Antisemitismus ist in queeren Räumen ein wachsendes Problem, das sich insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 deutlich verschärft hat. Jüdische und speziell queere jüdische Menschen erleben zunehmend Ausgrenzung, Boykott und Ablehnung in queeren Räumen. Dabei wird oft ein politisch motivierter «Antizionismus» zur Rechtfertigung von Antisemitismus. Jüdische Symbole wie der Davidstern auf Regenbogenfahnen werden bei Pride-Veranstaltungen ausgegrenzt oder Anliegen jüdischer Queers werden nicht ernst genommen.
Zu diesem Thema fand am 16. März 2026 eine Lesung mit anschliessendem Austausch im Saal statt. Ich las meine Texte, und Roland Stark, ehem. Verfassungs- und Grossratspräsident (SP) kommentierte und reflektierte die Lesung aus traditioneller sozialdemokratischer Sicht und kritisierte die Diskriminierung durch identitätspolitische ideologische Koalitionen; Rolf Stürm und Marc Fehlmann begleiteten und moderierten den Abend. Die Veranstaltung machte Antisemitismus im queeren Raum sichtbar und regte zum Austausch an. Der Abend war gelungen: der Saal war voll, der Austausch respektvoll, beim anschliessenden Apéro ging es freundschaftlich zu.
Dies hier sind die von mir gelesenen, eigenen vier Texte des Abends. Die Texte basieren auf meinen eigenen Erfahrungen, und teilen sich in vier Sujets auf:
Text 1 – Der Anfang / Zeittext
Thema: Die ersten Wochen nach dem 7. Oktober
Fokus: Social Media, frühe Hasskommentare, queere Safe Spaces, die schnell unsicher wurden
Text 2 – Der öffentliche Raum / Ortstext
Thema: Erfahrungen auf Prides
Fokus: konkrete Situationen, Sichtbarkeit, Sicherheit, Atmosphäre
Text 3 – Sprache als Macht/Sprachtext
Thema: Sprachverwirrungen und ihre Wirkung
Fokus: Begriffe wie „FLINTIfada“, Labels, Chiffren, wer mitreden darf – und wer nicht
Text 4 – Beziehung und Nachhall/Beziehungstext
Thema: Was bleibt, wenn Vertrauen bricht
Fokus: Freundschaften, Schweigen, Rückzug, Ermüdung
Einleitung
Ich spreche heute aus meiner eigenen Erfahrung.
Als Mensch mit einem bestimmten Hintergrund,
und mit Geschichten,
die sich nicht voneinander trennen lassen.
Ich habe lange in queeren, feministischen
und linken Räumen gelebt.
Das waren für mich Orte von Zugehörigkeit.
Orte, an denen ich dachte: Hier darf ich ganz sein.
Und ich habe erfahren,
wie sich Zugehörigkeit verändern kann.
Wie sie brüchig wird.
Wie sie sich manchmal zurückzieht –
leise oder abrupt.
Und aus dieser Perspektive spreche ich heute.
Nicht, um zu erklären.
Sondern um sichtbar zu machen, was passiert,
wenn Räume, die einmal sicher waren,
sich verändern.
Text 1 – Der Anfang / Zeittext
Die ersten Wochen danach
Der 7. Oktober hatte kaum begonnen,
da war er schon überall.
Nicht erst in den Nachrichten.
Nicht erst in offiziellen Stellungnahmen.
Sondern in meinen Händen,
auf meinem Handy,
in meinem Körper.
Ich weiß noch genau,
wie ich an diesem Morgen aufgewacht bin.
Zu früh.
Ich griff zum Handy,
wie so oft, ohne besonderen Grund –
und dann war da kein Abstand mehr.
Keine Zeit zum Denken.
Keine Einordnung.
Bilder.
Videos.
Menschen, die rannten.
Schreie.
Panik.
Raketen am Horizont.
Gesichter,
in denen nichts war
außer Angst um das eigene Leben.
Ich brauchte Minuten,
um zu begreifen,
dass das kein Gerücht war.
Dass das kein einzelner Vorfall war.
