Unerased – wie Geschichten eine Stimme finden

Freitag den 7. August um 0:00 Uhr ist es soweit: Mein erstes Album „Unerased“ erscheint.
Ein Album. Meine Lieder. Meine Stimme. Meine Geschichten.
Und wenn ich ehrlich bin: Vor einigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal diesen Satz schreiben würde.

Denn meine Geschichte mit Musik beginnt nicht mit einem Studio, nicht mit einer Plattenfirma und auch nicht mit künstlicher Intelligenz.
Sie beginnt mit Worten.

Manche Texte warten jahrelang auf ihre Melodie

Schreiben war schon immer mein Medium.

Manchmal kommen Texte völlig unerwartet. Beim Busfahren. Im Zug. Unter der Dusche. In einem Moment, in dem mich etwas berührt, beschäftigt oder nicht mehr loslässt.

Dann schreibe ich schnell ein paar Zeilen in mein Notizbuch, das ich fast immer dabeihabe, oder diktiere etwas in meine Notizen-App. Später entsteht daraus ein fertiger Text.

Manche Texte sind sehr persönlich. Manche entstehen aus Begegnungen mit anderen Menschen. Manche aus Beobachtungen unserer Welt. Manche liegen einfach irgendwo und warten darauf, dass ihre Zeit kommt.

Über die Jahre haben meine Texte viele Wege gefunden.

Einige wurden bei Poetry Slams und Preacher Slams gesprochen. Andere fanden ihren Platz in liturgischen Zusammenhängen, in Büchern oder auf meinem Blog.

Aber irgendwann stellte sich eine neue Frage:

Was kann aus diesen Texten noch werden?

Denn neben dem Schreiben war immer auch Musik da.

Musik, die geblieben ist

Ich habe viele Jahre gesungen: in klassischen Chören, in Gospelchören und in einer Band. Ich habe Gesangsunterricht genommen und dabei gelernt, meine Stimme neu zu entdecken, mutiger zu werden und mich auszuprobieren.

Ich habe auch Klavier gespielt.

Mein Klavierlehrer sagte mir damals, dass ich sehr viel Potential hätte. Ich spielte vieles nach Gehör und liebte es, wenn aus Tasten plötzlich Geschichten wurden.

Das letzte größere Stück, das ich gespielt habe, war Mozarts „Figaros Hochzeit“.
Ich habe dieses Stück geliebt.

Dann kam ein Schlaganfall.

Plötzlich mussten Dinge neu gelernt werden, die vorher selbstverständlich gewesen waren. Sprache zum Beispiel. Sprechen. Worte finden.

Auch meine Hände funktionierten nicht mehr so wie früher. Das Klavierspielen, wie ich es einmal konnte, war nicht einfach wieder da.

Aber etwas ist geblieben:
Die Liebe zur Musik.
Vielleicht musste sie nur einen neuen Weg finden.

Der Beginn von Unerased

Irgendwann sah ich eine Werbung für die App Suno.
Und ich dachte:
Warum eigentlich nicht ausprobieren?
Nicht, weil ich dachte: „Jetzt mache ich einfach ein Album mit KI.“

Sondern weil ich mich fragte:
Was kann ich mit meinen Texten machen?

Ich hatte Texte. Viele Texte.
Ich hatte Geschichten, die hörbar werden wollten.

Aber ich hatte keine Band im Hintergrund. Kein großes Studio. Kein Budget für professionelle Produktion mit Musiker:innen, Orchester und all den Menschen, die normalerweise hinter einem Album stehen.

Also begann ich zu experimentieren.

Ich sang meine eigene Stimme ein – stundenlang. Nicht einfach nebenbei mit dem Handy, sondern mit einem guten Mikrofon.

Ich probierte aus. Änderte Dinge. Verwarf Ergebnisse. Fing wieder neu an.
Und ich musste lernen, wie ich mit diesem neuen Werkzeug arbeiten kann.

Denn mein Ziel war nie, irgendeine Stimme zu erzeugen.
Mein Ziel war:

Meine Stimme soll hörbar bleiben.

Wenn ein Text fertig ist, frage ich mich:
Wie klingt diese Geschichte?
Welches Genre trägt sie?

Manche Texte brauchen vielleicht Soul oder R&B. Andere Hip-Hop oder Trap-Hop. Manche etwas Hymnisches. Andere etwas ganz Eigenes.

Die Musik folgt der Geschichte.
Nicht umgekehrt.

