Eine Bühne für Mitri Raheb: Wenn Antisemitismus als Befreiungstheologie auftritt

Mitri Raheb, die Einladung der Refbejuso und die Frage, was ein kirchliches Bekenntnis gegen Antisemitismus wert ist

Am 25. August 2026 veranstaltete die Fachstelle OeME der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn eine Veranstaltung mit dem Titel „Leben und Studieren in Bethlehem“. Eingeladen war als alleiniger Referent Pfr. Dr. Mitri Raheb, lutherischer Pfarrer und palästinensischer Theologe aus Bethlehem.

Ich konnte an diesem Abend wegen meiner Arbeit nicht teilnehmen. Ich hätte die Veranstaltung besucht. Ich hätte Raheb selbst zuhören wollen. Nicht, weil ich seine Positionen teile, sondern gerade weil ich wissen möchte, was ein Theologe sagt, dem eine reformierte kirchliche Fachstelle in der Schweiz eine Bühne gibt.

Ich schreibe deshalb nicht darüber, weil ein palästinensischer Theologe eingeladen wurde. Eine palästinensische Perspektive auf die Realität in Bethlehem und auf das Leben von Palästinenserinnen und Palästinensern ist selbstverständlich legitim und notwendig. Auch die Politik des Staates Israel darf kritisiert werden. Auch die Not und das Leid der palästinensischen Bevölkerung müssen benannt werden.

Aber nicht jede theologische Deutung ist deshalb legitim, weil sie aus einem Kontext realen Leidens kommt.

Und Mitri Raheb vertritt nicht lediglich eine scharfe Kritik an der israelischen Regierung. Seine öffentlich dokumentierten Aussagen reichen wesentlich weiter. Sie berühren die jüdische Identität, die historische Kontinuität des jüdischen Volkes, das Judentum Jesu und die theologische Beziehung zwischen Kirche und Israel.

Gerade deshalb ist die Frage, warum eine reformierte Kirche ihm eine exklusive Bühne bietet, keine nebensächliche Frage.

„Sie sind nicht Israel“

Mitri Rahebs Positionen sind seit Jahren dokumentiert. Bereits 2010 sprach er auf der Konferenz „Christ at the Checkpoint“ in Bethlehem über die Geschichte des Landes und die Identität seiner Bewohner.

Dabei sagte er unter anderem:

„Die palästinensischen Christen sind genau genommen die einzigen in der Welt, bei denen man, wenn man über ihre Vorfahren spricht, ihre tatsächlichen Vorfahren sowie die Vorfahren im Glauben meint.“

Und:

„So sieht die Wirklichkeit der Völker des Landes aus. Wieder: Sie sind nicht Israel.“

An anderer Stelle erklärte er:

„Es waren unsere Vorfahren, denen die Offenbarung gegeben wurde.“

Diese Sätze sind theologisch nicht belanglos.

Hier wird nicht lediglich behauptet, dass Palästinenser ebenfalls eine lange Geschichte in diesem Land haben. Hier wird eine andere Geschichte konstruiert: Die palästinensischen Christen erscheinen als die eigentlichen Erben der biblischen Geschichte, während das jüdische Volk aus der Identität Israels herausdefiniert wird.

Das ist Enterbungstheologie.

Und Enterbungstheologie ist keine neutrale historische Perspektive. Sie gehört zur langen Geschichte des christlichen Antijudaismus: Die Kirche wird zum eigentlichen Israel, während das jüdische Volk, Israel, selbst seine besondere Stellung verliert.

Raheb überträgt diese Logik auf die palästinensischen Christen. Nicht die Juden seien die eigentlichen Nachkommen der biblischen Geschichte – vielmehr seien es die palästinensischen Christen, die sowohl ihre „tatsächlichen Vorfahren“ als auch deren Glauben geerbt hätten.

Das jüdische Volk wird damit nicht einfach politisch kritisiert. Es wird theologisch aus der eigenen Geschichte herausgeschrieben.