Dass hier gerade etwas geschah,
das sich nicht mehr einfangen lassen würde.
Und während in Israel noch geschossen wurde,
während noch nicht einmal klar war,
wie viele Menschen ermordet,
entführt,
verletzt,
vergewaltigt,
verbrannt worden waren,
begann anderswo bereits etwas anderes:
Nicht die Trauer.
Nicht das Innehalten.
Sondern das Erzählen.
Social Media war
schneller als jedes Nachdenken.
Schneller als jedes Mitgefühl.
Schneller als jede Form von Menschlichkeit.
Schon am 8. Oktober war der Ton gesetzt.
Ich sah Jubel.
Häme.
Rechtfertigungen.
Ich sah Menschen, die ich kannte –
manche flüchtig,
manche näher,
andere Freunde –
die von „Widerstand“ sprachen,
während die Leichen
noch nicht einmal identifiziert waren,
noch nicht einmal kalt waren.
Ich sah Posts,
die das Massaker relativierten,
umdeuteten,
leugneten.
Und ich merkte sehr schnell:
Es würde nicht möglich sein,
einfach nur zu trauern.
Ich schrieb nichts Politisches.
Ich rief zu nichts auf.
Ich äußerte Entsetzen.
Schmerz.
Trauer.
Das reichte.
Die ersten Hasskommentare kamen schneller,
als ich sie begreifen konnte.
„Zurück nach Auschwitz.“
„Gas the Jews.“
„Schade, dass meine Großeltern Juden versteckt haben.“
Und dazwischen, immer wieder: „Free Palestine.“
Unter einem „Shabbat Shalom“.
Unter einem Ausdruck von Trauer.
Unter einem Satz, der nichts weiter sagte als:
Das hier ist unerträglich.
Ich erinnere mich an das Gefühl,
als mir klar wurde,
dass diese Kommentare
nicht von anonymen Bots kamen.
Sondern von Menschen mit Profilbildern.
Mit Pronomen in der Bio.
Mit Regenbogenflaggen.
Mit „Safe Space“-Parolen.
Menschen,
von denen ich gedacht hatte,
wir teilten etwas.
Vielleicht ist das einer der schmerzhaftesten Punkte dieser ersten Wochen gewesen:
Nicht nur der Hass.
Sondern woher er kam.
Queere Räume galten mir lange als Schutzräume.
Nicht perfekt –
aber getragen von der Idee,
dass Verletzlichkeit ernst genommen wird.
Dass Diskriminierung erkannt wird.
Dass man zuhört,
wenn jemand sagt: Das tut weh.
Nach dem 7. Oktober kippte das innerhalb von Tagen.
Plötzlich gab es Bedingungen für Mitgefühl.
Plötzlich gab es eine richtige und eine falsche Trauer.
Plötzlich wurde geprüft,
wie man trauert,
wen man betrauert,
ob man überhaupt trauern darf.
Ich lernte ein neues Wort,
das keines war,
sondern eine Praxis: Gesinnungskontrolle.
Es wurde erwartet,
dass man sich einordnet.
Dass man sich distanziert.
Dass man Formeln benutzt.
Und wenn man das nicht tat –
wenn man einfach nur sagte:
Ich bin erschüttert –
dann wurde man verdächtig.
Ich habe in diesen Wochen oft geschwiegen.
Nicht,
weil ich nichts zu sagen gehabt hätte.
Sondern weil ich spürte,
dass jedes Wort
gegen mich verwendet werden konnte.
Das Schweigen war kein Frieden.
Es war ein Rückzug.
Wir merkten:
Die Räume, die wir kannten,
waren nicht mehr dieselben.
Oder vielleicht waren sie es immer gewesen,
und wir hatten es nur nicht sehen wollen.
Es gab keine offenen Gespräche mehr.
Keine echten Fragen.
Nur noch Positionen.
Wer nicht laut genug war,
galt als Komplize.
Wer differenzierte,
galt als gefährlich.
Wer nicht mitrief,
wurde ausgegrenzt.
Und immer wieder dieses Wort:
Sicherheit.
Safe Space.
Aber sicher für wen?
