Selektive Empathie ist keine Gerechtigkeit: eine Reaktion zur Gemeinsamen ökumenischen Erklärung zum eskalierenden Konflikt im Nahen und Mittleren Osten

Dieser Text ist nicht leicht zu schreiben.

Nicht, weil es an Argumenten fehlt –
sondern weil es um mehr geht als um Argumente.

Es geht um Verantwortung.
Um Sprache.
Und um die Frage, wie Kirchen über Gewalt, Leid und Gerechtigkeit sprechen – gerade dort, wo es Israel betrifft.

Ich habe zuerst gezögert, diese Reaktion zu formulieren.
Nicht aus Unsicherheit, sondern aus dem Wissen heraus, wie schnell solche Kritik missverstanden oder vorschnell eingeordnet wird.

Doch Schweigen ist in diesem Fall keine Option.

Wenn kirchliche Stellungnahmen die Wirklichkeit nur ausschnitthaft abbilden,
wenn Empathie selektiv wird
und wenn zentrale Perspektiven systematisch fehlen,
dann entsteht nicht nur ein unvollständiges Bild.

Dann entsteht ein verzerrtes.

Dieser Text ist ein Versuch, dem etwas entgegenzusetzen.

Nicht, um einfache Antworten zu geben.
Nicht, um eine andere Einseitigkeit zu schaffen.

Sondern um darauf zu bestehen, dass Wahrhaftigkeit, Differenzierung und die Würde aller Betroffenen
die Grundlage kirchlichen Sprechens sein müssen.

Gerade hier.
Gerade jetzt.

Ich schreibe diese Reaktion als Jüdin.
Als jemand, der in Israel gelebt und die Zeit am Ende bzw. nach der zweiten Intifada miterlebt hat.
Als jemand, für den dieser Konflikt keine abstrakte politische Debatte ist, sondern existenziell.

Ich habe Familie in Israel – oder zumindest sollte ich sie haben. Ich weiß nicht, wo sie sind. Ich weiß nicht, wie viele noch leben.

Und genau deshalb kann ich die Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen nicht einfach als „wichtigen Beitrag“ lesen. Ich kann sie nicht neutral zur Kenntnis nehmen. Ich kann sie auch nicht als ausgewogen oder gerecht empfinden.

Denn das Problem dieser Erklärung liegt nicht darin, dass sie Frieden fordert.
Das Problem liegt darin, wie sie es tut – und was sie dabei ausblendet.

Selektive Empathie ist keine Gerechtigkeit

Die Erklärung spricht von Menschenwürde, von Frieden, von Schutz der Zivilbevölkerung.
Sie ruft zu Waffenstillstand auf. Sie formuliert eine klare ethische Haltung gegen Krieg.

Das alles ist richtig. Und notwendig.

Aber diese Prinzipien werden nicht konsequent angewendet.

Denn während:

  • Israel und die USA klar benannt und moralisch verurteilt werden,
  • die Gewalt gegen den Iran detailliert beschrieben wird,

bleiben andere zentrale Realitäten unerwähnt.

Und genau darin liegt das Problem.

Kirchliche Diskurse zeigen hier Empathie selektiv.
Und selektive Empathie ist keine Gerechtigkeit.

Der Schein des Guten – und der Bruch darunter

Auf den ersten Blick wirkt die Erklärung wie ein klassischer kirchlicher Friedensappell:

  • Sorge um die Zivilbevölkerung
  • Warnung vor Eskalation
  • Betonung der Menschenwürde
  • religiös-ethische Begründung

Das ist erwartbar. Und legitim.

Doch dann folgt der Bruch.

Denn an entscheidenden Stellen spricht der Text mit großer moralischer Eindeutigkeit:

  • Die Angriffe Israels und der USA werden als „eindeutig völkerrechtswidrig“ bezeichnet
  • Es gebe „keinerlei glaubwürdige Beweise“ für eine Bedrohung durch den Iran
  • Israel erscheint als aktiver Aggressor

Gleichzeitig wird der Iran primär als leidtragend beschrieben.

Diese Kombination ist nicht neutral.
Sie ist asymmetrisch.

Und genau hier entsteht eine narrative Schieflage:

moralische Eindeutigkeit auf der einen Seite –
und Kontextreduktion auf der anderen.

Was fehlt, ist entscheidend

Noch aufschlussreicher als das Gesagte ist das, was fehlt.

Die Erklärung erwähnt nicht:

  • die systematische Repression im Iran
  • Hinrichtungen, Folter, politische Verfolgung
  • Gewalt gegen Frauen, queere Menschen und Minderheiten
  • die Rolle des Islamic Revolutionary Guard Corps
  • die regionale Einflussnahme durch Proxys

Und dazu gehören:

  • Hezbollah im Libanon
  • Hamas in Gaza
  • die Huthi-Milizen im Jemen

Diese Akteure sind keine Randfiguren.
Sie sind zentral für das Verständnis des Konflikts.

Wenn sie nicht benannt werden, entsteht kein neutrales Bild.

Es entsteht ein verzerrtes.