Wenn jüdische Kontinuität mit einem DNA-Test bestritten wird

Besonders deutlich wird diese Konstruktion in einer Passage derselben Rede von 2010.

Raheb erklärte:

„Ich bin sicher, wenn wir einen DNA-Test zwischen David, der ein Bethlehemit war, und Jesus, der in Bethlehem geboren wurde, und Mitri, der genau gegenüber von Jesu Geburtsort geboren wurde, machen würden, würde sich eine Spur zeigen.“

Und dann:

„Wenn man hingegen König David, Jesus und Netanjahu zusammenbringt, erhält man nichts, denn Netanjahu stammt von einem osteuropäischen Stamm ab, der im Mittelalter zum Judentum konvertierte.“

Damit wird eine angeblich biologische Abstammungslinie konstruiert: David, Jesus und Raheb gehören zusammen; zwischen David, Jesus und einem Juden wie Benjamin Netanjahu gebe es dagegen keine Verbindung.

Die Behauptung bedient sich der seit dem 19. Jahrhundert verbreiteten Khazaren-These, nach der die heutigen europäischen Juden im Wesentlichen von einem mittelalterlichen Volk abstammten, das zum Judentum konvertiert sei. Historisch ist diese Vorstellung längst widerlegt; politisch und antisemitisch ist sie vor allem deshalb wirksam, weil sie einen Zweck erfüllt: Sie erklärt Juden zu Fremden in ihrer eigenen Geschichte.

Die Konstruktion ist durchsichtig:

Wenn Juden nicht die Nachkommen der biblischen Israeliten sind, dann können sie auch nicht auf eine historische Verbindung zum Land Israel verweisen. Wenn Jesus und David dagegen über eine biologische Kontinuität mit einem palästinensischen Christen verbunden werden, wird diese Verbindung auf die andere Seite übertragen.

Jesus war Jude

Damit sind wir bei einem weiteren Kern von Rahebs Theologie: der Frage, wer Jesus eigentlich war.

Jesus war Jude.

Das ist keine konfessionelle Meinung. Es ist eine historische Tatsache.

Jesus wurde als Jude geboren, lebte als Jude, betete als Jude und starb als Jude. Die ersten Jüngerinnen und Jünger waren Juden. Das Christentum entstand nicht außerhalb des Judentums, sondern innerhalb einer jüdischen Welt.

Für Raheb ist Jesus selbstredend Palästinenser.

Gerade deshalb ist es theologisch folgenschwer, wenn Jesus aus seinem Judentum herausgelöst und zum palästinensischen Gegenspieler eines späteren jüdischen Staates gemacht wird.

Der langjährige Basler Professor für Neues Testament Ekkehard W. Stegemann bezeichnete diese Argumentation deshalb als eine rassistische „Entjudung“ Jesu von Nazareth und sah darin eine gefährliche Nähe zu den theologischen Konstruktionen der nationalsozialistischen Deutschen Christen.

Das ist eine bemerkenswert harte Kritik. Sie sollte nicht leichtfertig übernommen werden.

Aber man sollte sich ebenso wenig davor fürchten, das Offensichtliche zu benennen.

Wer Juden die jüdische Identität abspricht, indem er ihnen die historische Abstammung von den Menschen der Bibel bestreitet, betreibt keine gewöhnliche Israelkritik.

Das ist rassistische Delegitimierung jüdischer Identität.

Bei Raheb verbindet sich diese Entjudung Jesu mit einer weiteren Gleichsetzung:

Israel verkörpert Rom.

Israel wird damit in die Rolle der fremden, imperialen Macht gestellt. Jesus und die Palästinenser erscheinen auf der anderen Seite als die Unterdrückten.

Hier geschieht etwas, das in der christlichen Geschichte eine lange und blutige Vorgeschichte hat.