Für mich waren diese Räume
plötzlich nicht mehr sicher.
Nicht körperlich –
aber existenziell.
Ich musste damit rechnen,
angegangen zu werden.
Beschimpft zu werden.
Zum Schweigen gebracht zu werden.
Ich erinnere mich an den Moment,
in dem mir klar wurde:
Ich kann hier nicht mehr atmen.
Nicht alles geschah laut.
Vieles geschah leise.
Freundschaften,
die einfach aufhörten.
Nachrichten,
die unbeantwortet blieben.
Ein Wegsehen,
das lauter war als jede Beleidigung.
Und währenddessen ging das Erzählen weiter.
Die Täter-Opfer-Umkehr wurde fester.
Die Sprache härter.
Die Bilder eindeutiger.
Ich hörte Worte wie „Genozid“,
lange bevor irgendjemand innegehalten hatte.
Ich hörte Parolen,
die nicht erklärten,
sondern auslöschten.
Und ich sah,
wie alte antisemitische Muster
neue Namen bekamen.
Es war nicht neu.
Aber es war erschreckend präsent.
Vielleicht war das der Punkt,
an dem sich etwas endgültig verschob.
Nicht nur draußen,
auf den Straßen oder im Netz.
Sondern in mir.
Ich begann zu verstehen,
dass Zugehörigkeit brüchig ist.
Dass Solidarität Bedingungen hat.
Dass man sehr schnell allein stehen kann,
wenn man nicht ins gewünschte Bild passt.
Und doch –
das gehört auch zu diesen ersten Wochen –
war da nicht nur Verlust.
Da waren Menschen,
die blieben.
Die nachfragten.
Die nicht sofort antworten mussten,
aber präsent waren.
Da entstand ein anderes Wir.
Kleiner.
Leiser.
Aber tragfähiger.
Ein Wir,
das nicht auf Parolen beruhte,
sondern auf Zuhören.
Auf Aushalten.
Auf dem Wissen,
dass man nicht alles gleich auflösen muss.
Die ersten Wochen nach dem 7. Oktober
haben mir vieles genommen.
Illusionen.
Räume.
Gewissheiten.
Aber sie haben mir auch etwas gezeigt:
Wem ich nicht erklären muss,
warum ich trauere.
Und wo ich meinen Schmerz
nicht rechtfertigen muss.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.
Nicht laut.
Nicht triumphierend.
Aber ehrlich.
—
Text 2 – Der öffentliche Raum / Ortstext
Der öffentliche Raum
Ich möchte über Räume sprechen.
Über öffentliche Räume.
Über Orte, die einmal Schutz versprochen haben –
und es nicht mehr tun.
Pride war für mich lange genau so ein Ort.
Ein Raum der Sichtbarkeit.
Ein Raum, in dem ich meinen Körper nicht erklären musste.
Ein Raum, in dem meine Identität nicht zur Debatte stand.
Heute betrete ich diese Räume anders.
Ich schaue zuerst:
Wer ist hier sichtbar?
Welche Symbole sind da?
Welche Worte liegen in der Luft,
noch bevor jemand etwas sagt?
2024 trauten sich jüdische Menschen aus Angst nicht mehr, an einer Pride teilzunehmen.
Nicht aus theoretischen Gründen.
Nicht wegen eines abstrakten Diskurses.
Sondern aus Angst vor Anfeindung.
Das ist kein Gefühl.
Das ist eine Tatsache.
Und genau deshalb war es so wichtig,
dass wir trotzdem da waren.
Wir liefen als kleine Gruppe.
Mit Regenbogenfahnen,
auf denen ein weißer Davidstern war.
Wir riefen keine Parolen.
Wir waren einfach da:
jüdische lesbische, schwule, inter, nichtbinäre Menschen.
Und dann kamen sie vorbei und schrien uns an:
„Free, free Palestine.“
Nicht in eine Menge hinein.
Nicht allgemein.
Sondern gezielt.
In unsere Richtung.
Der öffentliche Raum wurde in diesem Moment enger.
An einer anderen Pride tauchte plötzlich ein großes Schild auf.
Rot auf Karton: „FLINTIFADA“.