Ideologie wird verschwiegen

Noch gravierender ist, was auf einer tieferen Ebene fehlt:

Die Ideologie des iranischen Regimes.

Denn dieser Konflikt ist nicht nur politisch oder militärisch.
Er ist auch ideologisch geprägt.

Und dazu gehört:

  • offene Feindschaft gegenüber Israel
  • eliminatorische Rhetorik gegenüber Juden
  • ein Weltbild, das die Existenz Israels nicht nur grundsätzlich infrage stellt sondern eliminatorisch ausgerichtet ist, ohne Möglichkeit für eine andere Alternative

Diese Dimension wird in der Erklärung vollständig ausgeblendet.

Doch ohne sie bleibt das Bild unverständlich.

Wer Ideologie verschweigt, versteht den Konflikt nicht.

Unsichtbare israelische Zivilisten

Der Text spricht von Zivilbevölkerung.

Aber nicht von:

  • israelischen Familien, die seit Monaten unter Raketenbeschuss leben
  • Menschen im Norden Israels, die durch Angriffe von Hezbollah ihre Häuser verlassen mussten
  • Kindern, die im Rhythmus von Sirenen aufwachsen
  • Menschen, die Sekunden haben, um Schutzräume zu erreichen
  • jüdischen, muslimischen, drusischen, aramäischen Bürgerinnen und Bürgern Israels, deren Alltag von Angst geprägt ist

Während diese Erklärung gelesen wird, haben Menschen in Israel oft weniger als 15 Sekunden, um Schutz zu suchen, wenn Sirenen ertönen – ausgelöst durch Raketen oder Drohnen, etwa durch Angriffe der Hezbollah.

Ich habe solche Angriffe selbst erlebt.
Nicht durch Drohnen, sondern durch Qassam-Raketen – in einer Zeit, bevor es Schutzsysteme wie Iron Dome gab.

Im Süden Israels, in einem Kibbuz, gibt es ein Fußballfeld für Kinder.
Ganz normal – bis auf eines:

Hinter einem Tor steht ein Bunker.

Wenn die Sirene ertönt, bleiben den Kindern fünf Sekunden.
Vielleicht zehn.

Diese Realität ist nicht theoretisch.
Sie ist Teil eines Alltags, der in dieser Erklärung nicht vorkommt.

Israel wird angegriffen – aus Gaza, aus dem Libanon, aus dem Jemen, durch direkte und indirekte Aktionen des Iran.

Und doch kommen diese Menschen im Text nicht vor.

Das ist keine Nebensächlichkeit.

Wer von Zivilisten spricht, muss von allen Zivilisten sprechen.
Alles andere ist Entmenschlichung durch Auslassung.

Stimmen aus der Region fehlen

Besonders auffällig ist, wessen Stimmen fehlen.

Nicht nur Staaten oder Organisationen – sondern Menschen:

  • Kurd:innen
  • Jesid:innen
  • Iraner:innen
  • religiöse und ethnische Minderheiten

Menschen, die unter dem iranischen Regime leiden.
Menschen, die Gewalt und Unterdrückung aus erster Hand erfahren.

Ihre Perspektiven kommen im Text nicht vor.

Auch sicherheitspolitische Einschätzungen aus der Region – etwa von Akteuren wie Mohammed bin Salman – werden vollständig ausgeblendet.

Das Ergebnis:

Der Text spricht über die Region – aber nicht mit ihr.

Täter ohne Verantwortung

Ein besonders problematischer Punkt ist der Umgang mit Ali Khamenei.

Niemand fordert eine Legitimation von Gewalt oder extralegalen Tötungen.

Aber:

Einen politischen und religiösen Führer, der für massive Repression und Gewalt verantwortlich ist,
ausschließlich in einem Kontext darzustellen, in dem er als Opfer erscheint,

ist keine ethische Differenzierung.

Es ist eine Verschiebung.

Wer Täter nicht benennt, relativiert ihre Taten.

Warum kirchliche Texte hier scheitern

Viele kirchliche Stellungnahmen folgen einem impliziten Raster:

  • Fokus auf sichtbare militärische Macht
  • Unterscheidung zwischen „starken“ und „schwachen“ Akteuren
  • moralische Parteinahme zugunsten der vermeintlich Schwächeren

Dieses Raster funktioniert in komplexen, asymmetrischen Konflikten jedoch nur begrenzt.

Besonders dann nicht, wenn:

  • autoritäre Regime beteiligt sind
  • ideologische Motive eine zentrale Rolle spielen
  • Gewalt indirekt über Netzwerke ausgeübt wird

Dann passiert genau das, was hier sichtbar wird:

Komplexe Realität wird moralisch vereinfacht – und dadurch verzerrt.

Die theologische Leerstelle

Die Erklärung spricht von Gott, von Würde, von Frieden.

Aber Israel erscheint ausschließlich als politischer Akteur.
Nicht als Teil einer lebendigen, fortdauernden Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Für eine kirchliche Erklärung ist das keine Nebensache.

Es ist eine theologische Leerstelle.

Wenn Israel nur noch als Staat betrachtet wird,
wird seine religiöse und historische Bedeutung neutralisiert.