Das alte Gottesmordmotiv in neuer Sprache

Die christliche Kirche hat über Jahrhunderte Juden für den Tod Jesu verantwortlich gemacht. Aus der Passion wurde eine Anklage gegen das jüdische Volk. Juden wurden zu Gottesmördern erklärt, verfolgt, aus Städten vertrieben, getauft oder ermordet.

Das sogenannte Gottesmordmotiv gehört zu den ältesten und folgenreichsten Formen des christlichen Antijudaismus.

Heute wird es in der Regel nicht mehr so offen ausgesprochen.

Es braucht das Wort „Gottesmörder“ nicht.

Man kann Jesus entjudaisieren. Man kann Israel mit Rom gleichsetzen. Man kann die heutige politische Auseinandersetzung durch die Passion Jesu deuten und die Palästinenser in die Rolle des gekreuzigten Unschuldigen setzen.

Dann ist das alte Muster wieder da – nur in einer neuen politischen Sprache.

Genau deshalb ist es so problematisch, wenn die Kreuzigung Jesu zur Schablone für den heutigen Konflikt wird.

Israel wird zum Rom der Gegenwart.

Die Palästinenser werden zum leidenden Jesus.

Und der jüdische Charakter Jesu verschwindet ausgerechnet dort, wo seine Passion politisch instrumentalisiert wird.

Das ist christlicher Antijudaismus.

Wenn aus einem Massaker „kreativer Widerstand“ wird

Noch eine andere Frage lässt sich von dieser Theologie nicht trennen: die Frage nach der Gewalt.

Raheb bezeichnete die Hamas als eine „palästinensische politische Bewegung“, die eine „wichtige Rolle“ spiele. In einem Interview mit der ägyptischen Tageszeitung al-Masri al-Youm erklärte er zudem:

„Einige Leute in der Kirche glauben an den bewaffneten Widerstand, und wir widersprechen nicht.“

Und am Tag des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 schrieb Raheb auf Facebook:

„Die Palästinenser entwickeln ständig neue Formen des kreativen Widerstands und der Tapferkeit.“

Das Problem dieser Formulierung ist nicht, dass das Wort „Widerstand“ vorkommt.

Das Problem ist, was dadurch als Widerstand bezeichnet wird.

Am 7. Oktober wurden israelische Zivilistinnen und Zivilisten ermordet, Menschen vergewaltigt, entführt und misshandelt. Familien wurden ausgelöscht. Menschen wurden verbrannt. Das Massaker wurde von der Hamas und ihren Verbündeten bewusst gegen Zivilisten geführt.

Wer eine solche Gewalt als „kreativen Widerstand“ und „Tapferkeit“ bezeichnet, beschreibt sie nicht neutral.

Er gibt ihr eine moralische Bedeutung.

Aus einem Massaker wird Widerstand.

Aus Tätern werden Widerstandskämpfer.

Aus Gewalt wird Tapferkeit.

Das ist Gewaltlegitimation.

Und auch hier ist auffällig, was fehlt: In dem genannten Beitrag verliert Raheb kein Wort über die israelischen Opfer.

Es geht nicht darum, Israel vor Kritik zu schützen

An dieser Stelle muss etwas ausgesprochen werden, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Israel ist kein sakrosankter Staat.

Die israelische Regierung darf kritisiert werden. Ihre Politik darf kritisiert werden. Siedlungspolitik, militärische Entscheidungen und der Umgang mit palästinensischem Leid dürfen und müssen Gegenstand öffentlicher Debatten sein.

Antisemitismuskritik bedeutet nicht, Israel von Kritik auszunehmen. Aber politische Kritik hat eine Grenze dort, wo sie sich in die alten Muster des Antijudaismus und Antisemitismus  verwandelt.

Wenn Juden ihre jüdische Identität abgesprochen wird.

Wenn ihre historische Verbindung zu Israel mit pseudowissenschaftlichen Abstammungstheorien bestritten wird.

Wenn Jesus aus seinem Judentum herausgelöst wird.

Wenn Israel zum neuen Rom erklärt wird.

Wenn die Passion Jesu als politische Schablone für den Konflikt dient.