Daneben ein rotes Hamas-Dreieck.
Dieses Dreieck ist kein neutrales Symbol.
Es markiert Ziele.
Es steht für Gewalt.
Es steht für eine Organisation,
die queere Menschen verfolgt und tötet.
Wenn ein solches Symbol auf einer Pride auftaucht, dann signalisiert das etwas sehr Konkretes:
Jüdinnen und Juden sind hier nicht willkommen.
Ihre Sicherheit ist offenbar irrelevant.
Das ist kein ästhetisches Statement.
Das ist ein Bedrohungssignal.
Es blieb nicht bei Symbolen.
Es wurden Parolen gerufen:
„Zionisten können sich verpissen.“
Wenn 90 bis 95 Prozent aller jüdischen Menschen in irgendeiner Form zionistisch sind –
im Sinne von jüdischer Selbstbestimmung –
dann heißt das nichts anderes als:
Juden sollen verschwinden.
„Zionist“ ist hier kein politischer Begriff.
Es ist ein Codewort.
Und es ist bemerkenswert,
wie schnell sich der öffentliche Raum daran gewöhnt hat.
Die Veranstalter schritten nicht ein.
Die Awareness-Konzepte griffen nicht.
Die Security blieb passiv.
„Hass ist keine Meinung“ –
dieser Satz gilt offenbar nur selektiv.
Gegen Heteronormative,
die eine Dragqueen schief anschauen.
Nicht aber gegen Queers,
die Jüdinnen und Juden beschimpfen.
Diese selektive Durchsetzung ist kein Versehen.
Sie ist heuchlerisch.
Zürich, Juni 2024.
Hier zeigte sich die Gefahr anders.
Transparente mit Hakenkreuz-Davidstern-Kombinationen tauchten auf.
Begleitet von Aufrufen zu Gewalt,
die schliesslich in die Tat umgesetzt wurden.
Auch hier blieb der Schutz brüchig.
Polizei und Security reagierten zögerlich –
teilweise gar nicht.
Die antisemitischen Botschaften waren nicht subtil.
Sie waren körperlich präsent.
Sichtbar.
Bedrohlich.
Es war nicht länger nur ein digitaler Raum, der uns angriff.
Der öffentliche Raum selbst war zur Plattform für Ausschluss geworden.
Bern, Pride 2025.
Hinter uns: Al-Rahman,
die progressive muslimische Gruppe.
Vor uns «Zwischenraum», die christliche.
Drei abrahamitische Communities, Rücken an Rücken.
Ein anderes Bild von Religion.
Ein anderes Bild von Gemeinschaft.
Eins, das trägt.
Aber auch:
Keine Nationalflaggen – das war die Vereinbarung.
Damit sich niemand unwohl fühlen muss.
Damit es bei der Pride um queere Menschen geht –
und nicht um Länder, Regierungen, Kriege.
Wir hielten uns daran.
Ich erinnere mich gut an den Moment,
bevor ich nach Bern fuhr.
Ich stand vor dem Spiegel und überlegte,
was ich ablegen muss.
Nicht, was ich zeigen will –
sondern, was ich besser nicht trage.
Ich nahm den Pin ab.
Die kleine gelbe Schleife für die Geiseln.
Aus Respekt vor den Regeln.
Um nicht zu provozieren.
Doch andere hielten sich nicht daran.
Queers for Palestine brachten ihre Plakate.
Ihre großen Flaggen.
Ihre Parolen:
„Free Palestine.“
„Gegen Genozid.“
„Gegen Apartheid.“
Pinkwashing.
Sie liefen nicht hinter uns,
wie vorgesehen.
Sie überholten irgendwann.
Laut.
Unbeirrt.
Einige von uns fühlten sich bedroht.
Einige gingen.
Wir meldeten es der Security.
Es passierte: nichts.
Basel, Oktober 2025.
Der CSD verschärfte dieses Muster.
Auf den Plakaten prangte kein Regenbogen.
Sondern ein großes rotes Hamas-Dreieck.