Doch diese Neutralisierung ist nicht neutral.

Ist das antijudaistisch?

Die Erklärung ist nicht offen antijudaistisch.

Sie enthält:

  • keine klassischen theologischen Polemiken
  • keine expliziten Aussagen über Juden

Und dennoch kann sie in problematische Muster hineinwirken.

Denn sie:

  • isoliert Israel moralisch
  • blendet seine Perspektive aus
  • reduziert komplexe Zusammenhänge

Das ist genau die Art von Diskurs, in der sich:

  • Delegitimierung
  • Dämonisierung
  • vereinfachte Schuldnarrative

entwickeln können.

Nicht zwingend.
Aber strukturell anschlussfähig.

Ein wiederkehrendes Muster

Für sich genommen könnte man diese Erklärung als unglücklich oder einseitig einordnen.

Doch im Kontext früherer Stellungnahmen entsteht ein anderes Bild:

  • wiederkehrende Asymmetrien
  • ähnliche Auslassungen
  • vergleichbare moralische Gewichtungen

Israel erscheint erneut als zentraler Problemträger,
während andere Akteure in den Hintergrund treten.

Das ist kein Zufall.

Es ist ein Muster.

Was fehlt: Wahrhaftigkeit

Ich erwarte von kirchlichen Stimmen keine Parteinahme für Krieg.

Ich erwarte auch keine einfachen Antworten.

Aber ich erwarte:

  • Benennung von Verantwortung – nicht nur von Leid
  • Differenzierung zwischen Akteuren
  • Einbezug realer Erfahrungen von Menschen vor Ort
  • Wahrnehmung ideologischer Dimensionen
  • eine Empathie, die nicht auswählt, wessen Leid zählt

Denn nur dann ist eine Stellungnahme glaubwürdig.

Kirchliche Verantwortung ist nicht optional

Die Kirchen sprechen nicht im luftleeren Raum.

Sie sprechen aus einer Geschichte heraus –
einer Geschichte, in der christlicher Antijudaismus über Jahrhunderte hinweg dazu beigetragen hat,
dass jüdisches Leben entwertet, ausgegrenzt und letztlich vernichtet wurde.

Die Seelisberger Konferenz war ein Wendepunkt.
Die dort formulierten Einsichten waren kein theologisches Detail, sondern eine Verpflichtung:

  • Judentum nicht verzerren
  • keine kollektiven Schuldzuschreibungen
  • Sensibilität für die Wirkung christlicher Sprache

Diese Einsichten gelten nicht nur für Predigten über biblische Texte.

Sie gelten auch für politische und kirchliche Stellungnahmen heute.

Gerade dort.

Denn wenn Israel in kirchlichen Diskursen erneut isoliert, moralisch einseitig bewertet und in vereinfachte Schuldnarrative eingeordnet wird,
dann stellt sich unweigerlich die Frage:

Was wurde tatsächlich gelernt – und was offenbar wieder vergessen?

Es geht nicht darum, Israel vor Kritik zu schützen.

Es geht darum, dass Kritik nicht in Muster zurückfällt,
die historisch zur Entwertung jüdischen Lebens beigetragen haben –
und die in veränderter Form wieder erkennbar werden.

Kirchliche Verantwortung bedeutet nicht, „Ja und Amen“ zu sagen.

Aber sie bedeutet, sich der eigenen Geschichte so bewusst zu sein,
dass man nicht – bewusst oder unbewusst – erneut in Strukturen zurückfällt,
die man eigentlich überwinden wollte.

Schluss

Die Erklärung des Ökumenischer Rat der Kirchen ist kein expliziter Aufruf zum Hass.

Aber sie ist anschlussfähig für ihn.

Denn durch ihre Einseitigkeit, ihre Auslassungen und ihre moralische Asymmetrie fügt sie sich in ein Narrativ ein, das bereits existiert:

Ein Narrativ, in dem Israel isoliert wird.
Ein Narrativ, in dem komplexe Realität auf einfache Schuldzuschreibungen reduziert wird.
Ein Narrativ, das sich mühelos mit Parolen verbindet wie „Kindermörder Israel“.

Die Erklärung mag das nicht beabsichtigen.
Aber sie trägt dazu bei, dass solche Lesarten plausibel erscheinen.

Und genau darin liegt ihre Verantwortung.

Kirchliche Texte stehen nicht im luftleeren Raum.
Sie wirken.
Sie werden gelesen, geteilt, zitiert – und auch instrumentalisiert.

Wer in diesem Kontext spricht, trägt Verantwortung dafür,
nicht nur, was gesagt wird,
sondern auch, was weggelassen wird.

Ich erwarte von kirchlichen Stimmen keine Parteinahme für Krieg.

Aber ich erwarte:

  • Wahrhaftigkeit
  • Differenzierung
  • und eine Empathie, die nicht auswählt, wessen Leid zählt

Denn:

Selektive Empathie ist keine Gerechtigkeit.
Und ohne Gerechtigkeit wird auch kein Frieden glaubwürdig.

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