Vom Rufen und vom Hören: Sonntagspredigt

Der Predigttext von heute stammt aus Johannes 10,11-18.27-30. Er spricht vom guten Hirten und von denen, die seine Stimme kennen. Vielleicht hören wir ihn heute einfach so: als ein Bild davon, dass wir angesprochen sind –
und dass es Stimmen gibt, die Vertrauen wecken.

„Meine Schafe hören auf meine Stimme.1

Ein Satz, der einfach klingt – und gleichzeitig ziemlich voraussetzungsreich ist.

Denn die ehrliche Frage ist doch:
Woran erkennt man eigentlich eine Stimme?

Wir leben ja in einer Welt voller Stimmen.

Da sind die lauten Stimmen – die, die sich durchsetzen wollen.

Die Nachrichten, 
die ständig etwas von uns wollen.

Die Meinungen, die sicher sind, 
dass sie recht haben.

Und manchmal auch die inneren Stimmen, die sagen:
„Du solltest…
du müsstest… 
du bist noch nicht genug…“

Und dann gibt es die anderen Stimmen.
Leiser. Weniger aufdringlich.

Manchmal fast so, als müsste man still werden, um sie überhaupt zu hören.

Jesus sagt:
„Meine Schafe hören meine Stimme.“

Und ich muss gestehen:
Das Bild vom Schaf hat ja in unserer Kultur nicht unbedingt den besten Ruf.
Schafe gelten nicht gerade als Symbol für intellektuelle Höchstleistung.

Aber vielleicht ist das ein Missverständnis.

Vielleicht geht es hier gar nicht um Dummheit oder Gehorsam.

Sondern um etwas viel Einfacheres – und zugleich Tieferes:
Vertrautheit.

Denn Schafe folgen nicht blind irgendeiner Stimme.
Sie folgen der Stimme, die sie kennen.
Der Stimme, die sie nicht verletzt.
Die sie nicht antreibt.
Die sie nicht benutzt.
Sondern der Stimme, die ihnen vertraut ist.

Und Jesus setzt noch einen Kontrast:
Es gibt den Hirten –
und es gibt den, der nur für Geld da ist.

Der Unterschied ist ziemlich klar:
Der eine ist verbunden.
Der andere ist beschäftigt.
Der eine kennt die Tiere.
Der andere verwaltet sie.

Und im entscheidenden Moment merkt man den Unterschied.

Wenn Gefahr kommt – 
wenn der Wolf kommt –
dann bleibt der, 
dem es wirklich um die Schafe geht.

Der andere geht.

Das ist ein ziemlich ehrliches Bild für das Leben.

Nicht alles, was sich „Hirte“ nennt, ist wirklich verbindlich.

Und nicht jede Stimme, die laut ist, meint es gut.

Und dann sagt Jesus etwas sehr Schönes:
„Ich kenne die, die zu mir gehören, und sie kennen mich.“

Das ist kein Kontrollverhältnis.
Das ist Beziehung.

Nicht: Ich überwache euch.
Sondern: Ich kenne euch.

Und dann wird es noch weiter:
„Ich habe noch andere Schafe… auch sie werden meine Stimme hören.“

Das ist fast ein bisschen überraschend.
Denn das Bild wird weit.
Sehr weit.
Es gibt nicht nur „drinnen“ und „draußen“ in diesem engen Sinn.
Sondern eine Bewegung:
hin zu einer Herde, die größer ist als das, was wir im Blick haben.

Und dann kommt ein Satz, der fast schon ein wenig staunen lässt:
„Meine Schafe hören auf meine Stimme.“

Nicht: Sie verstehen immer alles sofort.
Nicht: Sie machen nie Umwege.
Sondern: Sie hören.

Und vielleicht ist das schon genug.

Denn wir wissen ja aus unserem eigenen Leben:
Stimmen hören wir viele.
Aber welche prägt uns?

Und hier kommt etwas ins Spiel, das uns heute vielleicht besonders nahe ist –
die Taufe, die gerade heute in diesem Gottesdienst stattfand.

Heute haben wir gesagt:
Dieses kleine Leben ist nicht allein unterwegs.
Sie ist getragen. 
Behütet. 
Begleitet.
Psalm 91,11 hat uns daran erinnert:

Da sind Engel auf ihren Wegen2.

Und jetzt, im Evangelium, hören wir:
Da ist eine Stimme, die sie kennt.