Daneben der Slogan:
„Queer as in Free Palestine.“
Für queere Jüdinnen und Juden war das ein klares Signal:
Dieser Raum ist nicht mehr sicher.
Diese Symbolik ist nicht abstrakt.
Sie ist historisch aufgeladen.
Sie erinnert an Gewalt,
an Verfolgung,
an Auslöschung.
Vertrauen,
das Pride einmal symbolisiert hatte,
wurde erschüttert.
Nicht nur auf Prides.
Auch an den Universitäten.
Ich war an meiner Uni.
Einem Ort, den ich lange als Safe Space empfunden hatte.
Dann kam eine Besetzung.
Und eine zweite.
Workshops.
Vorträge.
„Queers for Palestine“ waren präsent.
Laut.
Dominant.
Aggressiv in ihrer Botschaft.
Ich ging hin.
Ich wollte zuhören.
Verstehen.
Vielleicht in Dialog kommen.
Was folgte, waren Unwahrheiten.
Offene Lügen über Judentum und Geschichte.
Und – subtil oder offen –
Bedrohungen gegen Jüdinnen und Juden.
Der Raum kippte.
Queere, linke, alternative Orte,
die Sicherheit versprochen hatten,
wurden ungemütlich.
Teilweise feindlich.
Gesinnungskontrollen schienen wichtiger zu sein
als der Schutz realer Menschen.
Und trotzdem bleiben wir sichtbar.
Nicht, weil es leicht war.
Sondern weil Rückzug uns unsichtbar gemacht hätte.
Sichtbarkeit bedeutet nicht nur Flaggen.
Sie bedeutet,
mit dem eigenen Körper in der Spannung zu stehen:
zwischen Freude an Gemeinschaft
und Angst vor Gewalt.
Jeder Schritt in diesen Räumen,
jeder Atemzug,
ist geprägt von dieser Ambivalenz.
Was bleibt, ist eine Erkenntnis:
Öffentlicher Raum ist nie neutral.
Er spiegelt Machtverhältnisse.
Vorurteile.
Gewaltfantasien.
Digitale Rufe nach „Intifada“
oder „Genozid“ bleiben nicht digital.
Sie materialisieren sich.
Wer die Intifada erlebt hat,
hört diese Worte anders.
Wer Explosionen gehört hat,
den Geruch verbrannten Fleisches kennt,
den metallischen Spiegel von Blut auf Straßen gesehen hat,
hört die Forderung von davon anders.
Für uns sind das keine Metaphern.
Safe Spaces müssen verteidigt werden.
Nicht nur beschworen.
Sichtbarkeit allein schützt nicht.
Sie macht verletzlich.
Und doch –
mitten in Bedrohung,
in Rufen,
in Symbolen der Gewalt
finden wir Momente von Stärke.
Kleine Allianzen.
Schutznetzwerke.
Menschen, die einander tragen.
Jeder Schritt durch eine Pride.
Jede Teilnahme an einem Uni-Workshop.
Jeder Moment,
in dem wir uns nicht einschüchtern lassen,
ist Widerstand.
Es sind diese körperlich erfahrbaren Räume,
in denen digitale Aggression greifbar wird –
und in denen sich entscheidet,
welche Solidarität wirklich trägt.
—
Text 3 – Sprache als Macht/Sprachtext
Sprache als Macht – wie Worte, Chiffren und Symbole queere Räume verändern
Sprache ist nicht neutral.
Sie war es nie –
und sie ist es auch in queeren Räumen nicht.
Worte schaffen Wirklichkeit.
Sie öffnen Räume oder schließen sie.
Sie markieren Zugehörigkeit oder verweisen Menschen an den Rand.
Und manchmal kündigen sie Gewalt an, lange bevor diese körperlich wird.
Pride-Events, queere Universitätsräume und politische Demonstrationen zeigen besonders deutlich:
Sprache ist nicht nur Kommunikation, sondern Machtpraxis.
Dieser Text fragt nicht danach, was gemeint war.
Er fragt danach, was wirkt.
1. Direkte verbale Drohungen – wenn Sprache enthemmt wird
Es gibt Aussagen, die keine Interpretation mehr brauchen.