Wenn Gewalt gegen israelische Zivilisten als „Widerstand“ und „Tapferkeit“ bezeichnet wird.

Dann reden wir nicht mehr nur über politische Israelkritik. Dann reden wir über Antisemitismus und christlichen Antijudaismus.

Die Kirche hat selbst gesagt, was zu tun ist

Und genau hier wird die Veranstaltung vom 25. August zu einem kirchlichen Problem.

Denn die Reformierten Kirchen haben sich nicht erst gestern vorgenommen, Antisemitismus ernst zu nehmen.

Im Mai 2026 verabschiedete die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz ihre Position „Gegen Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft“.

Darin steht:

„Christlicher Antijudaismus kommt deshalb einer Abtrennung von den eigenen Wurzeln gleich.“

Das ist theologisch eindeutig.

Die Kirche erklärt darin ausdrücklich, dass sie ihre eigene Geschichte des Antijudaismus als Schuld anerkennt:

„Wo christliche Lehre, Verkündigung, Bibelauslegung oder kirchliche Praxis jüdische Menschen herabgesetzt, dämonisiert, kollektiv belastet oder aus der Geschichte Gottes verdrängt haben, bekennen wir Schuld. Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.“

Das ist genau der Punkt.

Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.

Nicht: Wir hören sie uns neutral an.

Nicht: Wir stellen ihnen eine zweite Perspektive daneben.

Nicht: Wir berufen uns darauf, dass jede Äußerung legal sei.

Wir widersprechen.

Die Erklärung wird noch deutlicher:

„Wir sagen deshalb klar Nein zu allen Formen des Antisemitismus: zum religiösen Antijudaismus, zum rassistischen Antisemitismus […] zu Dämonisierung, zu Doppelstandards und zu jeder Delegitimierung jüdischen Lebens.“

Und sie beschreibt ausdrücklich die institutionelle Verantwortung der Kirche:

„Kirchliche Räume, Veranstaltungen und Kommunikationskanäle dürfen nicht für antisemitische Inhalte, Symbole, Agitation oder Desinformation zur Verfügung gestellt werden.“

Das gilt ausdrücklich auch dann, wenn solche Inhalte „indirekt, codiert oder unter dem Deckmantel politischer Debatte“ auftreten.

Noch deutlicher heißt es:

„Wo Anzeichen antisemitischer Tendenzen bestehen, genügt kirchliche Neutralität nicht.“

Es brauche Prüfung, Rückfrage, gegebenenfalls Auflagen und – wenn nötig – Absage oder Rückzug.

Und für Veranstaltungen wie die vom 25. August formuliert die Erklärung ausdrücklich:

„Die Kirche prüft Inhalte, Trägerschaften, Referierende und Kommunikationsformen.“

Das sind keine Empfehlungen irgendeiner jüdischen Organisation.

Das ist der Maßstab, den die reformierte Kirche sich selbst gesetzt hat.

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Und dann wurde Mitri Raheb eingeladen

Drei Monate nach dieser Erklärung lud die Fachstelle OeME der Refbejuso Mitri Raheb als alleinigen Referenten ein.

Das ist der Punkt, an dem ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann.

Denn die Frage lautet nicht, ob Raheb das Recht hat, seine Meinung zu äussern.

Natürlich hat er dieses Recht.

Die Frage lautet:

Warum macht eine reformierte kirchliche Fachstelle diese Positionen zu einem Gegenstand kirchlicher Bildungsarbeit, ohne ihnen eine wirkliche Gegenstimme entgegenzustellen?

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Denn eine Gegenstimme ist nicht einfach irgendeine weitere Person auf einem Podium.

Eine Gegenstimme ist eine Stimme, die widerspricht.

Eine jüdische oder jüdisch-theologische Perspektive, die nicht nur die Rolle einer höflichen Ergänzung übernimmt, sondern dort widerspricht, wo jüdische Geschichte, jüdische Identität und jüdische Theologie delegitimiert werden.