Einige Geschichten auf Unerased

Jedes Lied auf diesem Album trägt seine eigene Geschichte.

„Girl, Unerased“ ist vielleicht das Herzstück des Albums. Der Song erzählt von dem Versuch, einen Menschen zu verändern, der nie kaputt war – und von dem langen Weg zurück zu der Erkenntnis: Ich bin gut, so wie ich bin. Die Wunden waren real, aber sie haben nicht das letzte Wort.

„The First Time“ erzählt von einem ganz anderen Moment: von der ersten Liebe, dem ersten Kuss mit einer Frau und diesem Gefühl, nach langer Zeit wieder wirklich lebendig zu sein. Es geht um Zärtlichkeit, Staunen und darum, sich nicht länger verstecken zu müssen.

„I’m Going to Pride“ verbindet queere Identität mit Glauben. Der Song entstand aus der Erfahrung, dass Religion manchmal gegen queere Menschen verwendet wird – und setzt dem eine andere Botschaft entgegen: Dass Liebe, Würde und Gottes Zuwendung keine Gegensätze sind.

„Together with Love Against Hate“ ist ein Lied der Erinnerung und der Solidarität. Es entstand aus der Trauer über Gewalt gegen queere Menschen am CSD in Berlin 2026 und aus der Überzeugung, dass Hass nicht das letzte Wort haben darf. Wir erinnern. Wir trauern. Und wir tanzen weiter – nicht, weil wir vergessen, sondern weil wir erinnern.

Und daneben gibt es auch Lieder über Liebe, Hoffnung, Sehnsucht und die großen Fragen des Lebens. Manche Geschichten sind sehr persönlich, andere öffnen einen Raum, in dem vielleicht auch andere Menschen ihre eigene Geschichte wiederfinden können.

KI als Werkzeug – und warum ich darüber spreche

Natürlich habe ich mir Gedanken über KI in der Kunst gemacht.

Ich habe die Diskussionen gesehen: von neugieriger Offenheit über konstruktive Kritik bis hin zu völliger Ablehnung.

Und ich verstehe die Fragen.

KI-generierte Musik ist nicht dasselbe wie Musik, die von Musiker gemeinsam im Studio geschrieben, gespielt und aufgenommen wird. Es gibt wichtige Fragen rund um Urheberrechte, Trainingsdaten, Wertschätzung und die Zukunft kreativer Berufe.

Diese Fragen verschwinden nicht einfach.

Aber ich glaube auch: Die Frage ist nicht nur, ob ein Werkzeug existiert.
Die Frage ist, wie wir damit umgehen.

Für mich ist KI kein Ersatz für menschliche Kreativität.
Sie ersetzt nicht das Schreiben.
Sie ersetzt nicht die Stimme.
Sie ersetzt nicht die Erfahrungen, aus denen Geschichten entstehen.

Für mich ist sie ein Werkzeug.
Eine Brücke.

Eine Möglichkeit, meine eigenen Texte und meine eigene Stimme in eine Form zu bringen, die mir sonst nicht offen gestanden hätte.

Was erzählt Unerased?

Ich bin Pfarrerin, ich bin queer, und ich bin multi-ethnisch – das gehört zu meiner Biografie. Natürlich prägen mich mein Leben, meine Erfahrungen und auch meine Auseinandersetzung mit Glauben.

Und dieses Album ist mein persönliches Projekt.

Es geht um Menschen.
Um Geschichten.
Um Liebe.
Um Würde.
Um Hoffnung.

Viele Lieder beschäftigen sich mit queeren Erfahrungen: mit Sichtbarkeit, mit Verletzungen, mit Selbstannahme und mit der Frage, wie ein Mensch ganz er selbst sein darf.

Aber ich glaube, die Themen reichen darüber hinaus.

Denn die Fragen dahinter kennen viele Menschen:
Wer bin ich?
Darf ich so sein, wie ich bin?
Bin ich wertvoll?
Kann ich nach Verletzungen wieder vertrauen?
Kann ich wieder hoffen?

Nicht ausgelöscht

Der Titel des Albums kommt von meinem Lied „Girl, Unerased“.

Das Lied erzählt von der Erfahrung, dass Menschen versucht haben, etwas an mir zu verändern, das nie falsch war. Es ist auch ein Wortspiel mit dem Film „Boy Erased“.

Aber für mich bedeutet „Unerased“ noch mehr.

Es bedeutet:

Meine Geschichte bleibt.
Meine Stimme bleibt.
Meine Liebe bleibt.
Meine Würde bleibt.