Wenn bei Prides oder in queeren Kontexten gerufen wird:
„Zionisten können sich verpissen“
dann handelt es sich nicht um eine politische Debatte, sondern um eine verbale Vertreibung.
„Zionist“ fungiert hier als Chiffre für Jüdinnen und Juden.
Gemeint ist nicht eine differenzierte politische Haltung, sondern eine Gruppe von Menschen, die als unerwünscht markiert wird.
Die Botschaft ist eindeutig: Ihr gehört nicht hierher.
Noch deutlicher wird es bei Parolen wie:
„there is only one solution“
Dieser Satz ist historisch eindeutig kodiert.
Er verweist auf die „Endlösung der Judenfrage“ – eines der zentralen Begriffe nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.
Wer diese Formel heute benutzt,
greift bewusst oder unbewusst auf eine Sprache zurück, die auf Auslöschung zielt.
Das ist keine Metapher, keine Provokation, kein „Missverständnis“.
Es ist eine explizite Drohung.
Sprache wird hier nicht benutzt,
um Kritik zu äußern,
sondern um Angst zu erzeugen.
Und Angst wirkt –
auch dann, wenn andere im Raum sie nicht spüren.
2. Politische Slogans und ihre Wirkung im konkreten Raum
Viele der verwendeten Parolen sind auf den ersten Blick politisch anschlussfähig:
- „Free Palestine“
- „Gegen Genozid“
- „Gegen Apartheid“
Isoliert betrachtet mögen sie als politische Positionierungen gelesen werden.
Doch Sprache wirkt nicht isoliert. Sie wirkt im Kontext, in Kombination, in körperlicher Nähe.
Wenn diese Slogans:
- laut gerufen werden,
- andere Gruppen überholen,
- Vereinbarungen ignorieren,
- und gezielt dort auftauchen, wo jüdische Queers sichtbar sind,
dann verändern sie ihre Bedeutung.
Sie werden nicht mehr als abstrakte politische Kritik wahrgenommen, sondern als adressierte Botschaft.
Abgesehen davon, wie mensch konkret zu ihrem Inhalt steht, bedeutet sie für viele jüdische Menschen:
Du bist gemeint. Du bist das Problem.
Besonders deutlich wird dies in der Kombination mit dem Ruf:
„From the river to the sea“
Diese Formel ist historisch und politisch hoch aufgeladen.
Sie wird von vielen Jüdinnen und Juden – nicht abstrakt, sondern existenziell – als Aufruf zur Vernichtung Israels verstanden und damit als Bedrohung jüdischen Lebens.
Sprache funktioniert hier nicht als Einladung zum Diskurs, sondern als Grenzmarkierung:
Dieser Raum ist nicht für dich.
3. Symbolische Sprache – wenn Bilder sprechen
Sprache besteht nicht nur aus Worten.
Symbole sind Sprache –
oft sogar eine sehr viel mächtigere.
Ein zentrales Beispiel ist das rote Hamas-Dreieck.
Dieses Symbol ist mehrfach kodiert:
- Es wird von Hamas genutzt, um militärische Ziele zur Eliminierung markieren.
- Es steht für Gewalt, Tod und bewaffneten Kampf.
- Es erinnert visuell an die Dreiecke, mit denen politische Häftlinge im Nationalsozialismus gekennzeichnet wurden.
Wenn ein solches Symbol auf Pride-Plakaten oder bei queeren Demonstrationen auftaucht, sendet es eine klare Botschaft –
unabhängig davon, wie es gemeint sein mag. Es sagt:
Gewalt wird hier symbolisch legitimiert.
Für jüdische Menschen ist das kein abstrakter Diskurs, sondern ein historisch und biografisch aufgeladener Alarm.
Ähnlich wirkt der Begriff:
„FLINTIfada“
Die Verschmelzung von FLINTA und „Intifada“ ist semantisch hochproblematisch.
Die Intifadas waren keine friedlichen Aufstände, sondern geprägt von Anschlägen, Messerattacken, Anschlägen mit Fahrzeugen und Bomben.
Wer diesen Begriff spielerisch verwendet, verharmlost reale Gewalt – und transformiert sie in eine identitätspolitische Parole.