Pluralität der Personen ist nicht dasselbe wie Pluralität der Positionen.

Eine Veranstaltung kann formal mehrere Menschen zusammenbringen und dennoch inhaltlich einseitig sein.

Eine Gegenstimme ist keine Gegenstimme, wenn sie am Ende dasselbe Narrativ bestätigt.

Gerade bei einer kirchlichen Veranstaltung über Israel und Palästina ist das entscheidend.

Denn die EKS fordert selbst „sachkundige Stimmen, historische Einordnung und dialogische Fairness“.

Wo war diese Gegenstimme am 25. August?

Und wie wird von kirchlicher Seite darüber berichtet?

Am folgenden Tag erschien im Pfarrblatt Bern ein Bericht unter dem Titel „Kultur als Raum zum Atmen“. Pfarrblatt Bern: „Kultur als Raum zum Atmen“

Der Bericht zeichnet ein ausgesprochen positives Bild des Abends: Mitri Raheb wird als palästinensischer Theologe, Pfarrer und Leiter einer Universität vorgestellt. Die Themen reichen von Bildung und Kultur bis zum Frauenfussball. Auch seine politische Positionierung wird erwähnt; Raheb bezeichnet die israelische Politik als „Siedlerkolonialismus“ und spricht von Kunst als einer „Form des Widerstands“.

Was fehlt, ist die kritische Einordnung dieses Referenten.

Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass Raheb seit Jahren wegen seiner theologischen und politischen Positionen massiv kritisiert wird. Es fehlt der Kontext zu seinen Aussagen über die jüdische Identität Jesu und die historische Kontinuität des jüdischen Volkes. Es fehlt der Kontext zu seiner „Israel verkörpert Rom“-Argumentation und seiner rassistischen DNA-Konstruktion über David, Jesus und Netanjahu. Es fehlt jeder Hinweis auf seine Aussagen zum „bewaffneten Widerstand“ und auf seine Reaktion auf den 7. Oktober 2023.

Noch einmal: Ein Veranstaltungsbericht muss nicht das gesamte Werk eines Referenten analysieren. Aber bei einem kirchlichen Anlass zu Israel und Palästina ist die Frage nach der Einordnung eines Referenten keine Nebensache.

Vor allem dann nicht, wenn dieser Referent nicht Teil eines Podiums mit unterschiedlichen Stimmen ist, sondern allein die Bühne erhält.

Damit wird die fehlende Gegenperspektive selbst zu einer journalistisch relevanten Tatsache.

Denn hier geht es nicht um die Forderung, eine Journalistin hätte während der Veranstaltung die Position der jüdischen Seite übernehmen müssen. Das war nicht ihre Aufgabe. Es war die Aufgabe der Veranstalter, überhaupt dafür zu sorgen, dass eine solche Perspektive hörbar wird.

Aber auch ein Veranstaltungsbericht hätte diese Einseitigkeit sichtbar machen können.

Er hätte beispielsweise darauf hinweisen können, dass Rahebs Positionen kontrovers sind. Er hätte die politische und theologische Brisanz seiner Aussagen kenntlich machen können. Er hätte zumindest die Frage aufwerfen können, welche Perspektiven an diesem Abend fehlten.

Nichts davon geschieht.

Stattdessen wird Rahebs Auftritt im kirchlichen Publikationsorgan vor allem als Geschichte über Kultur, Hoffnung, Bildung und Widerstand erzählt.

Und dann kommt ein bemerkenswerter Satz.

Raheb dankt den Menschen in der Schweiz, die sich „mit Demonstrationen und anderen Initiativen für Palästina engagieren“. Anschliessend sagt er:

„Wir geben nicht auf, dann dürfen Sie auch nicht aufgeben.“

Auch dieser Satz bleibt im Bericht ohne kritische Nachfrage.

