stammen. Ihre Formulierungen, ihre Bilder, ihre Zuschreibungen sind nicht neu. Sie sind überliefert.
Und genau das macht sie so schwer einzuordnen: Sie erscheinen im Gewand spontaner Meinungsäußerung – und tragen doch eine Tradition in sich, die weit zurückreicht.
Für mich als Jüdin ist das nicht einfach eine Sammlung von Kommentaren.
Es ist schmerzhaft, diese Sätze zu lesen – gerade im Zusammenhang mit einem Text, der versucht, Verantwortung zu übernehmen und Geschichte ehrlich zu benennen. Was dort formuliert wird, ist nicht neu. Es sind Worte und Bilder, die eine lange Geschichte haben. Und genau deshalb treffen sie.
Zwischenruf
Für mich als Jüdin ist das nicht einfach eine Sammlung von Kommentaren.
Es ist schmerzhaft, diese Sätze zu lesen – gerade im Zusammenhang mit einem Text, der versucht, Verantwortung zu übernehmen und Geschichte ehrlich zu benennen. Was dort formuliert wird, ist nicht neu. Es sind Worte und Bilder, die eine lange Geschichte haben. Und genau deshalb treffen sie.
Denn sie stehen nicht für sich.
Die Rede von den „Gottesmördern“, die Vorstellung einer kollektiven Schuld, die Zuschreibung von Fremdheit oder Täuschung – all das gehört zu einem Repertoire, das über Jahrhunderte hinweg dazu beigetragen hat, jüdisches Leben auszugrenzen und zu gefährden. Es ist die Sprache, die in Predigten, in Bildern, in Erzählungen weitergegeben wurde. Und es ist die Sprache, die immer wieder den Boden bereitet hat für reale Gewalt.
Dass solche Sätze heute wieder so offen formuliert werden, wirkt deshalb nicht nur irritierend. Es wirkt wie ein Echo.
Und zugleich wird sichtbar, dass die theologischen und kirchlichen Lernprozesse der letzten Jahrzehnte – so wichtig und notwendig sie sind – nicht einfach überall angekommen sind. Manche der Stimmen, die hier sprechen, weisen genau das zurück, was seit der Mitte des 20. Jahrhunderts mühsam erarbeitet wurde: die Einsicht, dass solche Deutungen falsch sind – historisch, theologisch und menschlich.
Was hier in Kommentaren auftaucht, steht nicht nur im Widerspruch zu historischer Forschung. Es widerspricht auch dem, was Kirchen selbst heute über ihr Verhältnis zum Judentum sagen.
Und genau darin liegt die Spannung dieser Situation: Auf der einen Seite der Versuch, Geschichte zu klären und Verantwortung zu übernehmen. Auf der anderen Seite eine Sprache, die genau jene Muster fortschreibt, die man zu überwinden sucht.
Das Paradox der Geschichte
Inmitten dieser Kommentare zeigt sich ein auffälliger Widerspruch.
Einerseits wird behauptet, „die Juden“ hätten Jesus getötet – eine Vorstellung, die voraussetzt, dass es sich um ein durchgehendes, über Jahrtausende identisches Kollektiv handelt. Die Zuschreibung funktioniert nur, wenn Vergangenheit und Gegenwart nahtlos miteinander verbunden werden.
Gleichzeitig finden sich Aussagen, die genau diese Kontinuität bestreiten. Juden werden als Fremde beschrieben, als Menschen, die „eigentlich“ nicht hierher gehören, deren Geschichte nicht mit der biblischen oder antiken verbunden sei.
Beides steht nebeneinander: die Behauptung einer ununterbrochenen Identität – und ihre gleichzeitige Auflösung.
Historisch ist das nicht haltbar. Und doch scheint es nicht zu stören.
Denn es geht hier nicht in erster Linie um Geschichte. Es geht um Deutung.
Identität wird dabei nicht beschrieben, sondern funktional eingesetzt: Sie wird dort festgeschrieben, wo Schuld zugeschrieben werden soll – und dort aufgelöst, wo Zugehörigkeit bestritten wird. Vergangenheit wird nicht erinnert, sondern so geformt, dass sie in ein bestehendes Bild passt.
So entsteht eine Form von Geschichtserzählung, in der Widersprüche kein Problem darstellen, sondern Teil der Logik sind.
Das Ergebnis ist kein historisches Verständnis, sondern ein stabiles Feindbild.
Schluss: Erinnerung aushalten
Am Ende steht wieder die Kathedrale.
Die Glasfenster sind noch da. Die Bilder sind nicht verschwunden. Sie erzählen weiterhin von einer Geschichte, die geglaubt wurde – und die Leid hervorgebracht hat.
Neu ist, dass diese Geschichte heute nicht mehr unkommentiert bleibt.
Die Plakette verändert das Bild nicht. Aber sie verändert den Blick. Sie benennt, was lange verschwiegen oder übersehen wurde. Sie macht sichtbar, dass Glaube und Gewalt sich in der Geschichte berührt haben – und dass es Verantwortung braucht, das auszusprechen.
Solche Schritte sind nicht spektakulär. Sie sind leise, manchmal unscheinbar. Und doch sind sie Ausdruck eines Lernprozesses, der Zeit braucht und nicht abgeschlossen ist.
Die Reaktionen zeigen das deutlich. Sie machen sichtbar, wie gegenwärtig alte Deutungsmuster noch sind – und wie schnell sie wieder ausgesprochen werden, wenn sich Räume öffnen.
Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung: Geschichte nicht nur zu kennen, sondern sie auszuhalten. Auch dann, wenn sie widersprochen wird. Auch dann, wenn sie unbequem ist.
Denn die Frage ist nicht, ob wir erzählen, was war.
Die Frage ist, wie wir es tun – und was wir daraus weitertragen.