Das erzeugt Exklusivität und Drohkulisse zugleich:
Wer dazugehört, darf sprechen.
Wer sich bedroht fühlt, gilt als störend.
4. Normbrüche als sprachliche Machtdemonstration
Auch das bewusste Ignorieren von Regeln
ist eine Form von Sprache.
Wenn vereinbart wird, dass keine Nationalflaggen getragen werden sollen –
um einen Raum möglichst sicher zu halten –
und genau diese Vereinbarung demonstrativ gebrochen wird –
dann ist das ein Statement.
Es sagt:
Unsere Botschaft ist wichtiger als euer Sicherheitsgefühl.
Ähnlich wirken Redebeiträge,
die vom Manuskript abweichen und Begriffe wie:
- „anti-imperialistisch“
- „Genozid“
- „comrades in Palestine“
einführen.
Sprache wird hier instrumentalisiert,
um einen queeren Raum politisch zu besetzen –
nicht dialogisch,
sondern dominierend.
5. Auswirkungen auf queere jüdische Menschen
All diese sprachlichen Mechanismen haben Konsequenzen:
- Jüdische Queers ziehen sich zurück.
- Safe Spaces verlieren ihre Schutzfunktion.
- Präsenz wird zur Mutprobe.
- Sichtbarkeit wird riskant.
Sprache entscheidet,
wer als „Teil der Community“ gilt –
und wer als Störfaktor wahrgenommen wird.
Wer die Codes nicht kennt,
hört vielleicht nur politische Parolen.
Wer sie kennt,
hört Drohung,
Ausschluss,
Gewaltgeschichte.
Schluss: Sprache ernst nehmen
Sprache ist nie nur Rhetorik.
Sie formt Räume,
Beziehungen
und Machtverhältnisse.
Wenn queere Räume ihrem Anspruch auf Solidarität gerecht werden wollen,
müssen sie sprachsensibel sein.
Nicht alles, was laut ist, ist progressiv.
Nicht alles, was politisch klingt, ist solidarisch.
Und nicht jede Kritik ist harmlos,
nur weil sie sich queer gibt.
Sprache kann schützen –
oder verletzen.
Sie kann Räume öffnen –
oder sie unbewohnbar machen.
Diese Unterschiede wahrzunehmen,
ist keine Überempfindlichkeit.
Es ist eine Frage von Sicherheit,
Geschichte
und Verantwortung.
—
Text 4 – Beziehung und Nachhall/Beziehungstext
Was bleibt, wenn Vertrauen bricht
Was bleibt, wenn Vertrauen bricht?
Nicht nur Menschen, die leise gehen.
Sondern auch Menschen, die laut gehen.
Mit Beschimpfungen.
Mit Beleidigungen.
Mit Türen, die nicht einfach zufallen,
sondern zugeschlagen werden.
Ich kenne rassistische Beleidigungen
mein ganzes Leben lang.
Ich kenne das N-Wort.
Ich kenne das Gefühl,
nie weiß genug zu sein,
nie deutsch genug,
nie richtig.
Und plötzlich –
nach dem 7. Oktober –
war ich etwas ganz anderes:
eine white colonizer.
Ohne Zwischentöne.
Ohne Fragen.
Ohne Gespräch.
Was bleibt, ist Unverständnis.
Nicht, weil Menschen anderer Meinung sind.
Sondern weil Reden plötzlich unmöglich geworden ist.
Weil Zuhören ersetzt wurde durch Beschimpfen.
Weil Blockieren schneller ging als ein Nachfragen.
Auch bei Menschen, die mich kennen.
Nicht seit zwei Wochen.
Seit Jahren.
Was bleibt, ist Kälte.
Eine Kälte, die ich so nicht kannte.
Da, wo vorher Sommer war –
Nähe, Wärme, Zugehörigkeit –
waren plötzlich minus fünfzehn Grad.
Und manchmal noch ein eiskaltes „Hallo“,
herausgepresst, wenn überhaupt.
Und das alles,
obwohl ich nichts anderes getan habe,
als mich gegen Antisemitismus zu stellen.