Dabei ist es gerade hier notwendig, hinzusehen, wem Raheb dankt und wozu er aufruft. Denn die Schweizer Demonstrationsszene, auf die er sich damit bezieht, ist nicht nur durch friedliche politische Meinungsäusserung geprägt. Zu ihren dokumentierten Erscheinungsformen gehören Ausschreitungen, verletzte Polizisten, massive Sachbeschädigungen und offen antisemitische Parolen.

Der Bericht stellt diese Verbindung nicht her.

Das ist nicht deshalb problematisch, weil ein Pfarrblatt-Artikel zwingend eine umfassende Analyse der Schweizer Palästina-Bewegung liefern müsste. Sondern weil Rahebs Dank an diese Bewegung und sein Aufruf zum Weitermachen dadurch in einem vollkommen unkritischen Deutungsrahmen stehen bleiben.

Und genau hier wird die Frage nach der kirchlichen Verantwortung wieder akut.

Die EKS hat im Mai 2026 selbst festgehalten:

„Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.“

Sie hat ausserdem ausdrücklich erklärt, dass kirchliche Räume, Veranstaltungen und Kommunikationskanäle nicht für antisemitische Inhalte, Agitation oder Delegitimierung jüdischen Lebens zur Verfügung gestellt werden dürfen und dass bei konflikthaften Themen sachkundige Stimmen, historische Einordnung und das hörbare Mitbedenken jüdischer Perspektiven gewährleistet sein müssen.

Am 25. August wurde eine solche Gegenperspektive nicht vorgesehen.

Und am 26. August wurde diese Einseitigkeit im kirchlichen Bericht nicht problematisiert.

Das ist die eigentliche Frage:

Wie viel ist eine kirchliche Erklärung gegen Antisemitismus wert, wenn ihre eigenen Maßstäbe dort nicht angewendet werden, wo sie konkret gebraucht werden?

Ich schreibe das als Jüdin und als Pfarrerin

Ich schreibe diesen Text nicht als unbeteiligte Beobachterin.

Ich bin Jüdin. Und ich bin Pfarrerin.

Ich gehöre damit zu genau jener Kirche, die sich im Mai 2026 zu einer besonderen Verantwortung gegenüber Antisemitismus bekannt hat.

Diese Verantwortung ist nach der eigenen Erklärung der Kirche geistlich, theologisch, pädagogisch und institutionell.

Das bedeutet für mich: Ich kann nicht einfach akzeptieren, dass jüdische Geschichte aus christlicher Theologie herausgeschrieben wird, nur weil diese Theologie aus einem palästinensischen Kontext kommt.

Ich kann das Leid von Palästinenserinnen und Palästinensern anerkennen, ohne eine Theologie zu akzeptieren, die dafür Israel zum neuen Rom erklärt.

Ich kann die Politik Israels kritisieren, ohne Juden ihre jüdische Identität abzusprechen.

Ich kann die palästinensische Geschichte hören wollen, ohne die jüdische Geschichte zum Schweigen zu bringen.

Und ich kann mich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, ohne die Ermordung israelischer Zivilisten als „kreativen Widerstand“ zu akzeptieren.

Das eine schliesst das andere nicht aus. Im Gegenteil. Gerade eine christliche Kirche müsste dazu fähig sein Denn sie hat selbst erklärt:

„Die Kirche lebt nicht gegen das Volk Israel, sondern aus den Verheissungen Gottes, die sie mit diesem verbindet.“

Wenn das mehr sein soll als eine schöne Formulierung, muss es Konsequenzen haben.

Eine Erklärung ist nur so viel wert wie ihre Anwendung

Ich erwarte von meiner Kirche nicht, dass sie Israel unkritisch unterstützt.

Ich erwarte auch nicht, dass sie palästinensisches Leid verschweigt.

Ich erwarte etwas viel Grundsätzlicheres:

Ich erwarte, dass sie Antisemitismus erkennt, auch wenn er sich als Befreiungstheologie präsentiert.

Ich erwarte, dass sie christlichen Antijudaismus nicht dadurch legitimiert, dass er aus einem anderen politischen Kontext kommt.