Und auch die der anderen.

Das Album erzählt von Menschen, denen gesagt wurde, sie seien falsch – und die entdecken, dass sie niemals falsch waren.

Von Liebe, die nicht versteckt werden muss.
Von Glauben, der nicht gegen Menschen stehen muss.
Von Hoffnung, die auch nach schweren Zeiten wieder wachsen kann.

Vielleicht findest du dich wieder

Ich möchte mit diesen Liedern niemanden überzeugen.
Ich möchte niemandem eine Meinung aufzwingen.

Die Lieder wollen nicht überzeugen.
Sie wollen begleiten.

Vielleicht hast du etwas Ähnliches erlebt.
Vielleicht kennst du das Gefühl, nicht hineinzupassen.
Vielleicht kennst du Verletzungen durch andere Menschen oder durch Worte, die sich tief eingeprägt haben.
Vielleicht findest du dich in einer dieser Geschichten wieder.

Und vielleicht erinnert dich ein Lied daran:
Du bist nicht kaputt.
Du bist nicht falsch.
Du bist wertvoll.
Du bist geliebt.

Die Reise geht weiter

„Unerased“ ist mein erstes Album.
Aber es wird nicht das letzte bleiben.

Zwei weitere Projekte sind bereits unterwegs – diesmal stärker deutschsprachig.

Ein kommendes Album wird jüdischer geprägt sein und unter anderem auch einen jüdisch-kurdischen Song enthalten.

Andere Lieder werden sich mit weiteren Fragen beschäftigen: mit Identität, Glauben, Liebe, gesellschaftlichen Themen und unserem Umgang miteinander.

Denn darum geht es mir:
Geschichten hörbar machen.
Stimmen sichtbar machen.
Und vielleicht ein kleines Stück Hoffnung in die Welt bringen.

Heute Nacht beginnt diese Reise.
Unerased.
Nicht ausgelöscht.

Sondern hörbar.

4 Kommentare zu „Unerased – wie Geschichten eine Stimme finden

  1. Vielen Dank für diesen persönlichen und mutigen Beitrag. Er macht deutlich, dass Kunst nicht allein aus technischen Möglichkeiten entsteht, sondern aus menschlicher Erfahrung, Hoffnung und dem Wunsch, der eigenen Geschichte eine Stimme zu geben. Werkzeuge – ob Feder, Klavier oder Künstliche Intelligenz – ersetzen weder Kreativität noch biografische Authentizität; entscheidend bleibt der Mensch, der sie verantwortungsvoll einsetzt.

    Aus ethischer und rechtsstaatlicher Sicht eröffnet Ihr Beitrag zugleich eine wichtige Debatte über die Chancen und Grenzen generativer KI. Die berechtigten Fragen nach Urheberrecht, Transparenz, fairer Vergütung kreativer Leistungen und dem Schutz geistigen Eigentums verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie die Möglichkeit, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder begrenzten Ressourcen neue Ausdrucksformen zu eröffnen. Innovation und Verantwortung sollten dabei keine Gegensätze sein, sondern einander ergänzen.

    Historisch zeigt sich, dass nahezu jede technische Neuerung – vom Buchdruck über die Fotografie bis zur digitalen Musikproduktion – zunächst Skepsis auslöste und später Teil kultureller Entwicklung wurde. Wissenschaftlich betrachtet ist daher weniger das Werkzeug entscheidend als dessen verantwortungsvoller Einsatz. Philosophisch erinnert Ihr Albumtitel daran, dass Identität nicht durch äußere Zuschreibungen entsteht, sondern durch die unveräußerliche Würde jedes Menschen. Diese Würde findet sowohl im christlichen Verständnis der Gottesebenbildlichkeit als auch in Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in Art. 1 des deutschen Grundgesetzes ihren Ausdruck.

    In einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung und rasanter technologischer Veränderungen sind Stimmen wichtig, die Brücken statt Gräben bauen. Ob Menschen alle theologischen oder gesellschaftlichen Positionen teilen oder nicht – Respekt, Wahrhaftigkeit, Mitmenschlichkeit und die Bereitschaft zum Dialog bleiben die tragenden Grundlagen einer freien und pluralistischen Gesellschaft. Ich wünsche Ihrem Projekt, dass es Menschen zum Nachdenken, Zuhören und zu einem respektvollen Miteinander ermutigt.
    „Mit Unterstützung von ChatGPT erstellt und redaktionell überprüft.“

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