Mich um das Leid der Geiseln zu sorgen.
Und auf eine friedliche Lösung zu hoffen,
die Sicherheit und Würde für alle bedeutet.
Für wirklich alle.
Nicht für die einseitige Vernichtung Israels.
Nicht für die Auslöschung eines Landes.
Nicht für das Schweigen über jüdisches Leid.
Aber genau dort verläuft inzwischen oft die Grenze:
Sobald man dieser Vernichtungslogik nicht zustimmt,
ist es vorbei.
Dann brechen Freundschaften,
die jahrelang getragen haben.
Dann wird aus Nähe Eis.
Für mich ist das schwer zu begreifen.
Weil ich immer versucht habe,
zu verstehen.
Zuzuhören.
Auch dann,
wenn wir am Ende nicht derselben Meinung waren.
Ich habe geglaubt,
dass genau das möglich sein muss:
Uneinigkeit – ohne Entmenschlichung.
Ich war lange engagiert.
Im queeren Aktivismus.
Im Trans-Aktivismus.
Im Inter-Aktivismus.
Diese Räume waren Teil meines Lebens.
Meine Community.
Meine Leute.
Heute sind sie es nicht mehr.
Nicht,
weil mir die Ideale verloren gegangen wären.
Feminismus,
Inklusion,
Antidiskriminierung –
daran glaube ich weiterhin.
Aber die Milieus, die diese Worte tragen,
sind mir fremd geworden.
Nicht mehr sicher.
Nicht mehr vertrauenswürdig.
Meine erste Reaktion ist heute Rückzug.
Misstrauen.
Abstand.
Wo ich früher offen war, bin ich vorsichtig.
Wo ich früher enthusiastisch gesagt habe:
„Das sind meine Menschen“,
halte ich heute inne.
Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes.
Aber ich gehe auf Distanz.
Aus Selbstschutz.
Dieses Misstrauen
kommt nicht aus einem einzigen Erlebnis.
Es kommt aus vielen.
Aus Social Media.
Aus privaten Begegnungen.
Aus Angriffen von Fremden –
und von Menschen, die ich kannte.
Und ja:
Im Moment fühlt es sich unwiderruflich an.
Als wäre etwas zerbrochen,
das nicht einfach repariert werden kann.
Vielleicht schmerzt es mich besonders,
weil ich immer dachte,
ich sei zu naiv.
Zu vertrauensvoll.
Zu schnell bereit,
das Gute im Menschen zu sehen.
Und jetzt fühlt es sich an,
als hätte mich genau das eingeholt.
Was bleibt, ist Müdigkeit.
Eine tiefe, leise Müdigkeit.
Nicht nur aus Enttäuschung.
Sondern aus dem Wissen,
dass etwas kaputtgegangen ist,
das einmal getragen hat.
Und doch –
nicht alles ist Verlust.
Es gibt neue Menschen.
Andere Allianzen.
Kleinere Kreise.
Wachere Kreise.
Solidarität,
die kein Megafon braucht.
Die nicht schreit,
sondern bleibt.
Und es gibt einige alte Freundschaften,
die gehalten haben.
Trotz allem.
Vielleicht gerade deshalb.
Zwischen Müdigkeit und Hoffnung stehe ich jetzt.
Mit Vorsicht.
Mit Narben.
Aber auch mit Dankbarkeit für das, was trägt –
leise, zuverlässig, ohne Parolen.
Was bleibt,
wenn Vertrauen bricht?
Nicht nichts.
Aber etwas anderes.
Und vielleicht ist genau hier der Punkt,
an dem wir neu fragen müssen,
wie Beziehung,
Verantwortung
und politische Räume aussehen können,
damit Vertrauen
überhaupt wieder eine Chance hat.
(Pause)
Wenn Vertrauen bricht,
ist das kein privates Gefühl.
Es ist ein politisches Signal.
Die Frage ist nicht nur,
wie wir uns fühlen –
sondern was Räume,
Bewegungen und Communities tun müssen,
damit Sicherheit,
Würde
und Zugehörigkeit
nicht verhandelbar werden.