Ich erwarte, dass sie jüdische Perspektiven nicht als dekoratives Element eines „Dialogs“ behandelt.

Und ich erwarte, dass sie ihre eigenen Beschlüsse ernst nimmt.

Denn im Mai hat die reformierte Kirche geschrieben:

„Wo alte Muster in neuer Sprache wiederkehren, widersprechen wir.“

Dann widersprecht.

Nicht irgendwann.

Nicht erst, wenn eine jüdische Gemeinde protestiert.

Nicht erst, wenn eine Veranstaltung öffentliche Kritik hervorruft.

Sondern dort, wo die alten Muster auftauchen.

Eine Erklärung gegen Antisemitismus ist nur so viel wert wie ihre Anwendung in der Praxis.

Und genau daran muss sich die reformierte Kirche jetzt messen lassen.


Quellen und weiterführende Literatur

Primärquellen: Mitri Raheb

  • Raheb, Mitri: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1994.
  • Raheb, Mitri: Bethlehem Besieged: Stories of Hope in Times of Trouble. Minneapolis: Augsburg Fortress, 2004. Deutsche Ausgabe: Bethlehem hinter Mauern. Geschichten der Hoffnung aus einer belagerten Stadt. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2005.
  • Raheb, Mitri: Faith in the Face of Empire: The Bible through Palestinian Eyes. Maryknoll: Orbis Books, 2014.
  • Raheb, Mitri: Decolonizing Palestine: The Land, the People, the Bible. Maryknoll: Orbis Books, 2023.
  • Raheb, Mitri: Vortrag bei der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, Bethlehem, März 2010. Insbesondere die dort dokumentierten Aussagen zu „Israel represents Rome“, zur palästinensischen Identität Jesu sowie zur DNA von David, Jesus, Raheb und Netanjahu. Die DNA-Aussage ist unter anderem bei Tricia Miller dokumentiert.
  • Raheb, Mitri: The Way Forward: From Kairos Palestine to a Kairos Movement for Global Justice.
  • Raheb, Mitri: Call Things by Their Name, Kairos Palestine, 2019.

Kairos-Palästina und palästinensische Befreiungstheologie

  • Kairos Palestine: A Moment of Truth: A Word of Faith, Hope and Love from the Heart of Palestinian Suffering, Bethlehem, 2009. Mitri Raheb gehört zu den Autoren des Dokuments.
  • Miller, Tricia: Jews and Anti-Judaism in Esther and the Church. Cambridge: James Clarke & Co., 2015, insbesondere S. 163–164.
  • Wonnerth-Stiller, Livia: „Palästinensische Theologie als Streitkultur“, in: Uta Heil / Annette Schellenberg (Hg.), Theologie als Streitkultur, Göttingen 2021, S. 360–361.

Analysen und kritische Einordnungen zu Raheb

Kirchliche Grundlagen

  • Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS): Gegen Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft, verabschiedet im Mai 2026. Insbesondere die Abschnitte zur theologischen Verantwortung der Kirche, zum christlichen Antijudaismus, zur Delegitimierung jüdischen Lebens sowie zur Verantwortung für kirchliche Räume, Veranstaltungen, Podien und Kommunikationskanäle.

Aktueller Anlass

2 Kommentare zu „Eine Bühne für Mitri Raheb: Wenn Antisemitismus als Befreiungstheologie auftritt

  1. Es ist unerheblich, welcher Religion sich ein Mensch zugehörig fühlt. Entscheidend ist, dass er anderen mit Würde und Respekt begegnet, auch wenn er mit ihren Überzeugungen und ihrer Weltanschauung nicht übereinstimmt.

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  2. Wenn ein christlicher Theologe das Hamas-Massaker vom 07.10.23 «kreativen Widerstand» nennt, dann frage ich mich als nicht-christlichen Nicht-Theologen, was Christentum, Theologie und christliche Theologie eigentlich sein wollen oder sollen.

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