Das sind zwei Bilder, die sich ergänzen.

Die Engel sagen:
Du bist nicht verloren.
Der Hirte sagt:
Du bist angesprochen.

Das eine ist Schutz.
Das andere ist Beziehung.
Das eine sagt: Du bist gehalten.
Das andere sagt: Du bist gemeint.

Und vielleicht braucht es beides.

Denn ein Leben, das nur geschützt ist, bleibt stehen.
Und ein Leben, das nur gerufen wird, aber nicht gehalten ist, wird überfordert.

Jesus sagt:
„Ich gebe ihnen das ewige Leben.“

Und das klingt oft sehr groß und sehr fern.
Aber vielleicht meint es auch etwas sehr Einfaches:

Ein Leben, das nicht ständig Angst haben muss, verloren zu gehen.
Ein Leben, das nicht von jeder Stimme abhängig ist, die laut ruft.
Ein Leben, das weiß: Ich bin gemeint.

Und dann sagt er etwas sehr Starkes:
„Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“

Das ist kein romantisches Bild.
Das ist ein sehr kräftiges Bild.
Fast ein bisschen trotzig.

Als würde da jemand sagen:
Nicht einmal das, was euch Angst macht, hat das letzte Wort.

Und vielleicht ist das der tiefste Punkt heute:
Nicht, dass das Leben immer leicht ist.
Sondern dass es gehalten ist.

Und dann noch ein Satz, der fast wie ein Schlüssel wirkt:
„Ich und der Vater sind eins.“

Das ist kein abstrakter theologischer Satz.
Das ist ein Beziehungssatz.

Er sagt:
Was ihr in der Stimme des Hirten hört, ist nicht fern von Gott.
Es gehört zusammen.

Und vielleicht ist genau das die Einladung heute:
Nicht jede Stimme im Leben muss beantwortet werden.
Aber es lohnt sich, die zu kennen, die trägt.

Und manchmal – das wissen wir alle – ist genau diese gar nicht so laut.
Eher wie ein Ton im Hintergrund.
Wie etwas, das bleibt, auch wenn anderes vergeht.

Und vielleicht ist das das Entscheidende:

Nicht, dass wir nie verloren sind.
Sondern dass wir wieder erkennen können, wohin wir gehören,
dass Gottes Stimme nicht drängt, sondern ruft –
und dass wir manchmal still genug werden,
um sie zu hören.

Amen.

  1. 11»Ich bin der gute Hirte.
    Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe.
    12Anders ist das bei einem,
    der die Schafe nur für Geld hütet.
    Er ist kein Hirte, und sie gehören ihm nicht:
    Wenn er den Wolf kommen sieht,
    lässt er sie im Stich und läuft weg.
    Und der Wolf reißt die Schafe
    und jagt die Herde auseinander.
    13Denn so ein Mensch hütet die Schafe nur für Geld,
    und ihm liegt nichts an den Schafen.
    14Ich bin der gute Hirte.
    Ich kenne die, die zu mir gehören,
    und die zu mir gehören, kennen mich.
    15Genauso kennt mich der Vater,
    und ich kenne ihn.
    Ich bin bereit, mein Leben für die Schafe einzusetzen.
    16Ich habe noch andere Schafe,
    die nicht aus diesem Stall kommen.
    Auch die muss ich führen,
    und sie werden auf meine Stimme hören.
    Alle werden in einer Herde vereint sein
    und einen Hirten haben.
    17Deshalb liebt mich der Vater:
    Denn ich bin bereit, mein Leben herzugeben,
    um es wieder neu zu bekommen.
    18Niemand nimmt mir das Leben,
    sondern ich gebe es freiwillig her.
    Es steht in meiner Macht, es herzugeben. –
    Und genauso steht es in meiner Macht,
    es wieder neu zu bekommen.
    Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater erhalten.«
     
    27Meine Schafe hören auf meine Stimme.
    Ich kenne sie, und sie folgen mir.
    28Ich gebe ihnen das ewige Leben.
    Sie werden in Ewigkeit nicht ins Verderben stürzen,
    und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
    29Mein Vater, der sie mir anvertraut hat,
    ist mächtiger als alle.
    Niemand kann sie aus seiner Hand reißen.
    30Ich und der Vater sind eins.« ↩︎
  2. „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen,

    dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

    (Psalm 91,11) ↩︎

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